«Es geht um Kinder, um ihr Leben»

Lungenspezialist Alexander Möller findet, dass Asthma in der Schweiz leichtfertig diagnostiziert wird. Er sagt, worauf Eltern achten müssen.

Die Hälfte aller Asthmadiagnosen in den Niederlanden ist falsch: Kleinkind beim Inhalieren. Foto: Phyllis Buchanan (Flickr)

Die Hälfte aller Asthmadiagnosen in den Niederlanden ist falsch: Kleinkind beim Inhalieren. Foto: Phyllis Buchanan (Flickr)

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Ein Drittel der Kinder, die Asthma-Medikamente bekommen, erhalten die falsche Diagnose. Mit dieser Schätzung haben Sie harsche Reaktionen bei Ärzten provoziert. Haben Sie übertrieben?
Natürlich ist meine Perspektive als Spitalarzt möglicherweise etwas verzerrt. Trotzdem, es ist offensichtlich, dass in der Schweiz Asthma relativ leichtfertig diagnostiziert und therapiert wird. Insbesondere bei kleineren Kindern ist die Erkrankung sehr schwer zu diagnostizieren. In der Regel reicht da ein fünfminütiges Gespräch nicht.

In der Schweiz gibt es keine Studie, die Zahlen zur Überbehandlung liefern würde. Wie kommen Sie zu Ihrer Analyse?
Es gibt die Studie von 2016 aus Utrecht, die in den Niederlanden durchgeführt wurde. Sie zeigt: Die Hälfte aller Asthmadiagnosen ist falsch. In der Schweiz existiert keine solche Untersuchung. Doch die Befunde aus dem Ausland sind meines Erachtens durchaus teilweise übertragbar. Ich stütze mich aber vor allem auf unsere Erfahrung, die wir als Zentrum für Abklärungen von Kindern mit Asthma haben. Ich bin sicher, dass niedergelassene Kinderlungenspezialisten ähnliche Zahlen haben wie wir.

In der Schweiz leiden rund 70'000 Schulkinder an Asthma. Da dürften durchaus Tausende von Überbehandlung betroffen sein.
Das ist plausibel, wenn man hochrechnet, was wir bei uns am Zentrum mit jährlich gut 9000 Konsultationen sehen. Asthma ist sehr häufig.

Was sind typische Fälle, die Sie sehen, bei denen die verschriebenen Asthmamedikamente nicht gerechtfertigt sind?
Es gibt im Wesentlichen drei Kategorien. Eine Gruppe betrifft adoleszente Kinder, die sich wegen Atembeschwerden beim Sport melden. Das wird von Ärzten oft ­reflexartig als Asthma interpretiert und entsprechend therapiert. In vielen Fällen sprechen die Kinder jedoch nicht darauf an. Die Hälfte der Patienten, die mit dieser Fragestellung zu uns kommen, haben kein Asthma. Eine zweite Kategorie betrifft Kinder mit Husten. Dieser kann zwar ein Symptom von Asthma sein, aber auch für alle möglichen anderen Lungenprobleme. Husten als alleiniges Symptom ist bei Asthma jedoch untypisch. Und ­sogenannt produktiver Husten, bei dem Schleim weggehustet wird, ist kein Asthmasymptom. Bei uns hat jedoch ein Grossteil der Kinder, die wegen chronischem Husten zugewiesen werden, eine Asthmatherapie mit Kortison hinter sich.

Hilft Kortison nicht ohne Asthma?
Kortison wirkt sehr gut bei der asthmatischen Atemwegsentzündung. Bei einer Entzündung durch Viren oder Bakterien, also einer klassischen Bronchitis, wirkt es viel weniger bis gar nicht.

Was wäre die dritte Kategorie?
Das sind kleine Kinder. Bis zum fünften Lebensjahr hat ein Drittel aller Kinder öfter eine sogenannte obstruktive Bronchitis mit pfeifender Atmung. Nur ein Teil leidet an Asthma. Bei der Mehrheit der Fälle steckt eine Virusinfektion ­dahinter. Hier bringt inhalatives Kortison kaum etwas. Trotzdem wird es sehr häufig eingesetzt.

Wieso werden die Medikamente verschrieben?
Das Problem im Praxisalltag ist, dass sich diese Kinder praktisch nicht von den Asthmatikern unterscheiden lassen. Die Ärzte kommen unter Druck, weil die Kinder bei jedem Infekt eine pfeifende Atmung bekommen. Für die Kinder und die Eltern ist dies eine grosse Belastung. Deshalb ist es verständlich, dass man etwas unternehmen möchte. Es ist schwierig, unter ­diesen Umständen kein präventives Medikament zu geben, obwohl die Kinder meist eigentlich gar nichts bräuchten. Bronchienerweiternde Medikamente sind für die Behandlung in der akuten Situation hingegen wichtig und helfen den Kindern dabei, besser atmen zu können.

