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Es gab genügend Hinweise

Jahrelang operierte und behandelte Ralf Senner Übergewichtige fehlerhaft. Viele wussten von problematischen Vorfällen, ohne zu agieren.

Übergewichtigen fehlt oft das Selbstvertrauen, gegen fehlbare Ärzte vorzugehen. Foto: Georg Wendt (Keystone)
Übergewichtigen fehlt oft das Selbstvertrauen, gegen fehlbare Ärzte vorzugehen. Foto: Georg Wendt (Keystone)

Der Fall des Chirurgen Ralf Senner, der in ­München und in der Schweiz Patienten falsch informiert und schlecht behandelt hat, ist ­ungewöhnlich. Nicht nur, was die Schwere betrifft. Unüblich ist auch der Auslöser, der zur Recherche und letztlich zur Veröffentlichung geführt hat. Die Missstände wurden Redaktion Tamedia nicht wie sonst oft von einem Insider «gesteckt». Am Anfang stand eigentlich nur ein ungutes Gefühl des Journalisten gegenüber dem Auftreten des Arztes. Senner stellt sich in Medien und auf seiner ­Webseite als Über­gewichtschirurg mit internationalem Ansehen dar. Seine Praxis im stadtzürcherischen Seefeld heisst imposant «European ­Special Management Centre of Obesity Surgery» (Escos). Und in einem Werbevideo präsentiert er eine Variante einer Roboter­operation als Europapremiere.

Zu dieser Grossartigkeit passt irgendwie nicht, dass er als Belegarzt an einem Regionalspital im Kanton Zürich arbeitet und von ihm keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen auffindbar sind. Tatsächlich wurde nach zahlreichen Gesprächen und Abklärungen das Gefühl zur Gewissheit: Der Mann sollte keine Patienten mehr operieren. Seine Vergangenheit erscheint derart zweifelhaft, dass einem die Bezeichnungen «Arzt» oder «Chirurg» unpassend vorkommen.

Live-OP einer an Adipositas erkrankten Person mit dem Roboter «Da Vinci». Video: Prof. Dr. Ralf Senner

Dieses kleine «Making of» der Recherche soll aufzeigen, was der Skandal hinter dem Fall ist: In den gut 15 Jahren, während derer Senner in Deutschland und der Schweiz tätig war, gab es beunruhigend viele Menschen, die von problematischen Vorfällen wussten – oder zumindest hätten wissen können. Viele haben nichts unternommen. Manche profitierten sogar trotzdem von Senner oder ermöglichten ihm zumindest das Operieren.

Senner hat davon profitiert, dass stark Übergewichtige oft ein angeschlagenes Selbstvertrauen haben.

Gemeint sind damit natürlich nicht die geschädigten Patienten. Ihnen wurde zum Teil abgeraten, vor Gericht zu gehen oder sonst wie aktiv zu werden. Senner hat zudem davon profitiert, dass stark Übergewichtige oft ein angeschlagenes Selbstvertrauen und wenig Durchhaltevermögen haben, um auf Konfrontation zu gehen.

Eine unschöne Rolle gespielt haben insbesondere die Verantwortlichen der Schweizer Kliniken, an denen Senner operiert hat. Auch wenn es beim Spital Männedorf jetzt heisst, dass man nur von «wirtschaftlichen Problemen» gewusst habe: Es gab genügend Hinweise, die eine tiefergehende Abklärung von Senner nötig gemacht hätten. Auch bei den beiden Kliniken, an denen er davor tätig war. Diese hätten auch offensiver kommunizieren sollen, warum sie sich von Senner getrennt hatten. Vielleicht wollte man einen Reputationsschaden verhindern. Diesen haben sie jetzt erst recht. Ob sie wirklich ahnungslos waren, müssen sich die Ärzte fragen, die bis vor kurzem direkt mit Senner zusammengearbeitet haben und nun plötzlich von seiner Webseite verschwunden sind.

Defensiv und zögerlich

Sicher einiges gewusst haben Übergewichts­chirurgen in der Schweiz und erst recht in Deutschland. Man war empört, fühlte sich aber offenbar machtlos. In München kam es zu einigen Gerichtsverhandlungen mit Expertengutachten, doch irgendwie konnte sich Senner immer wieder entziehen. Bei der Recherche war aber oft auch die verbreitete Beisshemmung spürbar, die Ärzte gegenüber ihren Kollegen haben – selbst wenn diese Patienten schädigen und damit letztlich ihren Berufsstand verhöhnen.

Wahrscheinlich tatsächlich nichts gewusst haben wohl der Ärzteverband FMH und die Zürcher Gesundheitsdirektion, welche im Kanton die Aufsicht hätte. Das dürfte nicht sein, ist aber nicht überraschend. Beide haben den Ruf, in solchen Fällen defensiv und zögerlich zu agieren. Kein Wunder, gelangen Hinweise auf ernste Missstände nur mit Verzögerung, wenn überhaupt zu ihnen.

Ein Fall wie Senner sollte nicht vorkommen, das ist wohl unbestritten. Mindestens so wichtig wie griffigere Regeln und rigoroseres Vorgehen ist nun, dass «Mitwisser» bei Hinweisen künftig früher aktiv werden. Das könnte bereits viel dazu beitragen, eine Wiederholung zu verhindern.

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