Er will uns vor zu viel Medizin schützen

Thomas Rosemann wollte Chirurg werden. Doch unethische Praktiken hielten ihn davon ab. Heute leitet er in Zürich das aktivste Hausarztmedizin-Institut im deutschsprachigen Raum.

«Die Leute würden erschrecken», sagt Thomas Rosemann.  Foto: Fabienne Andreoli

«Die Leute würden erschrecken», sagt Thomas Rosemann. Foto: Fabienne Andreoli

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Die Skepsis war gross, als Thomas Rosemann vor zehn Jahren nach Zürich kam. Bei seinem Start als Direktor des neu geschaffenen Instituts für Hausarztmedizin und als erster Hausarztprofessor der Schweiz kamen die Vorbehalte von allen Seiten. An der Universität fragten sich die Kollegen auf den etablierten Lehrstühlen, weshalb die Grundversorgung nun plötzlich akademisiert werden soll, wenn doch Forschung und Lehre in dem Bereich von den anderen Fachdisziplinen längst abgedeckt waren. Die Hausärzte wiederum beklagten sich, dass er kein «richtiger» Hausarzt mit am liebsten 30 Jahren Erfahrung war. Manche monierten zudem, dass Rosemann Deutscher ist und deshalb mit dem hiesigen Gesundheitssystem nicht vertraut sein könne. Hinzu kam, dass damals mancherorts an Schweizer Universitäten wegen einer drohenden «Germanisierung» Stimmung gemacht wurde.

Von alldem ist heute nichts mehr zu spüren: «Die Vorbehalte waren schnell ausgeräumt», sagt Rosemann in seinem Institut im Erdgeschoss eines Altbaus an ruhiger Lage an der Zürichbergstrasse. Kein Wunder, denn er hat geliefert. «In unserem Bereich haben wir im deutschsprachigen Raum inzwischen den grössten Forschungsoutput», sagt der 49-jährige Mediziner. Damit hat er dazu beigetragen, dass Hausärzte sich auf Zahlen stützen können, wenn sie ihre Wichtigkeit betonen. Zum Beispiel, dass sie 95 Prozent der Fälle in ihrer Praxis behandeln, ohne die Patienten weiter an Spezialisten zu verweisen. «Es reicht nicht, immer zu sagen, dass man gut ist», sagt Rosemann. «Man muss dies mit validen Daten belegen können.»

Schockierende Erfahrung im Operationssaal

Rosemann hat in der Schweiz sogar eine neue Forschungsrichtung etabliert: die sogenannte Versorgungsforschung, die in anderen Ländern längst einen festen Platz hat. Diese untersucht, wie Patienten im realen Leben medizinisch versorgt werden. Für Rosemann neben der Grundlagenforschung im Labor und der klinischen Forschung mit Patienten die dritte Säule. «Vor zehn Jahren wusste in der Schweiz kaum jemand, was Ver­sorgungsforschung ist», erinnert sich der Mediziner. Inzwischen läuft beim Schweizerischen Nationalfonds sogar ein Nationales Forschungsprogramm dazu.

Rosemann ist in der Schweiz längst angekommen. Er und seine Frau, die in Zürich als Kardiologin arbeitet, hätten hier von Beginn weg viel Unterstützung erfahren, sagt er. «Wenn man sich hier nicht wohlfühlt, wo dann?» Dass sich in Zürich die Widerstände rasch in Luft aufgelöst haben, dürfte auch an der gewinnenden Art von Rosemann liegen. Damit gelingt es ihm, selbst deutliche Kritik oder Seitenhiebe zu platzieren, ohne dass man es ihm nachträgt. Sein Akzent trägt das Seine bei. Rosemann stammt aus der Umgebung von Rosenheim, einer kleinen Stadt in Oberbayern, die vielen ein Begriff ist –allerdings nicht aus eigener Anschauung, sondern von der TV-Serie «Rosenheim-Cops» oder dem erfolgreichen Kinofilm «Out of Rosenheim».

