«Forscher müssen Aktivisten werden»

Der ugandische Mediziner Alex Coutinho hat erreicht, dass die Behandlung von HIV-Infektionen kein Privileg reicher Länder ist. Er erhält dafür den Ehrendoktor der Universität Zürich.

«Ich habe Mühe mit jungen Leuten, die nicht fähig sind, global zu denken»: Alex Coutinho. Foto: PD

«Ich habe Mühe mit jungen Leuten, die nicht fähig sind, global zu denken»: Alex Coutinho. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das legere Kurzarmhemd passt gut zu ihm, der beruflich in Anzug und Krawatte aufzutreten gewohnt ist. Alex Coutinho ist unkompliziert und ohne Dünkel, auch wenn seine Verdienste im Kampf gegen HIV/Aids und andere Infektionskrankheiten gross sind. Die Kleidung erklärt sich damit, dass er seine Freizeit für das Gespräch in einem kleinen Büro gegenüber dem Mulago-Universitätsspital in Kampala hergibt. Das grösste Spital des Landes wird zurzeit umfangreich renoviert. Sein Arbeitsort der letzten 10 Jahre, das Institut für Infektionskrankheiten (IDI), mit dem die Uni Zürich in Partnerschaft zusammenarbeitet, hat die Bauarbeiten hinter sich. Mit einem Neubau auf dem Campus der Makerere-Universität beschloss Coutinho sein Amt als IDI-Direktor. Er spricht von Pensionierung, doch darüber muss der engagierte Mediziner selber lachen, er ist so aktiv wie eh und je. Portugiesisch übrigens spricht Coutinho trotz seines Namens kein Wort. Seine Eltern sind aus Goa nach Uganda eingewandert.

Das IDI ist 10 Jahre alt. Gesponsert wurde es von der Privatfirma Pfizer. Wer war die treibende Kraft?
Man muss ins Jahr 2001 zurückgehen, um zu verstehen, weshalb Pfizer so viel Geld – über 30 Millionen Dollar– ins IDI investierte. Damals war die Frage nach der Verfügbarkeit von antiretroviralen Medikamenten in armen Ländern ein grosses Thema. Aktivisten beschuldigten die Pharmafirmen, sie verkauften die Medikamente zu exorbitanten Preisen und hätten kein Mitgefühl mit Entwicklungsländern. Weitere Ereignisse kamen hinzu: Die erste globale Aidskonferenz fand statt. Unaids forderte, die Medikamentenpreise müssten gesenkt werden. Der Global Fund wurde zum Beispiel geschaffen. All dies geschah zwischen 2001 und 2003.

Und das rüttelte die Firmen auf?
Grosse Pharmagesellschaften wie Pfizer, Merck oder Gilead kamen zur Auffassung, sie müssten als Teil der Lösung in Erscheinung treten und nicht als Teil des Problems. Pfizer beschloss, in Uganda zu investieren, obwohl die Firma kein antiretrovirales Medikament produzierte. Die Absicht war, am IDI Afrikanerinnen und Afrikaner auszubilden, um antiretrovirale Therapien durchzuführen. Der damalige CEO Hank McKinnell engagierte sich persönlich, was erstaunlich ist für den Chef eines Multimilliardenunternehmens.

Wie stark ist der Einfluss auf die Forschung?
Pfizer stellte sehr wenige Bedingungen und trat die Entscheidungsgewalt darüber, wie sich das IDI entwickeln soll, an die Forscher ab. Das war ziemlich einzigartig. Gewöhnlich verbinden Geldgeber ihre Schenkungen mit vielen Bedingungen. Das IDI fokussierte sich anfänglich auf die Aidsforschung. Seither jedoch weitete es den Rahmen aus auf Malaria, Tuberkulose und Hepatitis. Wir leisten auch Arbeit bezüglich Ebola, im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit und der männlichen Beschneidung.

Trifft die Alltagsweisheit also nicht zu: Wer bezahlt, befiehlt?
Das kommt manchmal vor. Gerade die Aidsforschung aber haben auch die Wissenschaftler vorangetrieben, nicht allein die Aktivisten der Schwulenorganisationen in den USA und Europa, die von der Wissenschaft Medikamente gegen Aids einforderten. Für Malaria oder Tuberkulose gibt es noch keine solchen Aktivisten. Wissenschaftler müssen selber zu Aktivisten werden. Denn sie verstehen, was nötig ist.

Auf welchem Weg?
Wir müssen neben den traditionellen Medien auch die Macht der Social Media einsetzen. Die Social Media sind ein viel demokratischerer, zugänglicherer Raum. Und es sind vor allem die Jungen, die sich darin aufhalten. Junge Köpfe sind begeisterungsfähig. Zugegeben, manchmal nur für kurze Zeit, bis etwas Neues kommt. Aber sie können sagen, wir wollen nicht in einer Welt aufwachsen, wo wir Angst haben müssen, andere Orte auf der Welt zu bereisen, weil es da weiterhin viele Krankheiten geben wird.

Wie substanziell ist die Zusammenarbeit zwischen der Universität Zürich und dem IDI?
Sie ist sehr klein im Vergleich mit der Universität, die vielleicht eine einstellige Prozentzahl des Budgets für die internationale Zusammenarbeit verwendet. Ich wünsche mir aber, dass die Zusammenarbeit mit Zürich wächst. Denn wir leben in einer globalen Gesellschaft. Die Studenten der Universität Zürich sollen die Gelegenheit erhalten, durch eigene Erfahrung in anderen Ländern sich ein Bild der Wirklichkeit zu machen. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit bietet dazu Gelegenheit.

