«Solche Geräte sind Fluch und Segen zugleich»

Die Apple Watch kann nun ein EKG aufzeichnen und soll damit Schlaganfälle vermeiden helfen. Benutzer können aber auch unnötig beunruhigt werden.

Zeigefinger auf den Knopf legen und die Herzströme messen: Apple-Manager Jeff Williams stellt 2018 die neueste Apple Watch vor. Foto: Reuters

Zeigefinger auf den Knopf legen und die Herzströme messen: Apple-Manager Jeff Williams stellt 2018 die neueste Apple Watch vor. Foto: Reuters

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Es brauchte nicht viel, um einen beträchtlichen Teil der Schlaganfälle zu verhindern: Den Puls zu fühlen, würde genügen. Ist er unregelmässig, lautet die Ursache möglicherweise Vorhofflimmern. Diese Herzrhythmusstörung verursacht etwa jeden vierten Schlaganfall.

Wüssten die Betroffenen also nur von ihrem Vorhofflimmern, liesse sich so manches vermeiden. Doch niemand fühlt im entscheidenden Moment seinen Puls, misst danach – zur Bestätigung der Diagnose – seine Herzströme und geht zum Arzt, wo ihm, falls nötig, ein Blutverdünner verordnet würde.

Häufig tritt Vorhofflimmern nämlich nur zeitweise auf. Die Pulsmessung oder die Herzstrommessung (EKG) im falschen Moment – und der Patient wird irrtümlicherweise für gesund erklärt.

In 30 Sekunden zum EKG

Digitale Helfer sollen nun Abhilfe schaffen, allen voran die Apple Watch. Sie registriert in Abständen die Pulsschläge. Mit dem neuesten Update der Health App, das jetzt in Europa auf den Markt kommt, kann die Uhr (Series 4) nun sogar ein einfaches EKG aufzeichnen.

Das geht denkbar einfach: Ums Handgelenk schnallen, dreissig Sekunden lang Zeigefinger der anderen Hand auf das Knöpfchen legen – und schon zeigt die App, ob die Herzströme normal aussehen oder verdächtig nach Vorhofflimmern.

Im vom Hersteller gesponserten Experiment schnitt die Apple Watch im Vergleich zum herkömmlichen EKG gut ab: Sie erkannte in 238 von 239 Fällen den gesunden Herzrhythmus. Und in 236 von 240 Fällen vermutete sie korrekt Vorhofflimmern.

Herzpatienten, Hypochonder und völlig Gesunde werden nun zu Millionen ihre Herzfunktion überwachen. Laut Statista.de wurden weltweit bisher rund 40 Millionen Apple Watches verkauft.

Tausendfacher falscher Alarm

Ob die Suche nach Vorhofflimmern aber fürs breite Publikum wirklich hilfreich ist, bezweifeln verschiedene Fachleute. Die «US Preventive Services Taskforce», ein Gremium, das Empfehlungen zu Vorsorgemassnahmen abgibt, rät explizit vom Screening mittels EKG ab: Es sei nicht besser, als den Puls zu tasten.

Und auch wenn die Trefferquote der Apple Watch im Versuch vielversprechende Resultate geliefert hat, wird sie viele – unnötig – aufschrecken. Bei den unter 55-Jährigen hat etwa einer von 500 Menschen Vorhofflimmern, bei den über 85-Jährigen dagegen einer von zehn.

Nimmt man eine durchschnittliche Häufigkeit von zwei Prozent an und legt die Treffsicherheit der Uhr im Experiment zugrunde, bedeutet das pro Million Nutzer zwischen 3920 und 22'540 Personen, bei denen die Uhr fälschlicherweise Vorhofflimmern vermutet. Das heisst Tausende Male Verunsicherung und weitere medizinische Abklärungen.

Viele Fragen noch offen

«Solche Geräte sind Fluch und Segen zugleich», findet Pascal Köpfli, stellvertretender Leitender Arzt am Kantonsspital Baden. Offen ist zudem, wie gut die Apple Watch unter realen Bedingungen abschneidet. Schwitzen und Bewegungen zum Beispiel beeinträchtigen ihre Messung.

