Eine Gentech-Mücke könnte helfen

In Florida haben sich schon 46 Personen mit dem Zika-Virus angesteckt. Nun steht der Einsatz eines genmanipulierten Insekts zur Diskussion.

Um die Zika-übertragenden Mücken zu kontrollieren, spritzen die Behörden von Miami Insektizide. Foto: Getty Images

Um die Zika-übertragenden Mücken zu kontrollieren, spritzen die Behörden von Miami Insektizide. Foto: Getty Images

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Der Kampf gegen Zika-Infektionen wird in den USA an zwei Fronten geführt: in Miami, wo die ersten Ansteckungen auf nordamerikanischem Boden auftauchten, und im Kongress, wo die Politiker die Entwicklung eines Zika-Impfstoffs behindern. Am stärksten besorgt ist die Tourismusbranche in Florida: Die Zahl der Übernachtungen ist im August gegen den üblichen Trend gesunken.

Vor einer Reise ins Zentrum der Zika-Ansteckungen in Miami rät die Gesundheitsbehörde vorerst nur Schwangeren ab sowie Eltern, die ein Kind planen. Allerdings scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Zika-Virus über Miami hinaus ausbreitet. Das Virus gelangte aus der Karibik und Lateinamerika im Frühsommer nach Florida, wo die ausgedehnten Sümpfe einen idealen Nährboden für die Mücken bilden. Wenn es bislang gelang, eine Ausbreitung zu verhindern, so deshalb, weil die Behörden das Gebiet im Zentrum von Miami wiederholt mit Insektiziden aus Flugzeugen besprühten und soweit möglich alle offenen Wasserflächen trockenlegten. Der Wirkungskreis einer Mücke reicht nicht über 200 Meter hinaus.

Fünf neue Fälle in Miami Beach

In Wynwood allerdings, einem trendigen Stadtteil von Miami und Zentrum der Infektionen, blieben die Gäste seit Aufflackern der Zika-Gefahr aus. Restaurants berichten von 40 bis 60 Prozent weniger Kunden. Vor zehn Tagen sorgte eine Meldung über fünf neue Fälle in Miami Beach für Aufsehen. Dieser Stadtteil liegt direkt am Meer. Starke Winde sowie Hochhäuser verhindern hier ein wirksames Besprühen mit Insektiziden aus der Luft. Als Folge davon liegen nun die Hotelbuchungen in Miami – mitten in der Hochsaison – um mehr als 4 Prozent tiefer als im Vorjahr.

Der Vergnügungspark Disney World in Orlando liegt 400 Kilometer vom Ansteckungsherd in Miami entfernt, gibt aber den Besuchern bereits Mückensprays ab und informiert sie über die Risiken einer Ansteckung und die Prävention. Disney erlebte 2002 zum letzten Mal einen starken Besucherrückgang, als das West-Nil-Virus die USA erfasste und 236 Menschen das Leben kostete.

Präsident Barack Obama drängt den Kongress, einen Kredit von 1,8 Milliarden Dollar für einen Zika-Impfstoff freizugeben. Das National Institute of Health hat die erste Entwicklungsphase abgeschlossen, braucht aber zusätzliche Mittel, um das Präparat zu testen.

Doch der zerstrittene Kongress weigert sich seit Februar, die Mittel zu sprechen. Die Republikaner wollen den Antrag dazu verwenden, die verhasste Organisation Planned Parenthood zu unterminieren, die in der Empfängnisverhütung in Puerto Rico engagiert ist. Auch versuchen sie, zum x-ten Mal die Krankenversicherungsreform Obamacare zu schwächen, was die Demokraten veranlasste, auf stur zu schalten. Das Zika-Budget sei das denkbar schlechteste Beispiel, sich in den Parteigräben zu verschanzen, warnte Obama, denn die Mücken machten keinen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern.

Die Lage in den Vereinigten Staaten spitzt sich zu. 2517 Zika-Ansteckungen sind der US-Gesundheitsbehörde CDC zurzeit in den amerikanischen Bundesstaaten bekannt. Zählt man die amerikanischen Aussengebiete Amerikanisch-Samoa, Puerto Rico und US Virgin Islands hinzu, sind es sogar 11?528 Personen. Infiziert haben sie sich durch einen Stich von der in tropischen Regionen lebenden Ägyptischen Tigermücke Aedes aegypti oder weniger häufig durch sexuellen Kontakt. Die meisten steckten sich auf Reisen in Übertragungsgebieten an. Doch seit Ende Juli finden die Behörden auch in Florida Mücken, die das Virus in sich tragen. Betroffen sind die Stadtviertel Wynwood und Miami Beach in Miami. Bereits 46 Personen haben sich laut CDC vor Ort angesteckt. Nun hat die US-Arzneimittelbehörde FDA entschieden, landesweit alle Blutkon­serven auf das Virus zu testen.

