«Es gibt Übungen, die helfen, das Geräusch zu kontrollieren»

Donja Stempfle litt fast zehn Jahre lang unter Tinnitus, lief von Arzt zu Arzt, ohne Erfolg. Wie sie die Phantomgeräusche losgeworden ist.

«Manchmal stand ich vor dem Spiegel und dachte, man muss doch sehen, wie das Ohr pulsiert»: Donja Stempfle. Foto: Nila Thiel

«Manchmal stand ich vor dem Spiegel und dachte, man muss doch sehen, wie das Ohr pulsiert»: Donja Stempfle. Foto: Nila Thiel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manche haben ein Pfeifen im Ohr. Oder ein Pochen, ein Zischen, ein Rauschen. Etwa 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind in irgendeiner Form vorübergehend oder dauerhaft von Tinnitus betroffen. Für jene, die schwer erkrankt sind, ist es eine Qual. Donja Stempfle, 50, hatte fast zehn Jahre lang starken Tinnitus – und ist heute gesund. In ihrem Buch «Vergiss den Tinnitus! Und Heilung gibt es doch» beschreibt sie, wie sie fast resigniert hätte, weil die Ärzte ihr keine Hoffnung mehr machten. Stempfle ist Medizinische Fachangestellte und lebt in der Nähe von München.

Frau Stempfle, wie geht es Ihnen?
Gut! Aber wie ein Krebspatient immer Krebspatient bleibt, so bleibt auch ein Tinnitus-Patient immer Tinnitus-Patient. Aber ich vergesse den Tinnitus meistens – etwa wenn ich beim Arzt das Formular mit den Vorerkrankungen ausfüllen muss. Ich würde sagen, der Tinnitus ist zu 98 Prozent weg. Er ist nur noch im Hintergrund da. Wenn ich mich konzentrieren würde, könnte ich ihn herholen.

Sie haben sehr stark und sehr lange unter dem Tinnitus gelitten. Wie haben Sie ihn denn gekriegt?
Ich hatte zu der Zeit ein Hotel auf Ibiza und in den Sommermonaten wahnsinnig viel gearbeitet. Ich lag eines Nachts auf dem linken Ohr und hörte ein Klopfen. Ich habe mich dann umgedreht und mich aufs rechte Ohr gelegt – und da war es weg. Deshalb habe ich es nicht weiter beachtet. Aber das Klopfen im Ohr wurde immer schlimmer; ich war total überarbeitet und hatte auch eine private Belastung. Ich habe das Klopfen dann auch tagsüber gehört und es hat sich auch verändert.

«Zunächst ist es dadurch besser geworden, dass ich schwanger war.»

Wie?
Es war dann so ein elektrisierendes Geräusch, so ein Doing – als ob man auf diesen alten Matratzen mit Spiralen herumhüpft. Ich bin dann zu einem spanischen Arzt, der sagte, das seien Verspannungen der Halswirbelsäule. Er verschrieb mir Medikamente, die aber nichts halfen. Zwei Monate später bin ich zu einem deutschen Arzt auf Ibiza, der sagte, das sei nun chronisch, damit müsse ich jetzt leben. Zur Linderung machte er Akupunktur, aber das half auf die Schnelle nicht.

Sie sind dann nach Deutschland zurück ...
Ja, 2010. Halt, vorher habe ich auf Ibiza noch den Atlas einrichten lassen. Danach hat sich das Geräusch wieder verändert – es war nun so, als ob man mit weichen Klöppeln auf eine Trommel schlägt. Das war schon besser, aber immer noch schlimm.

Sie kennt die Leiden der Tinnitus-Patienten: Donja Stempfle spricht über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Video: Youtube

So schlimm, dass Sie in Deutschland von Arzt zu Arzt gegangen sind.
Ja. Aber zunächst ist es dadurch besser geworden, dass ich schwanger war. Zum einen lag mein Fokus nun auf dem Kind, zum anderen wird während der Schwangerschaft das Gewebe weicher, und so wurde der Tinnitus etwas leichter. Aber als mein Sohn geboren war, ist es viel schlimmer geworden: die hohen Töne des Babygeschreis, der Schlafentzug und der Tinnitus – ich konnte so nicht mehr weiterleben. Ich war dann bei allen Ärzten, die man sich vorstellen kann: Hausarzt. Hals-, Nasen-, Ohrenarzt. Herzspezialist, weil man abklären musste, ob vielleicht etwas mit der Halsschlagader ist. Angiologe, das ist ein Arzt für Gefässe. Wieder Hausarzt. Wieder HNO, wo MRTs der Halswirbelsäule und des Schädels gemacht wurden. Neurologe.

Keiner hat geholfen?
Keiner. Ich hätte Medikamente genommen, ich hätte in jede OP eingewilligt. Aber sie sagten alle nur: «Ihnen fehlt nichts. Vergessen Sie den Tinnitus. Leben Sie damit.» Hausärzte und Hals-, Nasen-, Ohrenärzte sind schnell mit Tinnitus überfordert, sie wissen darüber zu wenig. Am Ende wurde ich teilstationär in eine Klinik eingewiesen. Ohne Erfolg. Ich wurde entlassen und war austherapiert.

Wie ging es Ihnen da?
Ich habe überlegt, an welchen Baum ich mein Auto setze. Ich habe es nicht gemacht, weil ich ein Kind habe. Manchmal stand ich vor dem Spiegel und dachte, man muss doch sehen, wie das Ohr pulsiert, wie es sich bewegt. Das war doch so stark.

