Emma aus dem Eis

Ein Baby provoziert ethische Debatten. Das Kind kam letzten Monat in den USA zur Welt – sein Embryo wurde aber schon 1992 eingefroren.

Kann man ihren Eltern vorwerfen, dass sie ein Kind haben wollten: Emma. Foto: Tina und Benjamin Gibson

Kann man ihren Eltern vorwerfen, dass sie ein Kind haben wollten: Emma. Foto: Tina und Benjamin Gibson

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Menschen wünschen sich Kinder, weil sie die Liebe eines Paares weitergeben wollen oder etwas von ihnen weiterleben soll; vielleicht auch, weil die Familie es erwartet. Manche können auch gar nicht erklären, warum dieser Wunsch da ist und weshalb er so übermächtig werden kann, dass Frauen und Männer alles medizinisch Mögliche tun, um ein Kind zu bekommen.

Wer will Tina und Benjamin Gibson aus Tennessee in den USA vorwerfen, dass sie ein Kind haben wollten? Und dass, weil Benjamin keine Kinder zeugen kann, Tina sich einen vor 25 Jahren tiefgefrorenen Embryo einsetzen liess?

Sie haben jetzt ein Kind: Emma aus dem Eis. Soweit man das beurteilen kann, sind sie glücklich. Ohne sie wäre vielleicht nie ein Kind aus den gefrorenen Zellen geworden, sie wären irgendwann aufgetaut worden und zerfallen. Die Welt hätte auch nie von Tina und Benjamin Gibson gehört, wenn nicht zufällig der Embryo, der zu Emma reifte, 25 Jahre lang eingefroren gewesen wäre und damit ungefähr zur gleichen Zeit gezeugt wurde wie Tina, die Mutter.

Jetzt wird es den Leuten für einen Moment unheimlich: Soll man alles tun und dürfen, was man kann? Und passt die individuelle Glückssuche der Eltern zum Bild vom Menschen, das ein Land, eine Gesellschaft hat?

In der Schweiz jedes 50. Kind

Das Unheimliche, sagte Sigmund Freud, sei die Wiederkehr des Verdrängten. Ausser dem Alter des eingefrorenen Embryos ist nichts neu an der Geschichte. Die medizinische und ökonomische Entwicklung beim künstlichen Kinderkriegen verläuft in gesellschaftsverändernder Tiefe und Geschwindigkeit. Gemäss Bundesamt für Statistik kommt in der Schweiz heute jedes 50. Kind aufgrund einer künstlichen Befruchtung der Mutter zur Welt. In Deutschland führten Ärzte im Jahr 2016 mehr als 100'000 Behandlungen an 65'000 Frauen durch, um Eizellen zu gewinnen oder Embryonen einzusetzen; jeder vierte Embryo war zuvor tiefgefroren.

Der Besuch im Kinderwunschzentrum ist Routine geworden für Paare, die sich spät gefunden haben und die den Gegenwert eines Mittelklasseautos ins Schwangerwerden investieren können. In den hippen Vierteln der Städte ist die Zahl der Doppelkinderwagen hoch – bei künstlicher Befruchtung werden häufiger Zwillinge geboren. Die Zahl der Adoptionen geht zurück. Wer es sich leisten kann, macht sein eigenes Kind.

Die ethischen und rechtlichen Bewertungsversuche sind längst abgehängt von dieser Entwicklung. Die geltenden Embryonenschutzgesetze sind restriktiv, Eizellenspende und Leihmutterschaft in der Schweiz wie Deutschland verboten. Doch wer eine Eispenderin oder eine Leihmutter sucht, findet sie im Ausland. Die von Sehnsucht und Verzweiflung getriebene Nachfrage ist da, das Geld dazu auch. Die Bilder glücklicher Mütter mit Baby im Arm tun das Übrige.

Verdrängt wird die Trauer jener Frauen, die trotz allen Mühen keine Kinder bekommen. Verschwiegen werden die Geschichten der Paare, die sich vor lauter Kindererzeugen fremd werden und trennen. Die Bilder vom Glück verschweigen, welch gnadenloser Leistungsdruck dahinterstehen kann: Kinderlos zu sein, ist kein Schicksal mehr, sondern ein Zeichen mangelnden Willens und mangelnder ökonomischer Potenz.

Die ethische Debatte übers künstliche Kinderkriegen ist schwierig. Eindeutig wäre nur, alles jenseits der natürlichen Zeugung zu verbieten, wie das die katholische Kirche tut – oder einfach alles zu erlauben, was machbar ist.

Beides wird den Menschen nicht gerecht. Alles zu verbieten, ist angesichts der Entwicklung eine Illusion. Und es hiesse, Menschen, die sich Kinder wünschen, unterschiedslos den Verzicht aufzuerlegen; dem Leben und der Würde der Eltern wie des Kindes dient das nicht. Alles zu erlauben, das wiederum hiesse, das Tor zu öffnen für eine auf Menschenoptimierung und Gewinnmaximierung angelegte Reproduktions­industrie – es wäre eine Horrorvision.

Es bleibt der mühsame Prozess der Abwägung, der kritischen Fragen, des Einspruchs. Und die Erkenntnis: Es ist ein Wunder, wenn ein Mensch geboren wird, ob künstlich gezeugt oder natürlich. Daraus ein individuelles Recht auf ein Kind abzuleiten, kann aber ganz furchtbar enden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 19:20 Uhr

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