Weshalb reiche Kinder im Marshmallow-Test besser abschneiden

Die These: Selbstkontrolle bestimmt den Erfolg von Kindern. Dafür verantwortlich sind jedoch ganz andere Faktoren, wie Kritiker des legendären Tests nun zeigen.

Selbstkontrolle ist für den späteren Erfolg weit weniger ausschlaggebend, als bisher angenommen: Kinder im Test. Screenshots: YouTube / The Globe and Mail

Selbstkontrolle ist für den späteren Erfolg weit weniger ausschlaggebend, als bisher angenommen: Kinder im Test. Screenshots: YouTube / The Globe and Mail

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Die Versuchungen grätschen einem ständig in die guten Vorsätze hinein, ein Leben lang. Heute wird konzentriert und effektiv gearbeitet! Aber erst noch schnell die Zusammenfassung des Fussballspiels von gestern auf Youtube anschauen, sind ja nur vier Minuten. Noch einen Kaffee, dann geht es los, wirklich. Und schon hat sich der halbe Arbeitstag in Luft aufgelöst.

Wer sich hingegen im Griff hat, der wird mit Erfolg gesegnet sein, liegt ja auf der Hand. Das schien auch der berühmte Marshmallow-Test zu zeigen, einer der bekanntesten Versuche der Psychologie: Waren Kinder im Alter von etwa vier Jahren in der Lage, eine Weile einer Süssigkeit zu widerstehen, waren sie als Erwachsene erfolgreicher als jene Kleinen, die gleich zugriffen. Doch von Beginn an gab es Kritik an der Aussagekraft der Versuche des US-Psychologen Walter Mischel.

Aktuell hat ein Team um Tyler Watts von der New York University eine Studie im Fachblatt «Psychological Science» veröffentlicht, die abermals starke ­Zweifel weckt. Das Schlusswort oder das ­abschliessende Urteil über die Experimente wird auch diese Arbeit wohl nicht liefern. Sie verdeutlicht jedoch, wie schwer die Eigenheiten des Menschen zu beforschen sind; und wie kompliziert es allein schon ist, sich sicher zu sein, welche Einflussgrösse da in einem ­Versuch eigentlich gerade beobachtet worden ist.

Simpler Versuchsaufbau

Der von Mischel gewählte Versuchsaufbau ist simpel. Er stellte vier- bis sechsjährige Kinder vor die Wahl: Entweder konnten sie sofort eine Süssigkeit essen, oder sie bekamen die doppelte Portion, wenn sie ihre Lust darauf eine Weile in Zaum halten konnten. ­Gemeinerweise liess er die Kinder mit ihrem inneren Kampf alleine: Der Ex­perimentator legte ihnen die Süssigkeiten vor die Nase, verliess dann den Raum und kehrte nach einer Viertelstunde zurück.

Video: Der Marshmallow-Test

Wie lange halten sie der Versuchung stand? Kinder im Marshmallow-Test nach Walter Mischel. Video: YouTube / The Globe and Mail

Mischel begleitete einige Kinder aus seinen Versuchen über lange Zeit und stellte fest: Wer sich in jungen Jahren im Griff hatte, erzielte als Erwachsener ­bessere Bildungsabschlüsse, war beruflich erfolgreicher und eher stressresistent als die impulsiven Naschkatzen. Je länger die Kinder auf die Süssigkeit hatten warten können, desto klarer schien der Zusammenhang zu sein.

Schon als die Ergebnisse vor knapp 30 Jahren publiziert wurden, gab es skeptische Stimmen. Die Zahl jener Kinder, deren Lebensweg später überprüft werden konnte, war viel zu gering. Und alle stammten sie aus Familien, die dem Dunstkreis der Stanford University zuzuordnen waren, einer Elite-Uni. Waren also vielleicht das hohe Bildungsniveau der Eltern und die privilegierte soziale Stellung der Kinder der Grund für deren Erfolg als Erwachsene und nicht ihr ­Vermögen, auf Belohnungen zu warten? Gut möglich, und offenbar wurde das einst nicht mit der nötigen Akribie überprüft – und zahlreiche Nachfolgestudien schienen den Befund ja zu bestätigen.

