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Eine Nase für den Heuschnupfen

Charles Harrison Blackley entdeckte die Pollenallergie. Seine körperliche Selbstaufopferung auf der Suche nach der Ursache des Heuschnupfens können wohl nur Betroffene nachvollziehen.

Gefürchteter Pollenflug: Viele Allergiker reagieren auf Gräserpollen wie diejenigen des Gewöhnlichen Knäuelgrases. Foto: Martin Siepmann (Getty Images)
Gefürchteter Pollenflug: Viele Allergiker reagieren auf Gräserpollen wie diejenigen des Gewöhnlichen Knäuelgrases. Foto: Martin Siepmann (Getty Images)

Zeitweilig galt es als schick, unter Heuschnupfen zu leiden, quasi als gesellschaftliche Auszeichnung. Schliesslich schienen nur Engländer und Amerikaner das frühsommerliche Naselaufen und Augentränen zu bekommen, also ­irgendwie hochzivilisierte Menschen. Zudem entwickelten offenbar nur gebildete Personen bestimmter Schichten die Symptome und Städter häufiger als Dorfbewohner. Heuschnupfen bekam den Nimbus einer Elitekrankheit.

Es erschien also Ende des 19. Jahrhunderts durchaus lukrativ, nach den Ursachen des Heuschnupfens zu suchen, um ein Gegenmittel für die zahlungskräftigen Betroffenen zu finden. Das schreibt der italienische Pflanzenforscher Stefano Mancuso in seinem neuen Buch «Aus Liebe zu den Pflanzen». Darin hat Mancuso Charles Harrison Blackley, dem Entdecker der Pollen als Ursache für Heuschnupfen, ein besonderes Denkmal gesetzt – neben anderen Pionieren. Der britische Homöopath Charles Harrison Black­ley hatte einen ganz eigenen, gewichtigen Antrieb für seine Forschung: Er litt selbst unter Heuschnupfen.

Er war der Erste

Der erste bekannte Heuschnupfengeplagte soll der Athener Hippias gewesen sein, der die persische Flotte 490 v. Chr. nach Marathon führte und in der legendären Schlacht starb. Erstmals beschrieben habe der persische Arzt Rhazes die Krankheit im 9. Jahrhundert n. Chr. Er setzte anschwellende Gesichter sowie einen «Katarrh», also entzündete Atemwege, in Zusammenhang mit der Rosenblüte, schreibt Mancuso.Die Vermutungen über mögliche Ursachen schossen fortan ins Kraut: Der deutsche Mediziner Hermann von Helmholtz postulierte 1869 vage irgendwelche Bakterien, die unbehelligt im Nasenraum lebten, bis sie durch Wärme aktiviert würden. Ein anderer Arzt rühmte sich, als Erster entdeckt zu haben, dass Heuschnupfen mit einer «sehr kalten Nasenspitze» einhergehe.

Der Medizinprofessor Philipp Phoebus von der Universität Giessen trug schliesslich das gesamte Wissen über Heuschnupfen der damaligen Zeit zusammen. Seine Veröffentlichung von 1861 diente dem Briten Charles Harrison Blackley als Grundlage für seine mehr als zehnjährige detektivische Suche. Als Erstes schliesst Blackley die vermuteten Auslöser Licht und Wärme aus. In Regionen mit Mitternachtssonne – also viel mehr Licht als in Grossbritannien – kam Heuschnupfen nicht vor. Und in viel wärmeren Ländern ebenso wenig.

Säure im Nasenloch

Dann legt Blackley los. Er testet an sich selber, ob Benzoesäure zu Heuschnupfen führe. Er atmet über Stunden die verdampfende Säure ein. Sie wird heute als Konservierungsmittel für Nahrungsmittel oder in der Parfümherstellung verwendet. Die reine Säure gilt als gesundheitsschädlich. Blackley ist widerstandsfähig. Er stopft sich mit verschiedenen Lösungen der Säure getränkte Leintuchstücke in ein Nasenloch – das andere dient jeweils als Kontrolle – und merkt bis auf ein leichtes Brennen nichts.

Ganz ähnlich verfährt er mit Gewürzen oder Essenzen aus Pflanzen wie ­Kumarin, Kampfer, Paraffin, Pistazie, Minze, Wacholder, Rosmarin, Lavendel. Er atmet die Gerüche ein und steckt sich entsprechend getränkte Stofffetzen in die Nase. Nichts. Bei grossen Mengen an getrockneter Kamille in seinem Esszimmer bekommt er nach dem Einatmen der Düfte allerdings Kopfschmerzen und ihm wird übel. Unangenehme Symptome, aber kein Heuschnupfen.

Das Ozon?

