Ein umstrittenes Angebot für Raucher

Die Früherkennung für Lungenkrebs erhält vom Bund eine Absage. Eine Stiftung um Felix Gutzwiller bietet dennoch entsprechende Untersuchungen an.

Wird heute Lungenkrebs diagnostiziert, ist es oft schon zu spät: Lunge eines 64-jährigen Mannes.  Foto: Science Photo Libary (Keystone)

Wird heute Lungenkrebs diagnostiziert, ist es oft schon zu spät: Lunge eines 64-jährigen Mannes. Foto: Science Photo Libary (Keystone)

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Die Zurückhaltung des BAG rückt die private Stiftung für Lungendiagnostik in den Fokus. Diese bietet seit gut einem halben Jahr ein umstrittenes Früherkennungsprogramm an, das mit emotionalen TV-Spots für negative Reaktionen sorgte. Bei der Lungenkrebs-Früherkennung werden Patienten mit einem Computertomogramm bei niedriger Energie (Low-Dose-CT) untersucht und bei verdächtigen Befunden weiter abgeklärt. Die Stiftung arbeitet dabei mit dem Lungenzentrum Hirslanden Zürich zusammen, welches die Früherkennung für Raucher seit 15 Jahren anbietet und dafür immer wieder in der Kritik stand.

Sie ist ein alter Traum der Mediziner und die grosse Hoffnung vieler langjähriger Raucher: die Früherkennung von Lungenkrebs. Seit 2011 die grosse US-Studie «National Lung Screening Trial» (NLST) wegen positiver Resultate vorzeitig beendet wurde, diskutieren Fachleute weltweit die Einführung solcher Früherkennungsangebote. In der Schweiz ist eine Gruppe aus Universitäts- und Kantonsspitälern mit einem entsprechenden Vorhaben ans Bundesamt für Gesundheit (BAG) gelangt.

Wie jetzt bekannt wird, trat die zuständige Kommission Anfang Juni jedoch nicht auf das Gesuch auf Krankenkassenvergütung ein. Für eine Beurteilung sei die Studienlage zu dünn und man solle die Veröffentlichung einer grossen europäischen Studie abwarten, lautete die Begründung. «Das ist aus unserer Sicht in Ordnung, da es ein ­vorsichtiges Vorgehen unterstützt und nichts überstürzt», sagt Milo Puhan, Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Er ist massgeblich am Gesuch beteiligt.

Gutzwiller schweigt

Stiftungsrat ist Felix Gutzwiller, Präventivmediziner und Zürcher Alt-FDP-Ständerat. Er verleiht dem Angebot eine Seriosität, die gemäss Gesundheitsligen und vielen Fachleuten zumindest zweifelhaft ist. Pikanterweise ist Gutzwiller der Vorgänger von Milo Puhan, der Mitte 2013 das Institut für Sozial- und Präventivmedizin übernommen und umbenannt hat. Puhan ist einer der Mediziner, die sich immer wieder öffentlich kritisch geäussert haben.

Gutzwiller will sich gegenüber dem «Tages-Anzeiger» zu seinem Engagement nicht äussern. Die Differenzen zu dem Vorhaben der Uni- und Kantonsspitäler seien «recht marginal», schreibt er. Allerdings sind die Kritikpunkte eher grundlegend als marginal. Hier die wichtigsten:

  • Die Stiftung für Lungendiagnostik sei viel zu grosszügig, was die Einschlusskriterien für eine Früherkennung betrifft, finden Kritiker. Dadurch droht die CT-Messung am Ende mehr zu schaden, als zu nützen. So setzt die Stiftung den Zigarettenkonsum, ab welchem eine Früherkennung gemacht werden kann, viel tiefer an als die wegweisende US-Studie NLST. Dort lag die Grenze bei 30 Pack-Years, bei der Stiftung reichen 20. (Ein Pack-Year entspricht dem Konsum einer Schachtel pro Tag während eines Jahres.) Auch beim Alter ist die Stiftung weniger strikt. Statt ab 55, wie in der US-Studie wissenschaftlich untersucht, können Raucher bei der Stiftung bereits fünf Jahre früher ins CT – dies, obwohl in der Schweiz Lungenkrebs in dem Alter noch selten ist. Die Folgen der aufgeweichten Kriterien: mehr Fehlalarme, mehr Folgeuntersuchungen, mehr Komplikationen und mehr unnötige Behandlungen durch Zufallsbefunde, die unerkannt gar nie zu Problemen geführt hätten. Deutlich mehr gefährliche Lungentumore dürften dadurch jedoch kaum gefunden werden.

  • Die Schäden seien auch finanzieller Natur, wird moniert. Der Grund: Das private Programm verursacht der Grundversicherung Mehrkosten ohne belegten Nutzen. Patienten müssen ihre Untersuchung zwar selber berappen – wobei die Stiftung die rund 400 Franken für die CT-Messung mit Spenden auf weniger als die Hälfte verbilligt. Doch selbst mit strengen Einschlusskriterien der amerikanischen NLST-Studie sind 40 Prozent der Befunde im CT auffällig und bedürfen weiterer Abklärungen – die dann in den allermeisten Fällen Entwarnung geben können. Diese zusätzlichen Untersuchungen und CTs muss dann die Grundversicherung zahlen, weil sie aufgrund eines medizinischen Verdachts notwendig werden.

  • Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Rauchentwöhnung. Die Stiftung motiviert nur sehr zurückhaltend zum Rauchstopp, ein verbindliches Angebot eines Rauchentwöhnungsprogramms fehlt. Dadurch besteht die Gefahr, dass Raucher von der Möglichkeit einer Früherkennung oder unauffälligen Befunden ermutigt werden und länger oder stärker rauchen, als sie sonst würden. Die Folge wären mehr statt weniger Lungenkrebs.

  • Die Informationen der Stiftung heben einseitig Vorteile der Früherkennung hervor, eine nüchterne Abwägung ist für Interessierte dadurch schwierig. Bei der Früherkennung handle es sich um «eine zuverlässige, schnelle, unkomplizierte, diskrete, sichere, preisgünstige Untersuchung», heisst es auf der Website. Hinweise auf Folgekosten und -untersuchungen oder mögliche Risiken fehlen oder werden heruntergespielt. Das Thema Überdiagnosen wird nicht angeschnitten: Laut einer Studie im «Jama Internal Medicine» 2013 wurde geschätzt, dass rund jeder fünfte früh diagnostizierte und behandelte Lungentumor nie zu Problemen geführt hätte. Auch die vielleicht aufschlussreichste Angabe ist auf der Website nicht auffindbar: In der US-Studie NLST starben von 1000 Personen trotz Früherkennung 11 an Lungenkrebs, ohne CT waren es 14. Beim Angebot der Stiftung dürfte der Nutzen noch weniger beeindruckend ausfallen.

Ohne Hilfe der Tabakindustrie

All diese Punkte sind für den emeritierten Medizinprofessor Gutzwiller nicht problematisch. Er verweist auf den Geschäftsführer der Stiftung, Jürg Hurter. Dieser hatte zuletzt in der «SonntagsZeitung» betont, dass hinter der Kritik letztlich Neid und Konkurrenzdenken der öffentlichen Spitäler stehe. Immerhin in einem Punkt nimmt Gutzwiller Stellung: Der Verdacht, dass hinter der Stiftung die Tabakindustrie stecken könnte, müsse er mit aller Deutlichkeit zurückweisen: «Die Mitglieder der Stiftung hatten nie Kontakt mit der Tabakindustrie in dieser Sache, und selbstverständlich ist keinerlei Zuwendung erfolgt.»

Erstellt: 14.07.2016, 19:47 Uhr

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