«Der Test misst etwas ganz anderes als die Selbstkontrolle.»Tyler Watts, New York University

Die Wissenschaftler um Tyler Watts haben nun die Arbeit ihres Kollegen Mischel repliziert. Dazu arbeiteten sie mit einer Stichprobe von etwa 900 Kindern, die im Alter von gut vier Jahren das ­übliche Prozedere durchliefen und ihr Verlangen nach Marshmallows, Schokoladen, Keksen oder anderen Süssigkeiten zügeln sollten. Später, im Alter von 15 Jahren, prüften die Forscher kognitive Fähigkeiten der Kinder, etwa Sprach- und Mathematikkompetenz. Zusätzlich sammelten sie Informationen über den familiären Hintergrund der Kinder, die häusliche Situation und ihren Charakter sowie ihr Temperament.

Die Ergebnisse fielen im Vergleich zur Originalstudie mager aus: Im Alter von vier Jahren auf eine Belohnung zu warten, hing kaum mit den Leistungen im Mathe- und im Sprachtest elf Jahre später zusammen. Und sobald die Forscher den familiären Hintergrund der Probanden berücksichtigen, ergab sich kein ­Zusammenhang mehr. Akademiker­kindern gelang es im Schnitt, doppelt so lang zu warten wie dem weniger privilegierten Nachwuchs.

Aber die Wartezeit der Kinder schien fast nicht relevant zu sein: Wer 20 Sekunden durchhielt, zeigte im Alter von 15 Jahren noch am ehesten positive Ergebnisse. Länger als 20 Sekunden zu warten, schlug sich hingegen nicht in den späteren Leistungen nieder.

Was also misst der Marshmallow-Test? Wenn die relevante Wartezeit bei lediglich 20 Sekunden liegt, dann sind «Belohnungsaufschub» oder «Selbst­kontrolle» zu grosse Begriffe. Als Kind mögen sich 20 Sekunden im Angesicht einer Süssigkeit sehr lang anfühlen, dennoch geht es in diesem Zeitraum wohl eher um Impulskontrolle.

«Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Marshmallow-Test etwas ganz anderes misst als Selbstkontrolle», schreiben die Psychologen um Watts. Offenbar spielt zudem auch der familiäre Hintergrund eine enorme Rolle dafür, ob sich das Kind im Zaum halten kann. Und dass in der ursprünglichen Stichprobe aus dem Stanford-Milieu Menschen überrepräsentiert waren, die es im späteren Leben gut erwischten, überrascht nicht. Da seien viele versteckte Faktoren beteiligt, so das Team um Watts.

Vertrauen und Autorität

In ähnlichen Studien haben Forscher diskutiert, ob das Verhalten der Kinder im Marshmallow-Test von anderen ­Faktoren als Selbstkontrolle abhängen könnte – Vertrauen zum Beispiel. Die Kinder müssen den Experimentatoren schliesslich glauben, dass sie wirklich die doppelte Portion Süssigkeiten bekommen, wenn sie sich zusammenreissen. Es könnte auch rational sein, sofort zuzugreifen.

Kinder aus Kamerun absolvieren den Test erfolgreicher als Gleichaltrige aus Deutschland.

Auch Autorität könnte der entscheidende Faktor sein: So zeigten Forscher um Bettina Lamm von der Universität Osnabrück im Journal «Child Development», dass Kinder aus Kamerun den Test erfolgreicher absolvierten als Gleichaltrige aus Deutschland. Die afrikanischen Kinder gehörten zum Volk der Nso, einer streng hierarchischen ­Gesellschaft, in der grösster Wert auf Gehorsam gelegt wird. Sorgte das dafür, dass die Kinder aus Kamerun sich besser im Griff hatten als die aus Deutschland? Möglich. Was das dann über spätere ­Bildungs- und Berufserfolge aussagt? ­Sicher herzlich wenig.

Walter Mischel hat sich in Interviews übrigens stets selbst skeptisch gezeigt: Wenn ein Vierjähriger Süssigkeiten ­sofort verschlinge, lasse sich daraus nichts über die Zukunft dieses Kindes ableiten. Das immerhin wird Eltern ­beruhigen. Für Psychologen bleibt die Aufgabe, zu klären, was der Marshmallow-Test nun tatsächlich misst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2018, 09:14 Uhr

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