Forscher nehmen Parkinson in den Fokus

Die Projekte des nationalen Forschungsprogramms über Stammzellen sind abgeschlossen. Wissenschaftler in Bern befassten sich mit zellfreien Therapien.

Stefano Di Santo (links) und Hans Rudolf Widmer im Labor für Neurochirurgie am Berner Inselspital.

Stefano Di Santo (links) und Hans Rudolf Widmer im Labor für Neurochirurgie am Berner Inselspital. Bild: Beat Mathys

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Weltweit wird an Stammzellen geforscht. Man hofft, mit der Transplantation dieser Zellen in Zukunft diverse Leiden therapieren zu können, vom Herzinfarkt bis zur Lähmung. Die transplantierten Zellen sollen die defekten Zellen im kranken Körper er­setzen.

Auch in der Schweiz wird dazu Forschung betrieben, zum Beispiel in Bern. In einem Pavillon zwischen den grossen Gebäuden des Berner Inselspitals befindet sich das von Professor Hans Rudolf Widmer geleitete Forschungslabor der Neurochirurgie, das sich am Nationalen Forschungsprogramm «Stammzellen und regenerative Medizin» (NFP 63) beteiligte. Die Forschungsarbeiten dazu sind abgeschlossen.

Hilfe zur Selbstheilung

Im Berner Pavillon wird zwar mit Stamm- und Vorläuferzellen gearbeitet. Doch das Ziel der Wissenschaftler ist nicht, die Zellen zu transplantieren. Vielmehr streben sie eine zellfreie Therapie an. Stefano Di Santo ist für das Berner NFP-Projekt verantwortlich und zeigt, wie er Vorläuferzellen in einer Flüssigkeit und bei bestimmten Temperaturen aufbewahrt.

Bei diesen idealen Bedingungen geben die Zellen Substanzen in die Flüssigkeit ab, wie sie es im Körper auch tun würden. Spritzt man diesen Cocktail in den Körper, zeigt dies Wirkung: Die körpereigenen Stammzellen werden angeregt, und es werden Selbstheilungskräfte freigesetzt.

Di Santo hat dies bei Ratten mit einer Arterienverkalkung an den Beinen gezeigt. Nach der Injektion des Cocktails bildeten sich bei den Tieren neue Blutgefässe, und die Durchblutung verbesserte sich. Für seine Arbeit hat Di Santo gemeinsam mit einem Kollegen im Jahr 2010 den Pfizer-Forschungspreis erhalten.

Nur den zellfreien Cocktail zu injizieren anstatt Zellen zu transplantieren, habe verschiedene Vorteile, sagt Di Santo: «Es entstehen keine Abstossreaktionen, und wir gehen davon aus, dass auch das Risiko von Tumorbildungen kleiner ist als bei Zelltherapien.»

Bei der Arbeit für das ­nationale Forschungsprogramm ging Hans Rudolf Widmers Team deshalb einen Schritt weiter. Laut Di Santo stellten sich zwei Fragen: «Funktioniert die zellfreie Therapie auch bei Durchblutungsstörungen im Gehirn, das viel komplexer ist als das Muskelgewebe der Beine? Und woraus besteht die Substanz, welche die Zellen abgeben?» Die Forscher stellten fest: «Injiziert man den Cocktail den Ratten ins Gehirn, werden die dortigen Stammzellen tatsächlich angeregt.»

Aufgrund der Ergebnisse rückt allerdings nicht die Therapie eines Hirnschlags in den Fokus, sondern eher jene von Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer, bei welchen Nervenzellen langsam absterben.

Das Entschlüsseln des Cocktails erwies sich als schwierig. Die Erkenntnis der Forscher: «Es sind sowohl Proteine als auch Lipide an den Effekten beteiligt», sagt Di Santo. «Die Substanzen, welche die Zellen abgeben, sind aber viel raffinierter als angenommen, und man ist daher weit davon entfernt, sie industriell nachzubilden», so der Wissenschaftler.

Auch wenn das Projekt für das NFP 63 abgeschlossen ist, geht seine Forschung weiter. Er möchte den Substanzen weiter auf den Grund gehen und klären, welche Zellen sich am besten eignen, wie man sie auf ideale Weise kultiviert und wie genau der zellfreie Cocktail im Körper wirkt.

Die Grenzen der Forschung

Zwar kommt die Wissenschaft dem Wirken der Zellen immer genauer auf die Spur. Doch Hans Rudolf Widmer zieht auch eine nüchterne Bilanz: «Je mehr wir uns damit befassen, desto deutlicher wird uns bewusst, wie wenig wir verstehen», sagt er. Sei eine Frage geklärt, tauche eine nächste auf. «Es tritt zum Beispiel eine Nebenwirkung ein, die niemand erklären kann, oder eine sonst ­erfolgreiche Therapie schlägt nicht an, ohne dass ein Grund ersichtlich wird.»

Der Neurowissenschaftler warnt denn auch vor zu hohen Erwartungen und erwähnt den schmalen Grat zwischen dem Erfolgsdruck in der Forschung und dem Erwecken falscher Hoffnungen. Es werde weltweit sehr viel Forschung betrieben, der konkrete Nutzen für Patienten sei aber noch klein. Deshalb ist Widmer vorsichtig, wenn von aufsehenerregenden Forschungserfolgen die Rede ist.

Bei der Stammzellforschung, in der es um menschliche embryonale Zellen geht, sei zudem der ethische Aspekt zu diskutieren, ob und wo der Forschung Grenzen zu setzen sind – «und dies im Wissen darum, dass irgendwo auf der Welt immer jemand weiter gehen wird», sagt Widmer. Als Mitglied der kantonalen Kommission für Tierversuche muss er zudem einen Weg finden zwischen dem Bedürfnis nach der Klärung von Fragen zur Behandlung kranker Menschen und der Belastung für Tiere, die bei Versuchen entsteht.

Erstellt: 28.12.2015, 12:49 Uhr

Ein Dutzend Projekte

Das Nationale Forschungsprogramm NFP 63 «Stammzellen und regenerative Medizin» wurde im Jahr 2010 gestartet. Inzwischen ist das Dutzend Forschungsprojekte abgeschlossen, Ende Januar wird dazu eine Schlussbroschüre herausgegeben. Nationale Forschungsprogramme werden im Auftrag des Bundesrats durchgeführt und haben zum Ziel, zur Lösung wichtiger Gegenwartsprobleme beizutragen. Das NFP 63 war auf fünf Jahre angelegt und wurde mit 10 Millionen Franken dotiert.

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