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Er hasst den Rauch und liebt die Raucher

Nikotinforscher Reto Auer stammt aus einer Familie von Rauchern und war selbst lange einer. Heute kämpft er gegen die Tabakindustrie und plädiert für Respekt gegenüber Nikotinabhängigen.

Reto Auer über seinen Rauchstopp: «Ich fiel in eine tiefe Trauer.» Foto: Adrian Moser
Reto Auer über seinen Rauchstopp: «Ich fiel in eine tiefe Trauer.» Foto: Adrian Moser

Eine Prüfung kann das Leben verändern: Als Reto Auer während des Staatsexamens bei sich selber einen Lungenfunktionstest durchführen musste, zeigte das Gerät einen schlechten Wert an. So schlecht, dass der Prüfer glaubte, der angehende Arzt habe bei der Messung einen Fehler begangen. Aber nein: Die gemessene Zahl war korrekt und ­deutete beim Mittzwanziger auf eine Lungenerkrankung. «Das gab mir zu denken», sagt Auer, damals ein starker Raucher. Die Medizinprüfung brachte ihn schliesslich dazu, dass er den lange erwogenen Rauchstopp endlich anging.

Reto Auer ist inzwischen 41 und raucht nicht mehr. Er sitzt in einem Besprechungszimmer am Berner Institut für Hausarztmedizin (Biham), dessen Einrichtung mit weichen Sesseln und unpraktisch kleinen Tischchen eher einer Lounge gleicht. Als Allgemein­mediziner mit Praxis in Bern und als Hausarztprofessor an den Universi­täten Bern und Lausanne ist Nikotin nach wie vor ein grosses Thema für Auer. Er engagiert sich stark in der Rauchentwöhnung und leitet derzeit eine grosse ­Nationalfondsstudie zu den Langzeitfolgen von E-Zigaretten-Konsum.

Davor war er Teil eines Forschungsteams der Universitäten Bern und Lausanne, das sich mit dem Tabakmulti ­Philip Morris anlegte und damit für grosses Medienecho sorgte. Die Wissenschaftler wiesen in einer Studie zum ­Heat-not-Burn-Produkt Iqos nach, dass auch beim Erhitzen von Tabak Rauch entsteht – und nicht nur Dampf, wie dies der Hersteller gerne sähe, weil er damit Gesetze gegen das Passivrauchen umgehen könnte. Philip Morris versuchte die Veröffentlichung der Studie zu torpedieren und intervenierte in den oberen Etagen der Universitäten Lausanne und Bern. «Ein völlig inakzeptables Vorgehen», sagt Auer.

Respekt statt Ratschläge

Dass ihn das Thema Tabak auch privat umtreibt, wird schnell klar. Kaum hat er sich in der Besprechungslounge hingesetzt, legt der Vater von zwei kleinen Kindern los: «Wenn ein Jugendlicher kurz in einen Kiosk geht, sieht er 22-mal Werbung.» Das habe eine Untersuchung aus der Schweiz vor einiger Zeit gezeigt und sei ihm am letzten Wochenende wieder bewusst geworden, als er mit seinen Kindern in einem Tankstellenshop war: «Überall hat es Zigarettenwerbung. Bei den Süssigkeiten, bei den Zeitschriften, neben der Kasse, dort, wo man beim Zahlen das Geld drauflegt – einfach überall, und auch auf Augenhöhe der Kinder.» Auer schüttelt den Kopf. «Jeder zweite Raucher stirbt wegen seiner Sucht. Ich verstehe nicht, wieso für ein solches Produkt geworben werden kann. Es gibt keine andere Industrie, die so ­etwas darf. Stellen Sie sich vor, man dürfte für ein Joghurt Werbung machen, das jeden Zweiten umbringt.»

Seine beiden Kinder sind erst ein und drei Jahre alt. Dennoch hat er als Vater allen Grund, sich Sorgen zu machen. Er selbst ist in einer Raucherfamilie aufgewachsen. Auch nachdem er selber vor über zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört hat, bekommt er heute hautnah mit, was Zigaretten für eine verheerende Wirkung haben. Sein Grossvater, den er nie gekannt hat, und ein weiterer Angehöriger sind daran gestorben, beide in jungen Jahren. Von den engen Familienmitgliedern waren fast alle mal Raucher. Trotz des festen Vorsatzes haben es bis heute nicht alle geschafft, davon wegzukommen. «Die Abhängigkeit von Nikotin ist ähnlich stark wie beim Heroin», sagt Auer.