Zahnmedizinstudium «zu langweilig»

Nach Medizinstudium und Promotion in München wollte er zuerst ­Chirurg werden. Doch dann erlebte er als Assistenzarzt, wie Patienten unnötig operiert wurden, weil sie privat versichert und deshalb profitabel waren. «Ich war schockiert», erzählt Rosemann. «Alle auf der Klinik wussten, dass die Eingriffe eigentlich überflüssig waren.» Er wollte etwas gegen solche Praktiken tun, spezialisierte sich auf innere Medizin und wechselte nach Heidelberg an das Institut für Versorgungsforschung. Später doktorierte er noch in den Niederlanden.

Neben seiner schockierenden Er­fahrung im Operationssaal hat eine ­andere Antriebsfeder seine Laufbahn geprägt: Thomas Rosemann will sich offenbar nicht langweilen. So hat er das zuerst begonnene Zahnmedizinstudium rasch wieder abgebrochen, «zu langweilig». Grosszügige Einladungen von Pharmafirmen schlägt er in der ­Regel aus ähnlichen Gründen aus. «Da bleibe ich lieber zu Hause und trinke mit meiner Frau ein Glas Wein auf dem ­Balkon.»

Den ganzen Tag Schwarzweissbilder anschauen

Auch auf seine viel besser bezahlten Kollegen aus Spezialdisziplinen ist er nicht neidisch. Zum Beispiel die Radiologen: «Die schauen den ganzen Tag Schwarzweissbilder an, das wäre mir viel zu einseitig», sagt Rosemann und berichtet von einer seiner liebsten Studien. Darin gelang es, Tauben so zu konditionieren, dass sie auf Gewebeaufnahmen Brustkrebs ähnlich gut erkannten wie Radiologen. «Trainierte Tauben sind nicht schlechter als Spezialisten», schmunzelt er. Aber auch Chirurgie oder Orthopädie sind für ihn weniger spannend als sein Fach. «Die Hausarztmedizin ist so anspruchsvoll und vielseitig, das sollten eigentlich nur die Allerbesten machen», so Rosemann. «Das heutige Vergütungssystem führt leider dazu, dass dies nicht immer der Fall ist.»

Sind Tauben gleich gut wie Radiologen? In einer Studie war es so. Foto: iStock

Die grösste Herausforderung als Hausarzt ist es, unproblematische von schwierigen Fällen zu unterscheiden. «Wenn Sie täglich Patienten mit Brustschmerzen in der Praxis haben, müssen Sie den einen mit Herzinfarkt erkennen und ins Spital überweisen», sagt Rosemann. Oder bei Rückenschmerzen, der vielleicht häufigsten Beschwerde in der Hausarztpraxis, gelte es, die seltenen Fälle von Krebs nicht zu übersehen. «Diagnostisch ist dies sehr anspruchsvoll.» Für Patienten wiederum ist es schwierig, festzustellen, ob ein Hausarzt dies tatsächlich leisten kann. In der Heimatstadt von Rosemann flog ein äusserst beliebter Hausarzt deswegen erst nach Jahren auf. «Er war eigentlich Coiffeur, doch die Patienten waren begeistert, weil er so freundlich war.»

Das zu viel an Medizin, das ihn zur Versorgungsforschung gebracht hat, ist bis heute Rosemanns Thema. «Jahrhundertelang bekamen die Leute zu wenige Behandlungen, heute müssen wir sie vor zu vielen schützen», sagt er. «Die Fortschritte in der Medizin sind immens, ich will das nicht schmälern», betont er. «Doch es ist einfach unethisch, Behandlungen vorzunehmen, wenn sie nicht indiziert sind.» Bei den Patienten sei noch nicht wirklich angekommen, dass zu viel Medizin auch schaden könne. «Die Leute würden erschrecken, wenn sie wüssten, wie häufig das geschieht.»

Mechanistisches Denken in der Medizin

Hinzu kommt, dass bei vielen Behandlungen gar nicht klar ist, ob sie wirklich etwas bringen. Zum Beispiel wurde ein verknackster Fuss lange operiert – bis eine Studie aufdeckte, dass dies mehr schadet als nützt. Ähnlich ist die Situation bei den Stents, die immer noch oft bei Krankheitsbildern eingesetzt werden, bei denen sie gar nichts bringen – ausser zusätzliche Risiken und Kosten. «In der Medizin denken wir oft sehr mechanistisch und glauben erklären zu können, wieso etwas funktioniert – bis wir in einer Studie feststellen, dass alles gar nicht stimmt.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.09.2018, 15:41 Uhr

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