Fenster des Vergessens

Zwischen 65 und 75 Jahren erkranken genetisch vorbelastete Frauen häufiger an Alzheimer als Männer. Hängt dies mit der Menopause zusammen?

Derzeit gibt es keine Medikamente, die den geistigen Zerfall stoppen können.

Derzeit gibt es keine Medikamente, die den geistigen Zerfall stoppen können. Bild: Alexander Heinl/Keystone

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Laut Umfragen hat jeder zweite Deutsche Angst vor der alzheimerschen Demenz. Die frühzeitige Diagnose der neurologischen Erkrankung ist schwierig. Vor allem aber ist Alzheimer bislang so wenig verstanden, dass Ärzte nichts dagegen ausrichten können. Nur wenige Dinge gelten bislang als sicher: Alter, Gene und Geschlecht entscheiden über das Risiko eines Menschen, zu erkranken. Vor allem genetisch vorbelastete Frauen scheinen besonders gefährdet.

Eine aktuelle Analyse könnte nun dabei helfen, die Rolle des Geschlechts besser zu verstehen. In einer bislang beispiellosen Auswertung von Patientendaten kommt ein internationales Forscherteam zu der überraschenden Einsicht, dass das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, bei Trägern des Risiko-Gens ApoE4 zwar erhöht ist. Wie die Forscher in Jama Neurology berichten, ist der Einfluss aber insgesamt nicht abhängig vom Geschlecht. Nur in dem Zeitfenster von etwa 65 bis 75 Jahren erkranken genetisch vorbelastete Frauen häufiger als Männer. Im späteren Lebensverlauf gleicht sich dieser Unterschied wieder aus.

Bisher aussagekräftigstes Risiko-Gen

Diese Feststellung könnte einen wichtigen Hinweis auf den Erkrankungsmechanismus liefern. ApoE4 ist das häufigste und aussagekräftigste Risiko-Gen für die normale, spät einsetzende Form von Alzheimer. Etwa 15 Prozent der gesunden Bevölkerung sind Träger der Variante, unter den Erkrankten sind es gut 60 Prozent. Das Gen liefert den Zellen die Bauanweisungen für ein Protein, das am Fettstoffwechsel des Gehirns beteiligt ist. Sein Zusammenspiel mit anderen für Alzheimer typischen Degenerationsprozessen im Gehirn ist bislang nebulös.

«Einflüsse auf das Erkrankungsrisiko gehen schon Jahrzehnte vor den ersten Symptomen zu Werke», schreiben die Neurowissenschaftlerinnen Dena Dubal und Camille Rogine in einem Begleitkommentar zu der Studie. Die Autoren der Arbeit selbst halten für möglich, dass das betrachtete Risiko-Gen ApoE4 bei Frauen durch hormonelle Veränderungen während der Menopause beeinflusst wird. Das könnte eine wichtige Fährte sein, um die Funktion von ApoE4 in der Krankheitsentstehung zu klären und sie möglicherweise zu nutzen.

Solche Aussichten haben in der Alzheimerforschung schon oft Fantasien beflügelt. «Was wäre, wenn wir Frauen mit hohem Alzheimer-Risiko Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome identifizieren könnten?», fragen Dubal und Rogine. Sollte ApoE4 eine Möglichkeit eröffnen einzuschreiten, wäre das «ein monumentaler Fortschritt». Einer allerdings, der in weiter Ferne liegt. Derzeit gibt es keine Medikamente, die den geistigen Verfall stoppen können. Frühe Tests auf das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sind deshalb umstritten.

Erstellt: 29.08.2017, 13:57 Uhr

Kathrin Zinkant geboren 1974, begleitet das Schicksal der Wissenschaft für die SZ in Berlin. Sucht nach wissenschaftlicher Evidenz in der Bundespolitik, genauso wie nach Hand und Fuß in den aktuellen Forschungsdebatten. Die Ethik ist immer mit dabei. Hat Biochemie studiert und für die FAS, die Zeit, den Freitag und die taz gearbeitet. Ist naturgemäß ein Fan der Fernsehserie «Cosmos: A Personal Voyage».

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