Emotionaler Biden packt Techies bei der Ehre

Joe Biden verlor seinen Sohn an Krebs. An der Tech-Messe SXSW fordert er die Nerds auf, sich um die wichtigen Dinge zu kümmern.

Ex-US-Vizepräsident Joe Biden zeigt sich beim SXSW-Festival leidenschaftlich. Foto: DPA

Ex-US-Vizepräsident Joe Biden zeigt sich beim SXSW-Festival leidenschaftlich. Foto: DPA

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Irgendwo, in einer anderen Dimension, bereitet sich Joe Biden auf seine achte Woche im Oval Office vor. 2015 überlegte der damalige Vizepräsident, sich um die Nachfolge von Barack Obama zu bewerben. Dann starb sein Sohn Beau an einem Hirntumor und Biden merkte in der Trauerphase, dass ihm die letzte Überzeugung fehlte. «Wenn du US-Präsident werden willst, dann musst du es mit jeder Faser wollen», sagte der 74-Jährige nun bei der SXSW Interactive, der weltgrössten Tech-Messe, in Austin.

Bekanntlich forderte innerhalb der Demokratischen Partei nur Bernie Sanders Hillary Clinton ernsthaft heraus, und diese verlor gegen Donald Trump, obwohl sie mehr Stimmen erhielt. Natürlich ist es Spekulation, ob Biden den Republikaner besiegt hätte: Aber dank seiner Herkunft (in Armut aufgewachsen in Pennsylvania) hätte er viele von den Demokraten frustrierte Arbeiter im Rust Belt anders und emotionaler ansprechen können. Denn ohne Leidenschaft und Authentizität geht es nicht bei Biden.

Das gilt auch für den Kampf gegen den Krebs – hier ist Biden nicht bereit zu Kompromissen. «Ich bin nicht bereit, das auch nur einen einzigen Tag aufzuschieben», ruft er in Austin. Er zitiert damit John F. Kennedy, der 1962 das Raumfahrtprogramm zur höchsten Priorität erklärte. Cancer Moonshot heisst auch die Initiative, die Biden 2016 vorantrieb. Nun umwirbt er die Nerds: «Vor mir sitzen einige der innovativsten Köpfe der Welt.»

Rund um die Medizin gibt es wenig Praktisches. Warum?Joe Biden

In Austin redet er Technikern, Unternehmern und Programmierern ins Gewissen und fordert sie auf, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. «Ich kann auf dem Smartphone sehen, welcher Film überall auf der Welt läuft. Aber rund um die Medizin gibt es wenige praktische Dinge. Warum ist das so?», ruft er und es klingt etwas bitter. Die Computersysteme vieler Krankenhäuser seien nicht kompatibel, sodass Ärzte Fotos von Scans mit dem Smartphone machen müssten, um sie an Kollegen zu schicken. Hierfür müsse es Lösungen geben, so Biden: Die jungen Leute im Publikum könnten «die erste Generation sein, für die Krebs keine Todesstrafe mehr» sei.

Ausschnitt aus Bidens Auftritt bei SXSW

Biden ist bei SXSW besser als Obama

In der Forschung habe das Umdenken bereits begonnen, hier werde mehr kooperiert. Biden lobt Amazon dafür, für medizinische Datenbanken kostenlosen Speicherplatz in der Cloud bereitzustellen, doch dies sei nur ein Anfang. Die Botschaft: Medizinisch werde man bald so weit sein, den Krebs zu besiegen, aber mit smarter Technik könne alles schneller gehen. Und dieses Ziel sei wichtiger, als mehr User für eine App oder noch mehr Kunden für ein Produkt zu finden.

Gross war die Aufregung 2016, als Barack Obama bei der SXSW auftrat: Der erste Social-Media-Präsident und «coolste Politiker aller Zeiten» kam nach Austin. Der Demokrat umwarb damals ebenfalls die Tech-Elite. Er forderte sie auf, der Regierung dabei zu helfen, mit Innovationen etwa mehr Bürgerbeteiligung zu erreichen und auch das Image des Staates zu verbessern. Obama wurde gefeiert wie ein Popstar, aber sein Auftritt war blutleer verglichen mit Bidens Rede.

Biden berichtet davon, wie er als Vizepräsident die Kompetenzen der Behörden und Ministerien bündeln wollte, um besser mit Privatfirmen und Unis kooperieren zu können. Ein Nein habe er nicht akzeptiert und seinen Mitarbeitern stets gesagt: «Redet Englisch mit mir – nicht anstelle von Spanisch, sondern anstelle von kompliziert.» Obama sprach wie der Ex-Professor, der er eben ist – Biden ist der bessere Kommunikator. Wie kein anderer kann er komplexe Sachverhalte verständlich erklären und die Dringlichkeit einer Sache darstellen. Je länger er spricht, umso mehr denkt sich der Zuhörer: «Genau, warum hat der Kampf gegen Krebs nicht oberste Priorität?»

