Flaggschiff im Verzug

Das milliardenschwere Hirnforschungsprojekt der ETH Lausanne steht in der Kritik. Zwei Expertenberichte verlangen eine Nachbesserung sowohl in der Forschung wie auch beim Management.

Hochgesteckte Ziele: Grosse Hirnforschungsprojekte haben auch die Entwicklung neuer Technologien im Visier. Foto: Alamy

Hochgesteckte Ziele: Grosse Hirnforschungsprojekte haben auch die Entwicklung neuer Technologien im Visier. Foto: Alamy

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Zwei Forschungsdampfer hat die EU-Kommission 2013 auf die Reise geschickt. Milliardenprojekte, welche die europäische Forschung wieder auf Kurs bringen sollten. Das erste wurde in Schweden lanciert und soll die Eigenschaften des neuen Wundermaterials Graphen erforschen. Das zweite hat noch ein fantastischeres Ziel und stammt von der ETH Lausanne: die Totalsimulation des menschlichen Gehirns. Beide Projekte sollten mit bis zu einer Milliarde Euro über zehn Jahre unterstützt werden.

Diese Woche nun haben die EU-Experten den Reviewbericht für beide Projekte über die erste Phase veröffentlicht. Während dem Graphen-Projekt bescheinigt wurde, dass es mit Volldampf vorankomme, weht dem Human-Brain-Projekt eine steife Brise entgegen. Auf fast fünf Seiten listen die Experten Korrekturen und Empfehlungen für praktisch alle 13 Unterprojekte auf. Zum Teil in ultimativem Ton werden Nachbesserungen verlangt, die bis zum Juni abzuliefern sind. Die Zeit wird langsam knapp. Die Korrekturen sollen in das Framework Partnership Agreement einfliessen, das als Grundlage für die weitere Finanzierung ab 2016 dient. Noch vor einem Monat hat der zuständige EU-Beamte Theo van der Pyl in seinem Blog den Abschluss des Agreements auf Ende Mai terminiert. In der Zwischenzeit ist nur noch vage von «später im Jahr» die Rede.

Junges Projekt

Für Philippe Gillet, Vizepräsident für Forschung der ETH Lausanne und seit einigen Monaten Leiter des Human-Brain-Projekts, sind die Korrekturwünsche der EU-Reviewer nicht aussergewöhnlich: «Diese Empfehlungen sind normal. Man sollte auch nicht vergessen, dass das ­Projekt erst ein Jahr alt ist.»

Das Ziel des Human-Brain-Projekts ist in der Tat sehr hoch gesteckt: Innerhalb von zehn Jahren wollten die Initianten um den Lausanner Neurowissenschaftler Henry Markram die Simulation eines menschlichen Gehirns im Supercomputer schaffen. Das Gehirn besteht aber aus 100 Milliarden Nervenzellen, und jede einzelne ist für sich gesehen schon komplex genug. Die Simulation sollte die Prinzipien dahinter aufzeigen und dereinst helfen, Krankheiten des Gehirns, namentlich Alzheimer, Depressionen oder Angstkrankheiten, zu heilen. «Das Human Brain Project wird das Cern der Hirnforschung», verkündete Henry Markram, nachdem er den Zuschlag der EU erhalten hatte.

Die Heilsversprechungen kamen in der Forschergemeinschaft schlecht an. Die Idee, das Gehirn zu simulieren, ohne dessen Funktion zu verstehen, sei grundsätzlich falsch, lautete das Argument der Kritiker. Das Fass zum Überlaufen brachte aber der Entscheid des dreiköpfigen Direktoriums um Henry Markram vom vergangenen Juni, das Teilprojekt über die kognitiven Neurowissenschaften aus dem Kernprojekt zu verbannen und zu einem Partnerprojekt zu degradieren. Während die Finanzierung des Kernprojekts über die EU-Programme läuft und relativ sicher ist, müssen die Partnerprojekte ihre Gelder erst noch einwerben. Die Projektverantwortlichen stellten sich auf den Standpunkt, dass das Human-Brain-Projekt vor allem ein Technologieprojekt sei. Der schnöde Rauswurf löste unter den Hirnforschern aber grossen Aufruhr aus, und rund 800 Forscher protestierten dagegen in einem offenen Brief an die EU. Die Leitung des Human-Brain-Projekts setzte darauf eine Mediation ein, geführt vom unbefangenen Physiker Wolfgang Marquardt. Vergangene Woche wurde auch dieser Bericht abgeschlossen und eine kurze ­Zusammenfassung veröffentlicht.

Mehr Neuro als Computertech

Wie der EU-Reviewbericht fordert auch der Mediationsreport eine Reihe von Korrekturen. Beide Berichte verlangen, dass die kognitiven Neurowissenschaften wieder reintegriert werden, im EU-Bericht wird dafür ein Budgetanteil von 10 Prozent verlangt. Die Kommunikation intern und extern soll verbessert und unrealistische Versprechungen sollen um jeden Preis verhindert werden. Der Mediationsbericht fordert zudem, dass das Management internationalisiert wird und die ETH Lausanne nicht mehr alleine entscheiden kann.

Inzwischen haben die Verantwortlichen des Human-Brain-Projekt die Managementstrukturen angepasst. Die Entscheidungsmacht wurde vom dreiköpfigen Exekutivkomitee auf das erweiterte Direktorium übertragen, das aus 12 Leitern und 10 Co-Leitern der 13 Unterprojekte besteht. «Dieser Wechsel hin zu einer internationalen Struktur war von Anfang an geplant», erklärt Philippe Gillet dazu. Zudem seien drei Arbeitsgruppen eingesetzt worden, welche nun die Verbesserungswünsche zur Zufriedenheit der EU umsetzen sollen.

Wieweit aber die ETH Lausanne und Henry Markram entmachtet werden, steht noch nicht fest. «Am 17. und am 18. März wird das Direktorium zusammensitzen, um die Empfehlungen des Mediationsreports zu besprechen und zu entscheiden, welche Reformen umgesetzt werden und welche nicht», erklärt Gillet. Noch trauen nicht alle Kritiker dem vermittelten Frieden.

Erstellt: 13.03.2015, 20:33 Uhr

Grosse Hirnprojekte

Simulationen und Kartierung

Derzeit gibt es mehrere Initiativen, die ein besseres Verständnis des menschlichen Gehirns zum Ziel haben. Das Human-Brain-Projekt der ETH Lausanne will das Gehirn im Supercomputer simulieren. Die EU hat dafür in einem Flagship-Programm eine Milliarde Euro für die nächsten zehn Jahre vorgesehen. In den USA stechen zwei Projekte hervor: Präsident Obama lancierte 2013 das Projekt Brain Activity Map, auch Brain-Initiative genannt. Sie möchte die Aktivitätsmuster sämtlicher Nervenzellen erfassen und das Gehirn kartieren. Die Forscher erhoffen sich dafür bis zu 4,5 Milliarden Dollar in den nächsten zwölf Jahren. Die zweite grosse Initiative plant das Allen Institute for Brain Research, ein von dem Mäzen Paul G. Allen im Jahr 2003 gegründetes Institut. Mit einem Big-Science-Ansatz sollen dabei experimentelle Daten, Theorien und Modelle vereint werden. Allen hat bisher 500 Millionen Dollar in das Institut eingeschossen. Weitere Hirn­initiativen sind in Israel und in China lanciert worden. (mma)

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