«Es gibt kein Recht, andere anzustecken»

In der Schweiz sind sechs neue Masernfälle aufgetreten. Daniel Koch, Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» im BAG, ist beunruhigt.

Eine unterschätzte Kinderkrankheit: 12-jähriger Junge mit Masern.

Eine unterschätzte Kinderkrankheit: 12-jähriger Junge mit Masern. Bild: STR/Keystone

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Herr Koch, seit Sonntag sind in der Schweiz laut SRF sechs neue Masernfälle aufgetreten. Ist das besorgniserregend?
Die Anzahl der Fälle selber ist nicht aussergewöhnlich, es treten immer wieder vereinzelte Masernerkrankungen auf. Dass die Fälle allerdings gleichzeitig an drei verschiedenen Orten wie dem Wallis, Neuenburg und St. Gallen aufgetreten sind, ist etwas speziell. Noch beunruhigender ist, dass in zwei Fällen Personen betroffen sind, welche in Institutionen arbeiten und mit Kindern in Kontakt sind, die teilweise noch nicht geimpft sind.

Wo haben sich die Betroffenen angesteckt?
Diese Abklärungen laufen noch. Wir haben allerdings gewisse Hinweise aus Befragungen, dass es sich um Vergnügungspärke handeln könnte. Die Resultate der Virenanalyse, welche direkte Zusammenhänge der Fälle zeigen, sind allerdings noch ausstehend.

Waren die Erkrankten geimpft?
Bei der einen Person handelt es sich um eine Lehrperson, die nicht geimpft ist und erkrankt ist. Die zweite Person ist eine nicht geimpfte Tagesmutter, deren ebenfalls ungeimpftes Kind erkrankt ist. Diese Mutter betreut sonst auch noch Säuglinge. Diese Personen sind in einem beruflichen Umfeld tätig, in denen sie eigentlich geimpft sein müssten. Das ist sicher heikel. Das zeigt einfach, dass das Personal in Kinderkrippen oder auch Tagesmütter eine Verantwortung dafür haben, dass sie ihre Zöglinge nicht anstecken.

Bisher war der Fokus eher auf dem Spitalpersonal.
Das gilt natürlich für das Spitalpersonal genauso wie für die schulische Umgebung, wo man nicht immer weiss, wie gut geschützt die Kinder sind. Der Todesfall eines jungen erwachsenen Leukämiepatienten Anfang Jahr sollte Warnung genug sein.

Müsste man in Kindertagesstätten oder Schulen schärfere Massnahmen ergreifen?
Für diese Institutionen gilt die Empfehlung, dass sie den Impfstatus ihrer Mitarbeiter prüfen. Zudem kann der Kantonsarzt den Ausschluss von Ungeimpften vom Schulgelände anordnen, wenn dort Masern auftreten. Das bedeutet, dass nicht geimpfte Kinder das Gebäude nicht mehr betreten dürfen, bis die Gefahr, dass sie andere anstecken, gebannt ist.

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Braucht es ein Masern-Impfobligatorium?




Wissen das die Leute?
Darüber müssen die Eltern natürlich rechtzeitig informiert werden, sonst werden sie überrascht, wenn ein solcher Fall auftritt. Aber die Kantone setzen das rigoros um, es sollte also bekannt sein.

Wäre ein Impfobligatorium für das Betreuungspersonal in Kindertagesstätten und für ähnliche Berufsgruppen angezeigt?
Es gibt kein Impfobligatorium, aber es gibt auch kein Recht, andere anzustecken. Deshalb sind diese Schulausschlüsse völlig einleuchtend. Wir können aber nur das umsetzen, was im Gesetz steht. Ein Impfobligatorium ist im jetzigen Gesetz nicht vorgesehen. Meiner Meinung nach brauchen wir das auch nicht, weil die Impfraten derzeit erfreulich ansteigen.

Die aktuell erkrankten Personen waren nicht geimpft. Weiss man, wieso?
Das wissen wir noch nicht, aber die Befragungen laufen. Prinzipiell gibt es sicher Leute, die sich bewusst nicht impfen wollen. Aber viele Leute vergessen schlicht auch, dass sie nicht geimpft sind – vor allem junge Erwachsene, die neu ins Berufsleben treten. Wir haben das Problem einer Impflücke, die sich vor 10 bis 20 Jahren geöffnet hat.

Wie ist diese Impflücke entstanden?
Damals waren die Durchimpfungsraten noch viel schlechter als heute. Deshalb haben wir heute viele junge Erwachsene, die als Kinder nicht geimpft worden sind. Aber vielen ist das gar nicht mehr bewusst.

Was sollen diese jungen Erwachsenen machen?
Sie sollten ihren Impfstatus überprüfen, das heisst im Impfbüchlein nachschauen, ob sie geimpft sind, oder diesen in der Apotheke nachprüfen lassen. Im Zweifelsfall sollen sie sich auch nachimpfen lassen, das ist nicht so teuer.

Aber man muss es selber bezahlen?
Ja. Das ist so. Im Rahmen der Eliminationskampagne, die bis 2015 lief, war die Masernimpfung von der Franchise befreit und wurde so bis auf den Selbstbehalt von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt. Das ist im Moment leider nicht mehr so. Das wollen wir wieder ändern. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in denen die Menschen ihre Impfung noch selber bezahlen müssen.

Sind viele Ungeimpfte kategorische Impfgegner?
Ich glaube, dass die kategorischen Impfgegner nicht mehr so eine grosse Rolle spielen, wenn man die heutigen Impfraten beachtet. Bei den Schulabgängern sind bereits 96 Prozent mit einer Dosis geimpft und 93 Prozent mit zwei Dosen. Bei den zweijährigen Kindern sind 94 Prozent mit einer Dosis geimpft und 87 Prozent mit zwei Dosen. Diese Zahlen sind schon recht gut, wir kommen nahe an unser Ziel einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Wir möchten eigentlich Menschen, die aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen gegen das Impfen sind, auch nicht zwanghaft bekehren. Das Problem ist eher, wenn diese Leute missionieren und die Impfungen generell schlechtreden. Hier halten wir mit offenen Informationen dagegen.

Droht der Schweiz nach den aktuellen Fällen eine neue Masern-Epidemie?
Nein, das befürchten wir nicht, auch wenn in Italien kürzlich eine solche mit 4000 Fällen ausgebrochen ist. Trotzdem ist uns wichtig, dass wir noch besser werden. Die Zahlen der Masernfälle in der Schweiz sind dieses Jahr höher, weil wir zu Beginn des Jahres Ausbrüche im Kanton Graubünden und im Tessin hatten. Deshalb liegt uns viel daran, auf die Probleme hinzuweisen, vor allem wenn wie in diesem Fall Personen betroffen sind, die andere gefährden können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2017, 19:18 Uhr

Daniel Koch

Der Arzt Daniel Koch ist Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» im Bundesamt für Gesundheit. (Bild: Keystone Lukas Lehmann)

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