Bisher dachte man, dass eine Zika-Infektion nur bei Kindern schwere Schäden verursacht und für Erwachsene harmlos ist. Doch gemäss einer neuen Studie, welche Forscher von der Rockefeller University in New York im Fachjournal «Cell Stem Cell» veröffentlichten, richtet das Virus auch im ausgewachsenen Gehirn Schaden an. Befallen werden die Vorläuferzellen, die vor allem für Lern- und Gedächtnisprozesse wichtig sind. Was das für die kognitiven Fähigkeiten heisst, bleibt unklar.

Um die weitere Ausbreitung des Infektionsherdes zu verhindern, arbeiten die lokalen Behörden von Miami-Dade County auf Hochtouren. Frank Calderon, der Mediensprecher von der Miami-Dade-Mückenbekämpfung, sagt: «Gegen die Mücken spritzen wir mit Trucks oder von Hand mit Rucksacksprayern Insektizide, und gegen Moskitolarven streuen wir aus der Luft oder vom Boden aus Biozid.» Zusätzlich verteilen sie Insektenschutzmittel und klären die Bevölkerung auf, wie man sich vor einer Ansteckung schützt. Die Anwohner sollen langärmlige Kleider tragen und Moskitonetze an den Fenstern anbringen. Auch durchsuchen die Behörden die betroffenen zwei Bezirke nach möglichen Brutplätzen und beseitigen diese.

Allerdings ist dies schwierig, denn Aedes aegypti benötigt nur minimale Wassermengen, um sich fortzupflanzen. Ihr reicht stehendes Wasser in Gefässen, die so gross sind wie ein Flaschendeckel, damit sich die Larven entwickeln können. Weil die Mücke in und um die Häuser von Menschen lebt, befinden sich die Brutplätze meist auf privatem Grund. «Dort können wir nur behandeln, wenn die Bewohner uns die Erlaubnis erteilen oder uns um Hilfe bitten», so Calderon. Somit dürfte es nicht einfach sein, diese Mücke vollständig zu eliminieren.

Kontroverse Bekämpfung

Eine weitere Möglichkeit, die gefährlichen Insekten zu kontrollieren, sind gentechnisch modifizierte Mücken. Ihr Einsatz ist derzeit südlich von Miami auf der Inselkette Florida Keys ein heiss diskutiertes Thema. Der Auslöser war das Denguefieber, welches 2009 und 2010 auf den Inseln grassierte. «Wir hatten fast hundert Fälle», sagt Beth Ranson von der Pressestelle der lokalen Behörde Florida Keys Mosquito Control. «Deswegen kontaktierten wir Oxitec.»

Dieses britische Biotechnologie-Unternehmen hat eine Gentech-Mücke namens OX513A entwickelt. Sie trägt ein Gen in sich, mit welchem sie ausserhalb des Labors nicht überlebensfähig ist. Weil ihr eine Chemikalie namens Tetrazyklin fehlt, stirbt sie nach zwei Tagen. Freigelassen werden nur Männchen, die nicht stechen. Wenn diese sich mit anderen Mücken paaren, erhalten auch die Nachkommen das künstliche Gen. Diese gehen bereits im Larvenstadium ein. «Die Mückenpopulation wird so um über 90 Prozent reduziert», sagt Hadyn Parry, CEO von Oxitec. Um die Zahl dauerhaft tief zu halten, ist es nötig, die Labortiere zwei- bis dreimal die Woche auszusetzen. Diese Strategie ermöglicht, das Übertragungsrisiko von Krankheiten wie Dengue, Chikunguya oder Zika auf ein Minimum zu reduzieren.

Diese Methode wenden Länder wie Brasilien, Panama oder die Cayman-Inseln bereits seit 2009 an. Aber noch ist nicht entschieden, ob sie auch in den USA zum Einsatz kommt, denn die Bevölkerung wehrt sich. Nach einem Referendum kommt diese Frage am 8. November zur Abstimmung. Allerdings handelt es sich dabei nur um einen nicht bindenden Volksentscheid. Doch gemäss Auskunft der Florida Keys Mosquito Control möchten die Verantwortlichen den Volkswillen respektieren.

Falls die Anwohner sich für die Gentech-Mücke aussprechen, steht der Aktionsplan bereits fest. Dann möchten die Behörden noch in diesem Jahr den ersten Testlauf in der kleinen Region Key Haven beginnen. Das Quartier, welches etwa 400 Häuser umfasst, wollen sie in drei Zonen einteilen. Im einen Bereich möchten sie die Labor-Moskitos aussetzen, der andere bleibt unbehandelt. Dazwischen soll eine genügend grosse Pufferzone liegen, welche die Mücken nicht überwinden können. Der Testlauf soll bis zu 22 Monate dauern, bis sich zeigt, ob die gesamte Inselkette die genmo­difizierten Mücken künftig auf Dauer einsetzen kann.