Abgesehen davon wissen die Mediziner (noch) nicht, wie viel Vorhofflimmern harmlos ist und ab wann es gefährlich wird. «Es könnte gut sein, dass wir dank diesen neuen Geräten merken, dass es häufiger auftritt, als wir bisher gemeint haben. Hat es dann Krankheitswert oder nicht? Da sind noch Fragen offen», sagt Herzspezialist Köpfli.

Es gibt auch keine exakte Definition, ab wann eine Herzrhythmusstörung als Vorhofflimmern gilt: Muss es länger ­anhalten als 10, 30 oder 1800 Sekunden? Und sind zum Beispiel 6 Minuten Vorhofflimmern am Stück gefährlicher als dreimal 2 Minuten? Solche Fragen können die Wissenschaftler mit den neuen Geräten und Apps erst jetzt erforschen.

Für Personen mit Risikofaktoren

Bereits vor der Apple Watch waren andere auf dem Markt. Die deutsche Firma Preventicus beispielsweise hat für iOS und Android die App Heartbeats entwickelt. Heartbeats funktioniert mit fast jedem Smartphone und erfasst den Puls über die eingebaute Kamera im Smartphone.

Andere Apps wie etwa Kardia AliveCor arbeiten mithilfe eines mobilen Mini-EKG-Geräts, das man auf die Brust legt oder mit den Fingern berührt. «Die gebe ich zum Beispiel Patienten mit, die immer wieder Herzklopfen oder Schwindel mit unklarer Ursache haben. Tritt eine solche Episode wieder auf, kann der ­Patient in dem Moment sein EKG aufzeichnen und als PDF schicken», sagt Köpfli. Mit rund 160 Franken ist der Kardia ­AliveCor preiswerter als die Apple Watch, die es ab 449 Franken gibt.

Köpfli würde die Apple Watch und ähnliche Apps derzeit primär Personen über 65 Jahren mit Risikofaktoren für Vorhofflimmern empfehlen. Dazu zählen beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. «In diesen Fällen lohnt es sich, genauer hinzuschauen», rät Pascal Köpfli.

EKG und Notruf als Lockmittel

Für Firmen wie Apple ist diese Bevölkerungsgruppe interessant, denn bisher haben Senioren eher wenig am Hut mit iPhone & Co. Nebst der EKG-Funktion bietet die Uhr zum Beispiel eine Notruffunktion, wenn der Träger gestürzt ist.

Die entscheidende Frage, ob eine App zur Vorhofflimmer-­Diagnose wirklich zu weniger Schlaganfällen führt, ist noch offen. Diesen Frühling startet ein europäisches Forscherteam eine Studie, die darauf Antworten liefern soll. Dort wird erstmals eine Vergleichsgruppe von Patienten die übliche Behandlung erhalten.

Solche Studien sind wichtig, denn nicht jeder Mensch mit Vorhofflimmern profitiert von der Behandlung mit einem Blutverdünner, der – nebst dem Nutzen – auch zu unerwünschten, schweren Blutungen führen kann.

Erstellt: 28.03.2019, 13:27 Uhr

Vorhofflimmern

Beim Vorhofflimmern ist die «Elektroleitung» defekt, die dem Herzmuskel Impulse gibt, damit dieser sich koordiniert zusammenzieht. Deshalb pumpen die Herzvorhöfe das Blut nicht mehr, sodass nur noch die Herzhauptkammern die Pumpleistung aufbringen. Stagniert das Blut in den Herzvorhöfen, können sich darin Blutgerinnsel bilden, die schliesslich zum Beispiel ins Hirn gespült werden können, dort eine Arterie verstopfen und eine Streifung oder einen Schlaganfall verursachen. Um dies zu verhindern, bekommen Patienten mit Vorhofflimmern vorbeugend Blutverdünner. Risikofaktoren für das Vorhofflimmern sind nebst dem Alter auch Über­gewicht, Bluthochdruck und Alkoholkonsum. (mfr)

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