«Fasse nie ein totes Tier an»

Für Veterinärmediziner Christian Griot sind die Geflügelzüchter gut auf die Vogelgrippegefahr vorbereitet. Das sei wichtiger als die Massnahmen des Bundes.

Geflügelhalter tun alles, um eine Ansteckung zu verhindern: Zucht von Truthennen. Foto: Jens Büttner (Keystone)

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Beim letzten Vogelgrippeausbruch in der Schweiz zeigte sich, dass das Virus kaum von Wildvögeln auf Hausgeflügel übertragen wird. Wie sinnvoll sind die verstärkten Massnahmen des Bundes?
Wir haben 2006 im Rahmen des Forschungsprojekts Constanze tatsächlich festgestellt, dass Kontakte zwischen Wildvögeln und Geflügel viel weniger häufig sind als angenommen. Trotzdem finden sie statt. Dabei genügt eine einzige Ansteckung, um eine ganze Geflügel­zucht lahmzulegen. Die Beschränkungen sind deshalb wichtig. Noch bedeutender sind Zutrittsbeschränkungen und Hy­gienemassnahmen in den Geflügel­betrieben. Doch die gelten schon länger und nicht nur bei Vogelgrippegefahr. Heute geht bei professionell geführten Ställen niemand ohne Kleiderwechsel und Desinfektion einfach so rein.

Die Vogelgrippe ist regelmässig ein Thema, und in der Öffentlichkeit stellt sich eine gewisse Ermüdung ein. Wie besorgniserregend ist die Situation diesmal?
Es ist das erste Mal seit 2006, dass in der Schweiz Vogelgrippeviren in Tieren nachgewiesen werden. Damals waren alle überrascht, als das H5N1-Virus nach Europa kam. Dabei gab es bereits in den 90er-Jahren Ausbrüche in Asien, die hier aber niemanden kümmerten. Doch auch wenn es ganz weit weg ist, das ­Virus kann jederzeit nach Europa und in die Schweiz kommen. Das sehen wir auch jetzt wieder. Das nun grassierende H5N8-Virus trat in den letzten beiden Jahren in Asien mehrfach auf. Trotzdem sind jetzt alle wieder völlig überrascht.

Wie gefährlich ist der aktuelle Stamm im Vergleich zu H5N1 oder anderen Vogelgrippeviren, bei denen Menschen starben?
Es sind alles Influenzaviren und können sich verändern. Das H5N1-Virus, das 2006 isoliert wurde, ist gefährlich für den Menschen. Aber es sind trotzdem lange nicht alle gestorben, die mit dem Erreger in Kontakt gekommen sind. Das aktuelle H5N8-Virus ist seit 2014 in Korea, Japan, China, Deutschland, England, Holland und den USA aufgetreten. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass der Mensch sich anstecken kann.

Wäre eine Ansteckung denkbar?
Durchaus. Doch die Veränderung des Virus kann sich in alle Richtungen bewegen. Es muss dadurch nicht unbedingt gefährlicher werden. H5N8 könnte auch zu einem harmlosen Erreger werden.

Die Leute würden dann einfach einen Schnupfen bekommen?
Vielleicht würden sie auch gar nichts bemerken. Auch das ist möglich. Doch wie gross das Risiko ist, dass das Virus überhaupt auf den Menschen übertragbar wird, können wir heute nicht sagen.

Wie sinnvoll ist es, heute als Konsument Vorsichtsmassnahmen zu treffen?
Dafür gibt es absolut keinen Grund. Bei Eiern oder Hühnerfleisch gilt die übliche Vorsicht, die aber nichts mit Vogelgrippe, sondern mit Bakterien zu tun hat. Ansonsten ist gültig, was mir mein Vater schon vor 50 Jahren gesagt hat: Fasse nie ein totes Tier einfach so an.

Was würde sich bei einem Befall einer Geflügelzucht in der Schweiz ändern?
Ich wüsste keine zusätzlichen Massnahmen, die in der Schweiz ergriffen werden könnten. Grundsätzlich ist es nicht auszuschliessen, dass auch bei uns Betriebe betroffen sein werden. In Deutschland ist dies ja schon geschehen. Doch heute sind die Geflügelhalter gut organisiert und wissen Bescheid über die Krankheit. Sie tun alles Erdenkliche, um eine Ansteckung zu verhindern. Da hat sich seit 2006 viel getan.

Der H5N8-Erreger wird als hochpathogen bezeichnet. Was bedeutet das?
Die Pathogenität bezieht sich immer auf die Nutzvögel. Bei diesen ist das Virus sehr stark krank machend. Das heisst, die Tiere sind innerhalb einer Woche schwer krank oder tot. Bei niedrigpathogenen Vogelinfluenzaviren bemerkt man hingegen kaum Symptome. Allenfalls ist die Leistung der Nutztiere leicht reduziert oder die Eierschalen sind etwas dünner. Viel mehr sieht man nicht. Im Labor stellen wir Pathogenität über die Analyse der Gensequenz fest. Wir können nicht jedes Mal ein Huhn infizieren, um eine Virusprobe zu testen.