Gemäss Oxitec-Chef Parry wird wegen der aktuell heiklen Situation mit den Zika-Fällen diskutiert, ob die Genehmigungsprozeduren beschleunigt werden könnten. Doch 260 Kilometer nördlich, in der Zika-geplagten Stadt Miami, wollen die lokalen Behörden nichts von den genmodifizierten Mücken wissen. Sie werden weiterhin Insektizid und Biozid mit Trucks austragen. Calderon gibt sich trotz den schwierigen Bedingungen zuversichtlich: «Wir werden mit den gleichen Massnahmen weitermachen wie bisher. So lange, bis wir die Zika-Infektionen und die Mücken in den Griff bekommen.»

Erstellt: 31.08.2016, 23:21 Uhr

Banges Warten auf den Zika-Impfstoff

Der Disney-Vergnügungspark gibt vorsorglich Mückenspray an die Besucher ab.

Der Kampf gegen Zika-Infektionen wird in den USA an zwei Fronten geführt: in Miami, wo die ersten Ansteckungen auf nordamerikanischem Boden auftauchten, und im Kongress, wo die Politiker die Entwicklung eines Zika-Impfstoffs behindern. Am stärksten besorgt ist die Tourismusbranche in Florida: Die Zahl der Übernachtungen ist im August gegen den üblichen Trend gesunken.

Vor einer Reise ins Zentrum der Zika-Ansteckungen in Miami rät die Gesundheitsbehörde vorerst nur Schwangeren ab sowie Eltern, die ein Kind planen. Allerdings scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Zika-Virus über Miami hinaus ausbreitet. Das Virus gelangte aus der Karibik und Lateinamerika im Frühsommer nach Florida, wo die ausgedehnten Sümpfe einen idealen Nährboden für die Mücken bilden. Wenn es bislang gelang, eine Ausbreitung zu verhindern, so deshalb, weil die Behörden das Gebiet im Zentrum von Miami wiederholt mit Insektiziden aus Flugzeugen besprühten und soweit möglich alle offenen Wasserflächen trockenlegten. Der Wirkungskreis einer Mücke reicht nicht über 200 Meter hinaus.

Fünf neue Fälle in Miami Beach

In Wynwood allerdings, einem trendigen Stadtteil von Miami und Zentrum der Infektionen, blieben die Gäste seit Aufflackern der Zika-Gefahr aus. Restaurants berichten von 40 bis 60 Prozent weniger Kunden. Vor zehn Tagen sorgte eine Meldung über fünf neue Fälle in Miami Beach für Aufsehen. Dieser Stadtteil liegt direkt am Meer. Starke Winde sowie Hochhäuser verhindern hier ein wirksames Besprühen mit Insektiziden aus der Luft. Als Folge davon liegen nun die Hotelbuchungen in Miami – mitten in der Hochsaison – um mehr als 4 Prozent tiefer als im Vorjahr.

Der Vergnügungspark Disney World in Orlando liegt 400 Kilometer vom Ansteckungsherd in Miami entfernt, gibt aber den Besuchern bereits Mückensprays ab und informiert sie über die Risiken einer Ansteckung und die Prävention. Disney erlebte 2002 zum letzten Mal einen starken Besucherrückgang, als das West-Nil-Virus die USA erfasste und 236 Menschen das Leben kostete.

Präsident Barack Obama drängt den Kongress, einen Kredit von 1,8 Milliarden Dollar für einen Zika-Impfstoff freizugeben. Das National Institute of Health hat die erste Entwicklungsphase abgeschlossen, braucht aber zusätzliche Mittel, um das Präparat zu testen.

Doch der zerstrittene Kongress weigert sich seit Februar, die Mittel zu sprechen. Die Republikaner wollen den Antrag dazu verwenden, die verhasste Organisation Planned Parenthood zu unterminieren, die in der Empfängnisverhütung in Puerto Rico engagiert ist. Auch versuchen sie, zum x-ten Mal die Krankenversicherungsreform Obamacare zu schwächen, was die Demokraten veranlasste, auf stur zu schalten. Das Zika-Budget sei das denkbar schlechteste Beispiel, sich in den Parteigräben zu verschanzen, warnte Obama, denn die Mücken machten keinen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern.
Walter Niederberger

Die Lage in Europa

33 Schweizer angesteckt

In Europa gibt es bereits 1334 Zika-Infektionen, davon sind 75 schwangere Frauen. Auch 33 Schweizer sind laut BAG betroffen. Alle haben sich auf Reisen oder sexuell angesteckt. Bislang seien keine lokalen Zika-Infektionen durch Mücken bekannt, äusserte sich die europäische Gesundheitsbehörde ECDC auf Anfrage. Dies liegt daran, dass die Zika-übertragende Mücke Aedes aegypti auf dem europäischen Festland nicht vorkommt. Allerdings vermuten Forscher, dass die in Europa verbreitete Mückenart Aedes albo­pictus, auch Asiatische Tigermücke genannt, ebenfalls Zika weitergeben kann. Diese kommt in der Schweiz vor allem im Tessin vor. Ob sie den gefährlichen Erreger tatsächlich verbreiten kann, möchte nun der Mückenexperte Alexander Mathis von der Universität Zürich untersuchen. (aa)

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