Unnötige Spitalinfektionen wegen Katheter

Jeder vierte Patient in Schweizer Spitälern erhält einen Blasenkatheter. Oft unnötigerweise, wie neue Zahlen zeigen. Die Folge können Komplikationen sein – und sogar der Tod.

Sie können zu Harnweginfekten führen: Kolibakterien in der Petrischale. Foto: Getty Images

Sie können zu Harnweginfekten führen: Kolibakterien in der Petrischale. Foto: Getty Images

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Ein Fehltritt mit fatalen Folgen: Jakob H. (Name geändert), ein etwas älterer Herr, macht einen Waldspaziergang, rutscht aus und stürzt in ein Bachbett. Er ist stark unterkühlt, als er dort gefunden wird, und muss auf eine Notfallstation. Dort wird er behandelt und erhält unter anderem einen Blasenkatheter. Nach einer Nacht auf der Intensivstation wird Jakob H. auf die Bettenstation verlegt. Dort entwickelt er schon bald eine Harnweginfektion und schliesslich eine Blutvergiftung. Vier Tage später stirbt Jakob­ H. an der Komplikation.

Ein Todesfall, der wohl hätte vermieden werden können. «Hätte man den Katheter auf der Bettenstation entfernt, würde der Patient jetzt wahrscheinlich noch leben», sagt Stephanie Züllig von der Stiftung Patientensicherheit.

Viele zucken zusammen, wenn sie das Wort Blasenkatheter hören. Ein Kunststoffschlauch, der durch die Harnröhre in die Harnblase geschoben wird, um den Urin abzuleiten – das ist wahrlich eine unerfreuliche Vorstellung. Doch die Massnahme ist weit verbreitet. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Stiftung Patientensicherheit und des Nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso bei insgesamt 13 000 Patienten an sieben Schweizer Spitälern. Demnach erhält fast jeder vierte Spitalpatient einen Blasenkatheter, davon wiederum jeder vierte ohne zwingenden medizinischen Grund. «Im internationalen Vergleich steht die Schweiz bei der Häufigkeit des Kathetereinsatzes damit am oberen Ende», sagt Züllig. Andere Länder hätten Nutzungsraten von 13 bis 22 Prozent. Immerhin ist der Anteil der unnötig gelegten Katheter gemäss Erhebung nur knapp halb so hoch wie andernorts.

Auch wenn sich die Zahlen der Untersuchung nur bedingt auf die ganze Schweiz übertragen lassen – für Züllig ist klar: «Blasenkatheter sollten seltener verwendet werden, denn sie sind alles andere als harmlos.» Sie leitet das nationale Pilotprogramm «Sicherheit bei Blasenkathetern» der Stiftung Patienten­sicherheit und von Swissnoso an sieben Pilotspitälern, darunter das Kantonsspital Winterthur, das Unispital Zürich oder das Inselspital Bern. Das Ziel: Blasen­katheter sollen seltener, weniger lange und mit weniger Komplikationen zum Einsatz kommen. An den Pilotspitälern wird nun getestet, ob sich das mithilfe einer Checkliste, regelmässiger Überprüfung, von Dokumentation und Personalschulungen erreichen lässt. Dadurch soll auch die oft sinnvolle Verwendung von Blasenkathetern sicherer werden. Zum Beispiel bei grossen Operationen oder wenn Patienten wegen Harnsteinen oder einer Prostatavergrösserung die Harnblase nicht selber entleeren können. Oder bei hohem Leidensdruck in palliativen Situationen, wenn Patienten dies wünschen.

Ursache für Spitalinfektionen

Unter den Komplikationen stehen Infektionen an erster Stelle. In internationalen Studien zeigte sich, dass Blasen­katheter zu den wichtigsten Ursachen von Spitalinfektionen gehören. In der Schweiz stecken sich jedes Jahr 70 000 Patienten bei einem Aufenthalt in einer Klinik an, 2000 sterben daran. Bisherige Studien deuten darauf hin, das bis zu einem Fünftel dieser Spitalinfektionen im Zusammenhang mit einem Blasen­katheter stehen. Die Folgen sind Schmerzen, mehr Antibiotikaverbrauch, längere Spitalaufenthalte und manchmal bleibende Schäden oder Todesfälle wie der von Jakob H. Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) hat dieses Jahr deshalb das Verschreiben von Blasenkathetern ohne medizinischen Grund auf eine Negativliste gesetzt. Davor tat dies auch die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM).