Eine grosse Studie, die Reto Auer leitet, soll Langzeitfolgen von E-Zigaretten untersuchen. Foto: Keystone
Eine grosse Studie, die Reto Auer leitet, soll Langzeitfolgen von E-Zigaretten untersuchen. Foto: Keystone

Der Mediziner weiss, wovon er spricht. Sein eigener Ausstieg aus dem Rauchen war begleitet von Rückschlägen und ­Depression. Die Zigaretten hatten ihm lange Zeit zu einem guten Gefühl verholfen. «Ich fiel in eine tiefe Trauer, als ich realisierte, dass ich das nie mehr erleben würde», erzählt er.

Seit gut zehn Jahren begleitet Auer nun selbst Patienten beim Rauchstopp. Er plädiert dabei für Respekt statt Anklagen und unerwünschte Ratschläge. «Unsolicited advice is the spam of life», lautet einer seiner englischen Merksätze, die er während des Gesprächs einstreut. «Man muss den Rauchern nicht sagen, wie ungesund Zigaretten sind, das wissen sie schon lange», sagt Auer. Aber natürlich müsse man immer wieder klarstellen, was die Tabakindustrie mache: für Geld Menschen umbringen. Und gleich folgt der nächste Leitspruch: «Hate the smoke, love the smokers.»

Hausarzt ist sein Traumberuf

Auch wenn Nikotin für Auer ein wichtiges Thema ist, es ist bei weitem nicht sein einziges. Beim Treffen offenbart er mehrfach seine Leidenschaft für die Hausarztmedizin: «Hausarzt zu sein, ist ein riesiges Glück, es gibt kaum einen Beruf, bei dem man den Menschen so nahe sein kann und man die sonst verborgene ­soziale Realität kennen lernt.» Es sei sein Traumberuf, seit er sich erinnern könne, wahrscheinlich, seit er vier oder fünf Jahre war, sagt er. «Ein Freund meiner ­Eltern war Hausarzt und mein grosses Vorbild.» Auer ist in Morges VD geboren und in der Nähe von Lausanne aufgewachsen, spricht jedoch mit Bündner Akzent. ­Wegen des Vaters, der von dort stammt. Seine Mutter kommt aus Zürich.

Seine andere grosse Leidenschaft ist die Wissenschaft. Als Hausarztmedizinprofessor forscht er insbesondere zur Darmkrebsfrüherkennung ab 50 und wie Patienten dabei besser in Entscheidungen einbezogen werden können.

Es gibt neben der Darmspiegelung auch einen Blutnachweistest im Stuhl, der seit einigen Jahren ähnlich gute Ergebnisse liefert. Dieser muss zwar häufiger durchgeführt werden, ist jedoch viel günstiger und nicht invasiv. «Viele Ärzte bieten trotzdem nur die Darmspiegelung an», sagt Auer. Mit seinem Team hat er in einer schweizweiten Untersuchung festgestellt, dass viele Patienten deswegen gar keine Darmkrebsfrüherkennung machen lassen. Mit strukturiertem Informationsmaterial sollen Ärzte künftig die Patienten neutral und umfassend (inklusive Preis) aufklären können. «Wir müssen vermehrt versuchen, die Präferenzen der Patienten zu erkennen», so Auer.

Auer versteht sich als Berater und Partner seiner Patienten und trägt deshalb auch nie einen weissen Kittel. Partnerschaft und Zusammenarbeit sind auch in der Forschung wichtig. Anders lassen sich in seinem Bereich gar keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Kein Einzelkämpfer zu sein, ist aber auch hilfreich, wenn man sich mit der Tabakindustrie anlegt, wie damals bei der Iqos-Studie. Philip Morris versuchte erfolglos, die Arbeit der Forscher zu diskreditieren. Auf einzelne, unliebsame Forscher loszugehen, ist eine bekannte Strategie der Tabakindustrie. «Wenn man ein Team ist und auf mehrere Hochschulen verteilt, wird das schwieriger», so Auer. Nach der Veröffentlichung der Studie passte Philip Morris übrigens seine Werbekampagne an und sprach nicht mehr von rauchfreiem Tabakkonsum. Inzwischen ist die Aufmerksamkeit wieder gesunken. Auer beobachtet: «Heute wird das Produkt auf dem Netz wieder wie früher als rauchfreie Alternative angepriesen.»

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