Was kann ein Arzt bei diesen Patienten machen?
Man kann mit ein paar gezielten Fragen und Abklärungen erkennen, ob weitere Untersuchungen nötig sind. Kinder, die zwischen den einzelnen Episoden total gesund sind, bei Anstrengung nicht husten oder pfeifen, haben meistens kein Asthma. Wenn tatsächlich ein schwerwiegendes Problem vorliegen könnte, dann sollte das Kind zu einem Spezialisten geschickt werden. Es ist jedoch nicht sinnvoll, in diesen Fällen eine Langzeittherapie zu verordnen, welche die Eltern in der Regel dann sowieso nicht umsetzen.

Wann sollte die Lungenfunktion gemessen werden?
Bei einem Kleinkind ist dies nicht möglich, das geht erst ab einem Alter von vier oder fünf Jahren. Dann sollte bei einem Asthmaverdacht aber unbedingt ein Lungenfunktionstest durchgeführt werden – ausser es handelt sich um einen ganz klaren Fall. Nicht alle Kinder- oder Hausärzte haben ein entsprechendes Gerät. Sie müssen das Kind an einen Spezialisten überweisen.

Das würde zu erheblich mehr Überweisungen führen, wenn das immer gemacht würde.
Das ist so. Doch die Betroffenen haben meiner Meinung nach ein Recht darauf, adäquat abgeklärt zu werden. Es geht um Kinder, es geht um ihr Leben – und darum, dass sie möglicherweise längere Zeit jeden Tag Medikamente nehmen müssen. Das ist eine Belastung für das Kind und die Familie.

«Die Betroffenen haben ein Recht, adäquat abgeklärt zu werden.»

Was ist mit den Nebenwirkungen der Medikamente?
Das Risiko für relevante Nebenwirkungen ist sehr klein. Es gibt die Effekte der Langzeittherapie mit Kortison auf das Wachstum. Aber die sind gering. Konkret hat eine grosse Langzeitstudie gezeigt, dass Patienten im Erwachsenenalter im Durchschnitt 1,3 Zentimeter kleiner waren, nachdem sie während fünf Jahren täglich entsprechende Medikamente genommen hatten. Bei einzelnen Patienten kann es jedoch zu einem Wachstumsstopp kommen. Um das rechtzeitig zu erkennen, ist es wichtig, bei jedem Kind während der Behandlung regelmässig die Grösse zu messen.

Was ist mit Auswirkungen auf die Nebennierenrinde?
Hier sind zwar Effekte im Labor messbar. Zu Symptomen führen diese jedoch äusserst selten. Nebenwirkungen, etwa bezüglich Knochendichte, Knochenbrüchen, Diabetes, Verhalten oder grauem Star, treten in Studien bei den Kindern unter Asthmatherapie nicht auf. Auch bei den bronchienerweiternden Medikamenten sind Auswirkungen wie hoher Puls oder Nervosität selten wirklich spürbar.

Die Vorteile überwiegen, wenn tatsächlich Asthma vorliegt.
Deutlich, ja. Dann darf man die Therapie über Jahre bedenkenlos durchführen. Im Vergleich zum sehr grossen Nutzen sind die Nebenwirkungen äusserst gering. Weil im Einzelfall aber trotzdem Probleme auftreten können, sollten die Medikamente dennoch gezielt und möglichst tief dosiert eingesetzt werden.

In der Praxis kämpfen Ärzte damit, dass Patienten ihre Medikamente nicht nehmen.
Asthmatiker mit klaren Symptomen ­gehen zum Arzt, weil sie leiden, und ­nehmen auch die Medikamente, damit es ihnen besser geht. Es gibt aber auch die asymptomatischen Asthmatiker, die daran gewöhnt sind, dass ihre Bronchien eng sind, und nichts bemerken. In der Untersuchung findet man eine eingeschränkte Lungenfunktion und erhöhte Entzündungswerte. Das sind die gefährlichen Patienten. Sie gehen nicht unbedingt zum Arzt und nehmen Asthmamedikamente nicht regelmässig. Bei ihnen kann es zu schweren Anfällen kommen. Zudem können ohne Behandlung irreversible Schäden an den Atemwegen entstehen, die später zu Problemen führen.

Wie gross schätzen Sie das Problem der Unterbehandlung ein?
Es ist wahrscheinlich ähnlich gravierend wie das der Überbehandlung. Doch die Unterbehandlung ist nicht eine Folge davon, dass die Ärzte zu wenig oder falsch diagnostizieren würden. Auch das offensive Verschreiben von Medikamenten hilft da wenig. Es sind eher die Betroffenen, die nicht mitmachen. Unter anderem auch aus unbegründeter Angst vor den Nebenwirkungen. Im Alltag müssen wir viel Zeit investieren, um die Patienten und ihre Eltern zu schulen und zu überzeugen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2017, 11:58 Uhr

Alexander Möller

Der Pädiater ist Leitender Arzt der Pneumologie am Kinderspital Zürich. Foto: Valérie Jaquet, Kinderspital Zürich.

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