Biden braucht Trump im Kampf gegen den Krebs

Die neue Regierung frustriert Biden, aber er will mit Trump zusammenarbeiten. Im ultraliberalen Austin ist die Begeisterung für Biden so gross, dass die 1000 Eintrittsarmbänder nach zehn Minuten weg sind – und das an einem Sonntagmorgen um 8.30 Uhr. Doch wer hoffte, mit dem Sprücheklopfer Biden über Präsident Trump zu lachen, der wurde enttäuscht. Er erlaubt sich nur einen Seitenhieb: Saubere Luft und Wasser seien wichtig, um das Krebsrisiko zu senken – auch wenn einige Leute in der neuen Regierung nicht an den Klimawandel glaubten. «Ich hätte das nicht so sagen sollen», ruft Biden aus, doch er könne nicht anders: «Es frustriert mich, es frustriert mich.»

Biden hält sich zurück, weil er Trump für einen effektiven Kampf gegen Krebs braucht. «Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um mit der neuen Regierung zusammenzuarbeiten», ruft er in Austin. Er hoffe, dass dieses Thema auch weiter hohe Priorität im Weissen Haus habe – «wenn sich die Regierung endlich organisiert» habe. Dies ist die andere Botschaft an die US-Bürger: Der Krebs mache keinen Unterschied zwischen Konservativen und Liberalen, und unter der wachsenden Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft litten am Ende alle.

Die Spaltung müsse überwunden werden

Er habe den Ruf eines gnadenlosen Optimisten, sagt der gebräunte Biden, der ohne Krawatte am Rednerpult steht. Dies sei noch immer so, betont er: «Die meisten Republikaner im Kongress sind ebenso gute und anständige Leute wie die Demokraten.» Die künstliche Feindseligkeit treibe Abgeordnete und Bürger auseinander; die Spaltung müsse überwunden werden. Biden war selbst 36 Jahre lang Senator und hat dank persönlicher Kontakte dafür gesorgt, dass der Kongress im Dezember 2016 insgesamt 6,3 Milliarden Dollar bis 2026 für die Krebsbekämpfung bereitstellte.

Am 1. Februar hat Joe Biden mit seiner Frau Jill, die ihn bei SXSW vorstellte, eine eigene Stiftung gegründet, und Ende des Monats will er mit diversen Nobelpreisträgern, Stiftungen und Krankenhäusern Details zur Biden Cancer Initiative erläutern. Dies lässt vermuten, dass der Demokrat einerseits Präsident Trump nicht wirklich vertraut und andererseits die Gunst der Stunde nutzen will, um den Kampf gegen Krebs voranzutreiben.

«Ich wäre gern der Präsident gewesen, in dessen Amtszeit der Krebs besiegt wird.»Joe Biden

Dass er private Wohltäter und Firmen für deren Unterstützung lobt und versucht, die Nerds bei der Ehre zu packen und eine mögliche Impfung gegen Krebs als spannende Herausforderung zu präsentieren, passt ideal zu SXSW. Aber es ist eben auch typisch Joe Biden, dass er an die Rolle des Staats erinnert: «Es ist die Regierung, die so viele von euch nicht mögen, die den Grossteil finanziert – mit euren Steuergeldern.»

Der leidenschaftliche Auftritt von Joe Biden sorgt für eine gewisse Nostalgie, so kurz nach dem turbulenten Beginn der Amtszeit von Donald Trump, den Fakten ebenso wenig interessieren wie langfristige Planung. Die Folgen von dessen Politik, die von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit geprägt ist, sind das Dauerthema bei diesem SXSW-Festival (mehr in diesem SZ-Artikel), wobei sich Entrüstung und Ratlosigkeit die Waage halten.

Es passt zu Biden, dass kein grosser Plan, sondern ein flapsiger Spruch dazu führte, dass ihn Obama mit dem Kampf gegen die tödliche Krankheit beauftragte, die seinen Sohn tötete. Nachdem Biden in einer Pressekonferenz erklärt hatte, nicht fürs Weisse Haus zu kandidieren, fragte Obama seinen Freund, ob er diesen Entschluss bereue. Biden habe nur eines entgegnet: «Ich wäre gern der Präsident gewesen, in dessen Amtszeit der Krebs besiegt wird.»

Auftritte wie dieser in Austin werden trotz Bidens fortgeschrittenem Alter dazu führen, dass sich genug Demokraten wünschen, dass der Ex-Vizepräsident 2020 antritt. Im Vergleich zu Shooting-Stars wie Senator Cory Booker scheint Biden viel besser geeignet, Brücken zu schlagen und jene Wähler zu erreichen, die Hillary Clinton nicht unterstützen wollten.

Bidens SXSW-Rede in voller Länge

Erstellt: 13.03.2017, 17:01 Uhr

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