Als vielversprechendster Kandidat gilt das Ozon. Das charakteristisch riechende Gas ist im Jahr 1839 vom Chemiker Christian Friedrich Schönbein an der Universität Basel entdeckt worden. Der gleiche Geruch tritt auch nach einem Gewitter auf. Das Gas kommt also auch natürlich vor. Schönbein hat beim Einatmen des Gases Husten bekommen, eine Art Asthma und Schmerzen in der Brust. Heuschnupfensymptome, befindet er. Ärzte bittet er darum, zu untersuchen, ob der Heuschnupfen ihrer Patienten mit der Ozonkonzentration korreliere. Tatsächlich seien die Anfälle an Tagen mit hoher Ozonbelastung besonders häufig, so sein Schluss.

Blackley verlässt sich freilich nur auf seine eigenen Erkenntnisse. Er verbessert zunächst die Messmethode, um Ozon in der Luft zu detektieren. Er entwickelt ein eigenes Papier, das er gleichmässig mit Stärkekörnern und Kalium­jodid beschichtet, und dann beginnen Stunden untätigen Messens. Sprich: Er selbst steht bis zu acht Stunden neben seinen Messstreifen in der Stadt, am Meer und wartet darauf, ob er Heuschnupfensymptome entwickelt – und das über Monate. Schliesslich hat er die geniale Idee, Passagieren, die mit dem Schiff nach Australien reisen, seine Teststreifen mitzugeben, und bittet sie, aufzuschreiben, wenn sie Heuschnupfen bekommen.

Das war das Aus der Ozon-Hypothese: Trotz hoher Werte leidet nicht ein einziger Fahrgast an Heuschnupfen. Dennoch hatte Blackley zuvor selbst eine hohe Konzentration an chemisch hergestelltem Ozon in seine Lunge gesaugt, was er unbeschadet und ohne typische Symptome überstand.

Der Staub?

Blieb nun nur noch der Staub. Auch da ergeben die Vermutungen keinen Sinn, befindet Blackley. Schliesslich sei es doch im Winter, wenn die Menschen sich mehr in den Häusern aufhalten, staubiger als im Sommer zur Heuschnupfensaison.

Der Zufall kommt dem Forscher zu Hilfe, als der Arzt an einem Julimorgen einen Ausflug aufs Land macht, nicht weit entfernt von Manchester, wo er mit seiner Frau lebt. Eine Kutsche rattert an ihm vorbei, wirbelt eine immense Staubwolke auf, und er bekommt einen der heftigsten Heuschnupfenanfälle, die er je hatte, mit starkem Husten, Brustschmerzen, tränenden Augen, Schleim. Er ringt um Atem – und ist glücklich. Kaum, dass er sich von den Niesattacken erholt hat, wirft er noch einmal den Strassenstaub in die Luft, atmet ihn ein und, ja, er liegt richtig: Ein heftiger Asthmaanfall befördert ihn fast ins Jenseits.

Blackley nimmt etwas von dem Staub mit nach Hause, kann beim ersten Mal aber noch nichts Verdächtiges unter dem Mikroskop erkennen. Erst als er am nächsten Tag noch einmal zu der Stelle geht und vorsichtig die obere Staubschicht einsammelt, springt es ihm eindeutig durch die Okulare seines Mikroskops ins Auge: Pollen!

Tipps von Charles Darwin

Und nun beginnt das, was der Buchautor Mancuso als «wie das Tagebuch eines Masochisten» bezeichnet. Blackley testet heldenhaft an sich selbst Pollen von 35 in Grossbritannien heimischen Pflanzenarten. Er atmet sie ein, tupft sie auf seine Nasenschleimhaut, tropft sie ins Auge, tut sie auf Zunge, Lippen oder ­Rachen und impft sie in die Arme oder Beine. Dann beschreibt er stoisch und detailliert sein unermessliches Leiden vom zugeschwollenen Auge und Rachen bis zum starken Jucken, als er Pollen in Hautwunden gebracht hat – und damit den noch heute gebräuchlichen Allergietest auf der Haut erfand.

Blackley galt als exzentrisch und etwas verrückt. Einen Bewunderer hatte er jedoch, der seine hochwissenschaftlichen Versuche zu würdigen wusste: Charles Darwin. Der Begründer der Evolutionstheorie verfolgte Blackleys Experimente und gab ihm Anregungen. Etwa, dass es unter den Pollen solche gibt, die vom Wind und andere, die von Insekten übertragen werden.

Blackleys Rossnatur wird mehr als einmal ernsthaft getestet, am heftigsten, als er Ambrosiapollen direkt in seine Nasenlöcher bringt. Die Reaktion ist so überwältigend, dass er sich kurzum Morphium spritzt. Trotz all dieser nicht gerade gesundheitsförderlichen Strapazen wurde Charles Harrison Blackley 80 Jahre alt. Er starb im Jahr 1900.

Stefano Mancuso: «Aus Liebe zu den Pflanzen – Geschichten von Entdeckern, die die Welt veränderten», Kunstmann, ca. 33 Fr.

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