Ist es ungewöhnlich, dass diesmal Wildvögel an der Grippe sterben?
Das war auch beim H5N1-Virus teilweise so. Viele Wildtiere waren jedoch infiziert, ohne Symptome zu entwickeln. Das scheint beim aktuellen Virus tatsächlich anders zu sein. Die Symptome sind schwer und treten offenbar schnell auf. Doch das müssen jetzt gestartete Tierversuche von unseren deutschen Kollegen erst noch bestätigen.

Wie konnte das Virus überhaupt hierherkommen, wenn die Vögel daran sterben?
Im Juni fand man tote Wildvögel bei einem grossen See in der Mongolei, die mit H5N8 infiziert waren. Vermutlich ist dort ein Infektionsherd, bei dem sich die Zugvögel während eines Zwischenhalts angesteckt haben, bevor sie in den Westen geflogen sind.

Könnte man diesen Infektionsherd nicht bekämpfen?
Der See ist gross mit einem Durchmesser von 80 Kilometern und liegt in einem Naturschutzgebiet. Doch die Bekämpfung solcher Infektionen bei Wildvögeln ist ohnehin kaum möglich. Man kann sie nicht impfen. Und jagen wäre völlig übertrieben und würde auch nicht zum Ziel führen. Uns bleibt nur, das Nutzgeflügel möglichst gut vor einer Infektion zu schützen.

Gibt es einen Grund, wieso vor allem infizierte Reiherenten gefunden werden?
Am Anfang schien es tatsächlich so, wie wenn vor allem Reiherenten betroffen wären. Diese Vögel halten sich vor allem auf den Seen und in der Uferregion auf. Am Montag bekamen wir jedoch Hinweise aus Deutschland, dass auch Wasservögel betroffen sind, die sich auch viele Kilometer entfernt vom Gewässer aufhalten. Das war mit ein Grund, warum jetzt flächendeckend Massnahmen ergriffen wurden.

Erstellt: 15.11.2016, 20:30 Uhr

Christian Griot

Veterinärmediziner und Direktor des Schweizer Instituts für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern BE.

Geflügelpest

Stete Bedrohung

1983: H5N8. Im November 1938 wird diese Untergruppe des Influenza-A-Virus erstmals wissenschaftlich in einem Geflügelbetrieb in Irland dokumentiert. 8000 Puten und 28 000 Hühnerküken werden getötet, zudem fast der gesamte Hühnerbestand des Landes, der kommerziell gehalten wird. Bislang gibt es keinen Hinweis, dass H5N8 auf den Menschen übertragen werden kann. Das Virus wird populär als «Vogelgrippe» umschrieben. Dazu gehört auch der Subtyp H5N1, der auf Menschen übertragen werden kann.

2003: Erstmals H5N1 entdeckt. Die Vogelgrippe H5N1 tritt erstmals offiziell auf und verbreitet sich in Geflügelbeständen des ostasiatischen Raumes. Laut WHO sind seit 2003 bis heute 452 Menschen an dieser Vogelgrippe gestorben.

2005: Ausbreitung nach Westen. Der Erreger H5N1 erreicht Osteuropa. Die Weltorganisation für Tiergesundheit listet Fälle in Europa, Afrika und im Mittleren Osten auf. Die Schweiz beschliesst vorbeugende Massnahmen, um das einheimische Geflügel vor der Vogelgrippe zu schützen.

2006/07: Massnahmen der Schweiz.
Von Oktober 2006 bis April 2007 ist die Freilandhaltung im Umkreis von einem Kilometer um die grösseren Seen und Flüsse verboten. Die Schweiz kauft für 90 Millionen Franken 8 Millionen Dosen Impfstoff gegen H5N1.

2012: Umstrittene Experimente. Forscherteams experimentieren mit mutierten Vogelgrippeviren, die wahrscheinlich für den Menschen hochansteckend sind.
Das löst eine ethische Debatte aus.

2013: Aggressive Ausbreitung.
In China tritt erstmals eine besonders aggressive Variante des Virus H5N8 auf. Zugvögel tragen den Erreger über die Behringstrasse bis in die USA.

2014/15: Tötung von Millionen Hühnern. Eine aggressive Variante von H5N8, wie sie in China auftrat, wird auch in Korea nachgewiesen. Millionen Hühner und Enten müssen getötet werden. Infizierte Zugvögel sterben. Die hochansteckende Variante wird erstmals im November in Deutschland und in den Niederlanden entdeckt. Auch in England wird sie in Pekingenten identifiziert. Da es zwischen Deutschland, den Niederlanden und England keine Tiertransporte gibt, gehen die Virologen davon aus, dass das Virus durch frei lebende Vögel übertragen wird. (lae)

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