Das heisst, die Universität sollte die Zusammenarbeit intensivieren?
Das Wachstum kann wohl nur vonseiten der Universität Zürich geschehen. Sie muss sich darüber klar werden, ob sie künftig eine substanzielle Zusammenarbeit will, die mehr beinhaltet als heute.

Es gibt vermutlich viele Leute, die keinen Gewinn in einer Partnerschaft für sich erkennen.
Ich habe Mühe mit jungen Leuten, die nicht fähig sind, global zu denken. Man kann nichts lernen, wenn man nicht einen offenen Geist hat und meint, schon alles zu kennen und zu wissen. Ich sehe bei jungen Menschen in relativ guten Positionen eher die Tendenz, eigene Vorteile zu verfolgen. Vielleicht ist meine Sicht etwas verzerrt. Ebola hat jedenfalls gezeigt, dass man nicht meinen kann, die Krankheit trete nur in Afrika auf. Sie ist vielmehr eine der globalen Krankheiten, die auch Leute anderswo anstecken können. Wir müssen Leute mit Neugier finden, die überzeugt sind, dass man überall etwas lernen kann.

Denken wir denn immer noch zu wenig über den Tellerrand?
Wir müssen strategischer und breiter darüber denken, wie wir die Probleme lösen. Auf jeden Fall können Lösungen für gewisse Krankheitsprobleme des Nordens nur durch medizinische Forschung im Süden gefunden werden. Globale Ausgeglichenheit erfordert, dass wir als globale Bürger leben. Ich glaube nicht, dass wir uns erfreuen können, wenn wir in unseren Stuben sitzen und das Leiden anderswo sehen. Die benötigten Gelder für die Forschung auf dem Gebiet globaler Krankheiten sind keineswegs enorm, wenn man sie etwa mit den militärischen Ausgaben vergleicht.

Haben Sie eine Vision?
Meine Vision ist, dass aus der Partnerschaft des IDI und der Uni Zürich ein Institut für globale Gesundheit heranwächst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2015, 17:33 Uhr

Alex Coutinho

Vorkämpfer für Aidstherapien

Aids prägte die Karriere von Alex Coutinho (56). Als Medizinstudent in den frühen 1980er-Jahren an der Universität Makerere erlebte er erste Fälle der noch unbekannten «Abmagerungs­krankheit». Als Arzt war er Chef der grössten Nichtregierungsorganisation Ugandas für Aidskranke. Bis vor kurzem leitete Coutinho das renommierte Institut für Infektionskrankheiten IDI der Universität Makerere, das Forschungen durchführt, Aidskranke behandelt und HIV-positive Menschen in Uganda betreut. Studenten aus Afrika wurden zudem zu Aidsfachleuten ausbildet. Gegenwärtig ist er unter anderem im Vorstand der globalen Aids-Impfstoff-Initiative Gavi tätig.

Forschungspartnerschaft

Erfolge bei Tuberkulose

Seit 2008 arbeiten Forschende der Univer­sität Zürich und der Makerere-Universität sowie des Mulago-Universitätsspitals der ugandischen Hauptstadt Kampala zusammen. Alex Coutinho hat als Direktor des Makerere-Instituts für Infektionskrankheiten die medizinische Partnerschaft der beiden wissenschaftlichen Institutionen wesentlich geprägt und wurde dieses Jahr dafür von der Uni Zürich mit dem Doktor h. c. geehrt. Die gemeinsame medizinische Forschungstätigkeit hat unter anderem auf dem Gebiet der Tuberkulose Forschungsergebnisse hervorgebracht, welche die Behandlung von Tuberkulosepatienten in Uganda und der Schweiz verbessern könnten. Zentrales Element der Partnerschaft ist zudem die medizinische Ausbildung junger Studenten in Uganda.

Morgen findet das öffentliche Symposium «One Health» an der Universität Zürich statt, an dem über den Einfluss von globalen Infektionskrankheiten auf die internationale Zusammenarbeit referiert wird. Ein Podium namhafter Schweizer und ugandischer Persönlichkeiten – darunter der Rektor der Uni Zürich, Michael Hengartner, sowie Stadträtin Claudia Nielsen – diskutiert am Dienstagnachmittag über die Chancen und Probleme einer Zusammenarbeit. (TA)

www.int.uzh.ch/2015symposium

Artikel zum Thema

«Wir sind auf dem Weg zu einer Generation ohne Aids»

Der Kampf der internationalen Gemeinschaft gegen HIV hat zu einem Drittel weniger Neuansteckungen und rund 40 Prozent weniger Todesfällen geführt. 2030 soll die Epidemie beendet sein. Mehr...

Viel mehr Aids-Ansteckungen in Europa

Die HIV-Ansteckungsrate ist in den letzten zehn Jahren stark angestiegen. Eigentlich wollte Europa die Krankheit bis 2015 unter Kontrolle bringen. Mehr...

Krebsmittel wirkt gegen Aids

Ein Krebs-Medikament könnte zum Durchbruch in der Aidsforschung werden: Forschern ist es gelungen, damit schlummernde HI-Viren aus ihren Zellen zu locken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten

Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...