Und dann haben Sie beschlossen, noch einmal zu kämpfen.
Mir wurde klar, dass ich dem Geräusch jahrelang davongelaufen war. Ich war in dem Leiden gefangen, habe immer nur versucht, einigermassen durch den Tag zu kommen. Ich sagte mir: Jetzt reicht's, ich recherchiere selbst im Internet. Und da habe ich einen Spezialisten gefunden. Er war der erste Arzt, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er Ahnung hat, wovon ich spreche. Er sagte mir, dass mit meiner Kaumuskulatur etwas nicht stimme und riet mir dringend, zu einem Zahnarzt zu gehen.

«Der Tinnitus hat mich insgesamt etwa 40'000 Euro gekostet.»

Im Buch schreiben Sie, dass Sie da erstmals eine Verbesserung erlebten.
Ja. Ich bekam erst eine Schiene, weil meine Zähne total abgeschliffen waren.

Sie knirschten nachts mit den Zähnen?
Genau. Und dann wurde eine Zahnaufpolsterung gemacht.

Warum?
Der Kaubereich ist ja ganz nah an den Ohren. Und mein Kiefer war verschoben – als Kind hatte ich eine Spange, ich hatte einige Autounfälle, eine Fehlstellung der Halswirbelsäule, Verspannungen. Tinnitus ist ja eine multikausale Erkrankung. Jedenfalls habe ich diese Zahnsanierung machen lassen ...

... für 30'000 Euro, wie im Buch steht.
(lacht) Ja. Der Tinnitus hat mich insgesamt etwa 40'000 Euro gekostet.

Aber die Zahnsanierung hat geholfen.
Ja, sehr. Und gleichzeitig war ich bei einer Schmerztherapeutin, die mit Naturheilkunde arbeitet und selbst von Tinnitus betroffen war. Sie hat mein Blut angeschaut und gesehen, dass ich Mangelerscheinungen hatte, die den Tinnitus begünstigten. Ich habe den Darm saniert und die Ernährung umgestellt. Ein halbes Jahr lang habe ich vor allem Gemüse gegessen, auf Kohlenhydrate verzichtet, kaum Kaffee getrunken, kaum Alkohol, viel Wasser. Ich ernähre mich auch heute noch gesund.

Sie essen gerade einen Käsekuchen ...
(lacht) Der ist gut für die Seele.

«Wenn es ganz schlimm ist, kann man auch aus der Situation rausgehen.»

Ganz dogmatisch sollte man ohnehin nicht sein. Führt bloss zu Verspannungen.
Genau. Jedenfalls hat das alles geholfen: Zahnsanierung, Darmsanierung, Ernährung, Akupunktur, Osteopathie, Sport, Bewegung, Entspannungsübungen. Der Tinnitus wurde sukzessive leiser. Er war dann teilweise weg und ich dachte mir plötzlich: Wo ist der Tinnitus?

Was machen Sie, wenn er wieder auftritt?
Gehirntraining. Und es gibt bestimmte Übungen, die helfen, das Geräusch zu kontrollieren. Man klopft zum Beispiel auf die Thymusdrüse, das entspannt.

Wohin?
Hier, die Thymusdrüse (zeigt auf einen Punkt am oberen Teil des Brustbeins, unter der Schilddrüse). Wenn es ganz schlimm ist, kann man auch aus der Situation rausgehen. Mit Rausgehen meine ich auch, dass man das Haus verlässt. Am besten barfuss. Da wird dann die Empfindung vom Kopf auf die Füsse gelenkt.

«Tinnitus-Kranke resignieren irgendwann. Ich will ihnen helfen.»

Achten Sie auch auf genug Entspannung? Stress fördert ja den Tinnitus.
Ich schaue besser auf mich. Früher habe ich mich permanent überanstrengt. Ich bin schon die typische Tinnitus-Persönlichkeit, mache mir Druck, bin perfektionistisch. Aber jetzt weiss ich, wann Schluss ist, gehe nicht mehr über Grenzen hinweg, sage auch «nein» und «das kann ich nicht».

Es geht Ihnen jetzt gut. Sie könnten sich daran erfreuen, sich entspannen, zur Massage gehen, schwimmen – Dinge, die Sie gerne machen. Warum dieses Buch?
Ich will Menschen, die an Tinnitus leiden, Mut machen.

In Ihrem Buch steht am Anfang der Satz: Wenn Ihnen Ihr Arzt sagt: «Es gibt keine Aussicht auf Besserung für Ihren Tinnitus», dann glauben Sie das auf keinen Fall!
Tinnitus-Kranke resignieren irgendwann. Ich will ihnen helfen. Das ist ein fröhliches Mutmachbuch – es hat jemand geschrieben, der selber erkrankt war und jetzt geheilt ist. Aber man muss etwas machen, sonst geht der Tinnitus nicht weg. Mein Motto ist: Der Wille zeigt den Weg, Ruhe ist das Ziel.

«Vergiss den Tinnitus: Und Heilung gibt es doch», Donja Stempfle, herbig Verlag, Exlibris, CHF 25.50

Erstellt: 03.04.2019, 20:41 Uhr

Artikel zum Thema

Mit den Ohren sehen und den Knien hören?

Klingt zwar schräg, ist im Tierreich jedoch keine Seltenheit. Elefanten, Eulen und Motten machen mit ihren Ohren die unterschiedlichsten Sachen. Mehr...

Wie man Handystrahlung minimiert

Wie gefährlich ist die Handystrahlung? Schwer zu sagen. Sie lässt sich aber mit einigen Kniffen vermindern. Mehr...

Alles dreht sich!

Kleine Ursache, grosse Wirkung: Warum wir plötzlich von akutem Schwindel befallen werden und was dagegen hilft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...