Eine gefestigte Psyche hilft gegen Erkältungen

In der Schnupfensaison teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen – die einen kämpfen sich von Infekt zu Infekt. Andere erwischt es fast nie. Woran liegt das?

Schlaf- und Bewegungsmangel schwächen die Abwehrkräfte, und es lauern auch noch mindestens 100 Viren, die Erkältungsleiden auslösen können. Foto: Getty Images

Schlaf- und Bewegungsmangel schwächen die Abwehrkräfte, und es lauern auch noch mindestens 100 Viren, die Erkältungsleiden auslösen können. Foto: Getty Images

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Gestern Abend fühlte sie sich völlig gerädert und legte sich früh ins Bett, trotzdem geht heute gar nichts mehr. Der Schädel brummt, die Muskeln und Gelenke schmerzen, an Aufstehen ist nicht zu denken. Sie muss kapitulieren und sich krankmelden. Dabei hat sie erst vor zehn Tagen den letzten Infekt überstanden. Der Kollege hingegen ist das blühende Leben, auch in aller November­nebeldüsternis. Nicht mal einen Schnupfen holt er sich, während der Rest des Teams einer nach dem anderen ausfällt.

Wie kommt es, dass die Bereitschaft, Infekte auszubrüten, so unterschiedlich ausgeprägt ist? Der Volksmund hat Umschreibungen dafür gefunden, dass der eine schon flachliegt, sobald am anderen Ende des Raums jemand niest. «Schwache Konstitution» heisst es dann oft oder: «Der ist halt anfällig.» Ein «schlechtes Immunsystem» wird auch gern ferndiagnostiziert. Aber was bedeutet das? Und woran liegt es?

«Die Frage ist tricky», sagt Antonius Schneider, Chef der Allgemeinmedizin am Klinikum rechts der Isar in München. «Die Psychoimmunologie spielt sicher eine wichtige Rolle. So ist bekannt, dass Menschen, die oft niedergeschlagen sind, eher eine Erkältung bekommen.» Schon im Jahr 2000 ist im Fachmagazin «Lancet» eine Studie erschienen, in der eine deutliche Häufung von Erkältungsleiden bei jenen Senioren festgestellt wurde, die Zeichen einer Depression aufwiesen und sich oft einsam fühlten. Gleichaltrige, die besser gestimmt waren und Freunde und Familie um sich wussten, wurden mit den Viren hingegen besser fertig und seltener krank.

Regelmässige Streicheleinheiten als schützende Faktoren

Für die wichtige Rolle der Psyche sprechen weitere Befunde. So gelten regelmässige Streicheleinheiten gar als schützende Faktoren. Obwohl – zumindest beim Küssen – Zigtausende Keime direkt weitergegeben werden, überwiegt der positive Stimulus für das Immunsystem durch innig-intime Beziehungen und zarte Berührungen, was in der Forschung nüchtern als «social support», also soziale Unterstützung, bezeichnet wird. Geschätzt und geliebt zu werden, vermindert Stress, baut Spannungen ab und lässt sogar Wunden besser heilen. Dadurch wird das Immunsystem gestärkt, wie mittlerweile etliche Detailmessungen der Abwehrzellen, Zytokine und anderer Botenstoffe gezeigt haben – und das schützt nebenbei auch vor Erkältungen.

Ähnlich wird das Phänomen erklärt, dass Eltern seltener an Erkältungen erkranken als Singles oder kinderlose Paare. Es erwischt sie nicht so oft, auch wenn kleine Kinder als bewegliche Infektquellen stets um sie herumwuseln. Psychologen und HNO-Ärzte aus der US-Stadt Pittsburgh haben das gezeigt, indem sie nicht nur die subjektive Wahrnehmung der Patienten berücksichtigten, sondern fast 800 gesunden Freiwilligen Nasentropfen mit Erkältungsviren gaben und nachfolgend das Geschehen in Hals und Rachen sowie die Immunantwort erfassten. «Mit der Anzahl der Kinder sinkt das Risiko für Erkältungen», schreiben die Psychologen um Sheldon Cohen. «Dieser Effekt hat sich sogar bei jenen Eltern gezeigt, deren Kinder schon nicht mehr zu Hause leben.»

Vermutlich hängt es auch mit der Mischung aus Beziehungen und Belastungen zusammen, dass ganz junge ­Eltern nicht so gut vor Erkältungen geschützt sind wie jene, die bereits 25 Jahre oder älter sind, wenn sich der Nachwuchs einstellt. Wer noch als Teenager oder in der Ausbildung Mutter oder Vater wird und womöglich alleinerziehend ist, hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, die das überlagern, was gern als «Freuden der Elternschaft» verklärt wird. Das drückt auf die Psyche, und die Viren haben leichteres Spiel.

Alles auf die Gemütsverfassung zu schieben, wäre indes zu einfach. «Man kennt mindestens 100 verschiedene Viren, die diese Infekte auslösen können», sagt Thomas Kühlein, Chef der Allgemeinmedizin an der Uniklinik Erlangen. «Und so dauert eine Erkältung mal länger, mal kürzer, und man selbst ist auch nicht immer gleich. Die schlechte Nachricht: Die Krankheit ist unheilbar – die gute Nachricht: Sie geht nahezu immer ohne Schaden vorüber. Wir sind danach wieder die Alten, aber die Infekte nerven eben und quälen uns.»

Mit zunehmendem Alter bekommt das Abwehrsystem Übung

Andere äussere Faktoren wie Schlafmangel machen den Körper ebenfalls anfälliger. Regelmässig weniger als fünf Stunden Nachtruhe zu haben, schwächt die Abwehrkräfte, dieser Effekt macht sich tendenziell schon nach einer durchwachten Nacht bemerkbar – anschliessend kommt es leichter zu einer Infektion. Wer regelmässig Alkohol trinkt, sich wenig bewegt und nicht oft draussen ist, muss ebenfalls häufiger mit Erkältungen rechnen.

Und was ist mit denen, die beruflich ständig Kontakt mit Menschen haben? «Als Assistenzarzt in der Hausarztpraxis hatte ich gefühlt ein Jahr lang einen geröteten Rachen und Halsschmerzen – irgendwann war es vorbei, jetzt bin ich nur noch selten krank», sagt Allgemein­mediziner Schneider dazu. Das Abwehrsystem bekommt Übung, deshalb werden mit zunehmendem Alter auch etliche Infekte seltener. «Warum man Erkältungen kriegt, ist im Einzelfall schwer zu sagen», sagt Allgemeinmediziner Kühlein. Wichtig sei es, die alte therapeutische Regel zu beachten: Mit Arzt dauert es zwei Wochen, ohne 14 Tage.

Erstellt: 29.11.2019, 20:08 Uhr

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