«Entscheidend ist die Motivation»

Eine einfache Übung, starke Wirkung. Die Zürcher Psychologin Veronika Job über die Fingerhanteln und was dahintersteckt.

Eine funktionierende Selbstkontrolle ist entscheidend für die Leistungsfähigkeit von Studenten.

Eine funktionierende Selbstkontrolle ist entscheidend für die Leistungsfähigkeit von Studenten. Bild: Reuters

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Studenten, die Anfang Semester zwei Wochen lang zweimal pro Tag eine Fingerhantel drücken, schreiben ein halbes Jahr später deutlich bessere Prüfungen. Dies haben die beiden Psychologinnen Veronika Job und Kathrina Bernecker vom Institut für Psychologie der Universität Zürich herausgefunden. Die Studie mit über 150 Studenten, die im Fachjournal «Motivation Science» veröffentlicht wird, bringt neue Erkenntisse über die Mechanismen der Selbstkontrolle, also der Fähigkeit, einen starken Impuls zu bändigen oder gar zu unterdrücken. Wir fragten die Erstautorin, wie die Resultate zu interpretieren sind.

Frau Job, was mussten die Testpersonen machen?
Wenn man die Kraftgriffe zusammenpresst und versucht, so lange wie möglich zu halten, braucht das wirklich Kraft. Das ist nicht nur eine physische Frage, sondern fordert auch die mentalen Fähigkeiten heraus. Es geht darum, weiter zu machen, selbst wenn leichte Schmerzen in den Händen auftauchen. Es ist anstrengend und stärkt, wenn es über einen längeren Zeitraum regelmässig gemacht wird, die Bereitschaft, sich herausfordernden Aufgaben auszusetzen. Die Übung stärkt aber nicht unbedingt die generelle Kapazität zur Selbstkontrolle. Es zeigt sich eher, dass eine generelle Bereitschaft, sich anzustrengen gestärkt werden kann.

Welchen Effekt hatte die Übung?
Die Testpersonen, welche die Handübung absolvierten, waren sieben Monate später bei den Examen um fast eine halbe Note besser als die Kontrollgruppe. Interessant sind auch die relativen Noten, aus denen man die Differenz im Vergleich zum Notendurchschnitt alles Studierenden in einem Kurs herauslesen kann. Die Testgruppe war im Durchschnitt um eine halbe Note besser.

Was überraschte Sie am meisten am Resultat?
Am meisten beeindruckte uns, wie lange der Effekt der Kraftgriff-Übung anhielt und dass er sich tatsächlich auf einem objektiven Mass, den erbrachten Leistungen im Studium zeigte.

Profitierten alle Studenten von dieser Übung?
Es gab sicher individuelle Unterschiede, das zeigt die Standardabweichung. Aber diese war in der Kontrollgruppe nicht tiefer, was zeigt, dass die Durchschnittswerte doch relativ stichfest sind. In zukünftigen Studien werden wir versuchen, genauer zu erforschen, welche Personen besonders stark von diesen Übungen profitieren und welche Bedingungen für die Effekte ausschlaggebend sind.

Was bewirkte denn die Übung bei den Studentinnen und Studenten?
Beim Training der Selbstkontrolle ging man bisher davon aus, dass sich diese ähnlich wie ein Muskel trainieren lässt. Unsere Studie reiht sich nicht in diese Ergebnisse ein. Wir haben bei den kognitiven Faktoren, zum Beispiel der inhibitorischen Kontrolle, keine längerfristigen Effekte gefunden. Unter inhibitorischer Kontrolle versteht man die Fähigkeit, sich generell besser zu fokussieren und Unwichtiges ausblenden zu können. Eine weitere kognitive Funktion, die keine Rolle spielte, war die Fähigkeit, die Ermüdung zu überwinden. Beide Faktoren basieren auf dem Ressourcenmodell der Selbstkontrolle.

Dann konnten Sie dieses Modell nicht bestätigen?
Ich beurteile das Ressourcenmodell sowieso eher kritisch, weil Resultate aus meinen anderen Projekten zeigten, dass die Leistungsfähigkeit sehr abhängig von Erwartungseffekten und motivationalen Variablen ist. Das Ressourcenmodell würde sagen, dass die Trainings helfen, sich länger zu konzentrieren, weil man mehr Ressourcen zur Verfügung hat.

Wie konnten Sie das den Tests ausschliessen?
Unsere Testpersonen mussten zwei Aufgaben hintereinander ausführen. Die erste testete mit einer ungefähr 20minütigen Aufgabe die generelle kognitive Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Impulse zu unterdrücken. Die zweite prüfte gleich danach, ob die Testpersonen bei einer nächsten Aufgabe ermüdet sind. Das konnten wir nicht bestätigen. Unsere Resultate zeigen, dass sich die Handübung vor allem auf die Bereitschaft sich im Studium anzustrengen ausgewirkt hat.

Wie genau?
Unsere Befunde zeigen, dass die Teilnehmer in der Kraftgriff-Gruppe mehr für das Studium lernten und es ihnen weniger wichtig war, mit möglichst wenig Aufwand durchs Studium zu kommen. Ihre Grundbereitschaft, sich anzustrengen, wurde in eine positive Richtung geschubst.

Die Übung mit den Kraftgriffen kommen einem sehr einfach vor. Gibt es noch andere Methoden in der Literatur?
Das gibt es. Andere Forscher haben zum Beispiel einfache Instruktionen zur Selbstkontrolle, zum Beispiel auf Süssigkeiten zu verzichten oder alltägliche Tätigkeiten mit der Hand auszuführen, die man sonst nicht braucht.

Planen Sie weitere Versuche in diesem Bereich?
Wir führen derzeit eine weitere Interventionsstudie durch, in der wir ebenfalls versuchen die Selbstkontrolle bei Studierenden zu steigern.

Erstellt: 03.06.2016, 18:36 Uhr

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Veronika Job
Die Psychologin der Universität Zürich erforscht die Rolle der Motivation für eine funktionierende Selbstkontrolle.

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