Extreme Verläufe wie bei Jakob H. sind allerdings selten. Oft sind hingegen unangenehme Komplikationen:

Ein Patient wird mit einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse ins Spital eingeliefert und erhält einen Dauerkatheter. Damit wollen die Ärzte seine Flüssigkeitsbilanz während der Therapie messen. Andere Methoden, wie das Wägen des ­Patienten, wären auch möglich, allerdings aufwendiger gewesen. Am nächsten Morgen klagt der Patient über Schmerzen und Blut in der Harnröhre. Es zeigt sich, der Katheter war falsch platziert. Die Pflegenden entfernen ihn, die Beschwerden besseren sich.

Solche Komplikationen sind im Vergleich zu den Infektionen zwar meist weniger gravierend, dafür viel häufiger. Und genauso unnötig, wenn Patienten den Katheter ohne Indikationen tragen. «Dies bindet die Patienten ans Bett und führt dadurch zu Problemen wie Druckgeschwüren, zu Stürzen und schliesslich zu verlängerten Spitalaufenthalten», so Züllig. Es könne auch nicht selten zu Verletzungen der Harnwege oder der Prostata kommen.

«Solche Komplikationen stehen für uns inzwischen mehr im Zentrum als die Infektionen», sagt Züllig. Ein Grund dafür ist, dass sich in der Untersuchung im Rahmen des Programms gezeigt hat, dass die Pilotspitäler bei der Infektionsrate vergleichsweise gut dastehen. Die Rate ist rund 20 Prozent tiefer als etwa in Studien aus den Vereinigten Staaten. Jonas Marschall, Infektiologe am Inselspital Bern und Programmleiter für die Erhebung der Katheterdaten, räumt jedoch ein, dass die Resultate verzerrt sein könnten: «Die beteiligten Pilotspitäler liegen wahrscheinlich über dem Schweizer Durchschnitt, weil man dort eher motiviert ist und bereits eine gute Praxis hat.» Hinzu kommt, dass erst 2015 die Kriterien international verschärft wurden, ab wann von einer Harnwegsinfektion gesprochen wird.

Eine Befragung der Ärzte und Pflegenden an den Spitälern bestätigt, dass der Wissensstand hoch ist. Auffällig jedoch: «Mitarbeiter, die im Vergleich häufig Katheter setzen, haben einen tieferen Wissensstand», so Züllig. «Auch wenn der Durchschnitt gut ist, zeigt sich im Detail auch Verbesserungspotenzial.»

Über Katheter gestolpert

Nicht infektiöse Komplikationen können genauso gefährlich werden wie Infektionen – wenn sie sich hochschaukeln:

Ein 82-jähriger Patient muss wegen einer Herzschwäche in die Notaufnahme. Dort erhält er einen Blasenkatheter. Nach dem Wechsel auf die Bettenstation wird ihm dieser nicht entfernt. Er kann nicht schlafen und steigt in der Nacht trotz einem Schlafmittel aus dem Bett. Dabei stolpert er über den Katheter und bricht sich die linke Hüfte. Er muss operiert werden und hat danach eine Venenthrombose im linken Bein. Weil er danach ans Bett gebunden ist, bekommt er aber Druckgeschwüre (Dekubitus). Der Arzt entfernt ihm schliesslich den Blasenkatheter. Doch wegen der Schmerzmedikamente kann der Patient nicht mehr selber Urin lösen und erhält erneut einen Katheter gesetzt. Dabei werden jedoch die Harnwege verletzt. Ein paar Tage später bekommt der 82-Jährige eine Harnweginfektion und schliesslich eine Blutvergiftung. Diese kann zwar behandelt werden. Doch nach insgesamt sechs Wochen im Spital erholt sich der Patient nicht mehr vollständig.

Wie das Programm nach der Pilotphase weitergeführt wird, ist noch offen. Zurzeit läuft eine Evaluation der ersten zwei Jahre. Danach wird sich zeigen, welche Empfehlungen den Schweizer Spitälern gegeben werden können. Für Marschall ist klar: «Der Zusatzaufwand für das Personal muss in einem Verhältnis zum Nutzen stehen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 23:27 Uhr

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