Maske statt Kopffixierung für Makake Alan

Bei Bewilligungen von Tierversuchen wird die Würde des Tieres stärker berücksichtigt – Forscher der ETH und Uni Zürich sind empört.

Charles ist das Alphatier in der vierköpfigen Makakengruppe am Institut für Neuroinformatik der Universität Zürich. Foto: Frank Brüderli

Charles ist das Alphatier in der vierköpfigen Makakengruppe am Institut für Neuroinformatik der Universität Zürich. Foto: Frank Brüderli

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Paul und Alan sind in der Hierarchie ganz unten, zumindest deutlich unter ihren Artgenossen Charles und Max. Die vier niederländischen Makaken haben denselben Vater, ein Alphatier, aber jeweils unterschiedliche Mütter. Seit Ende November 2017 leben die vier Halbbrüder gemeinsam im umgebauten Gehege des Instituts für Neuroinformatik der Universität und ETH Zürich. Trainiert werden nur die zwei Rangniedrigsten.

«Sie haben eine grössere Motivation, bei den Versuchen mitzumachen und Fruchtsaft als Belohnung zu erhalten», erklärt der Zürcher Neurowissenschaftler Valerio Mante. Denn wer sozial schwächer sei, müsse ähnlich wie auch in der Natur stets zurückstecken. Alan öffnet und schliesst deshalb inzwischen sogar selbst die Tür zum Primatenstuhl, weil er dort keine Konkurrenten hat.

Die zwei Rhesusaffen werden jedoch erst auf den eigentlichen Versuch vorbereitet. Am Schluss sollen sie dann ein Elektroden-Array ins Gehirn implantiert bekommen, damit die neurobiologischen Prozesse der Entscheidungsfindung untersucht werden können. Dazu lösen die Affen bis zu drei Stunden lang verschiedene Aufgaben am Bildschirm. Ursprünglich war geplant, dass sie während dieser Zeit ihren Kopf nicht bewegen dürfen, aber dafür jederzeit mit dem Versuch aufhören können.

Bei der Forschungspraxis wurden Mängel aufgedeckt

Der Streit um die geplanten Versuche zwischen Tierschutz und Forschung ging damals bis ans kantonale Verwaltungsgericht. Im April 2017 bestätigte dieses den Entscheid der kantonalen Tierversuchskommission, welche die Versuche 2014 bewilligt hatte. Allein die Anwaltskosten, die vom Kanton und vom Bund für alle involvierten Parteien bezahlt worden seien, hätten insgesamt rund eine halbe Million Franken gekostet, sagt Mante. Davon gehen 400'000 Franken aufs Konto der Forschenden.

Seitdem das Tierschutzgesetz des Kantons Zürich im April 1992 in Kraft trat, wurden neun Rekurse eingereicht, sieben davon betrafen Primaten. Jedes Jahr gibt es im Kanton Zürich etwa 500 Entscheide zu Tierversuchen. «Grundsätzlich gilt, stets genau abzuwägen, wie hoch der Erkenntnisgewinn eines solchen Versuchs wirklich ist und wie stark jedem Tier dabei Schmerzen, Leiden, Schäden und Angst zugefügt werden», sagt Bea Roth vom Zürcher Tierschutz.

Die Schweiz rühmt sich, das strengste Tierschutzgesetz der Welt zu haben. Doch nicht immer stimme die wissenschaftliche Qualität, die eine Voraussetzung für die ethische Rechtfertigung eines Tierversuchs sei, sagt Hanno Würbel von der Abteilung Tierschutz der Universität Bern, der im Auftrag des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) Mängel bei der Forschungspraxis aufdeckte. Viele Ergebnisse seien deshalb nicht reproduzierbar. «Im Jahr 2016 haben wir aufgrund der Berner Studienergebnisse die Vertreter der kantonalen Tierversuchskommissionen aufgefordert, bei den Gesuchen noch besser hinzuschauen», sagt Kaspar Jörger vom BLV.

Pauschalgesuch nicht mehr möglich

Eine solche Verschärfung der Bewilligungspraxis hat auch der renommierte Neuropathologe und Prionenforscher Adriano Aguzzi von der Universität Zürich zu spüren bekommen. Anfang Dezember 2018 wurde sein Gesuch prompt abgelehnt. «Ich war geschockt», sagt Aguzzi, der seit 25 Jahren zusammen mit seinem Team an Mäusen forscht.

Bei seinen Versuchen mache er eigentlich immer das Gleiche, sagt Aguzzi: Er infiziere die Nagetiere mit abnormal verdrehten Prionen-Eiweissen, spritze ihnen dann bestimmte Wirkstoffe und schaue, ob sich dadurch die Erkrankung verzögern lasse. Jetzt bestehe die Kommission aber darauf, dass er nicht mehr wie bis anhin die Methode als solche genehmigen lasse, sondern beschreibe, was er bei jeder einzelnen Maus mache. Dies blockiere seine Forschungsarbeit.

Wissenschaftler könnten davon auch profitieren

Bei den Bewilligungen werde «die Würde des Tieres nun stärker berücksichtigt», sagt Würbel von der Uni Bern. Ein Pauschalgesuch für drei Jahre ohne konkrete Angaben zu den einzelnen Versuchen wie bei Aguzzi sei demnach nicht mehr möglich. Er verstehe, dass dies für die Forschenden ­unangenehm und mühsam sei, sagt Würbel. Doch alle Universitäten haben mittlerweile eigene Tierschutzbeauftragte, die beratend zur Seite stehen und wissen, wie solche Gesuche aussehen müssen.

«Es werden immer mehr bürokratische Hürden gesetzt»Adriano Aguzzi, Neuropathologe

Die Wissenschaftler könnten davon auch profitieren, sagt Würbel. Denn eine konsequente Umsetzung des Tierschutzes fördere das Vertrauen in der Bevölkerung und damit die Unterstützung von Tierversuchen. Bei langfristigen Forschungsprogrammen sei es weiterhin möglich, Präzisierungen des Versuchsablaufs nachzuliefern.

«Es werden immer mehr ­bürokratische Hürden gesetzt», kontert Aguzzi. Er sei kein Tierhasser und wolle die Bestimmun­gen nicht lockern oder unethische Experimente durchführen. Doch es gehe um eine effiziente Begutachtung im Rahmen der Gesetzgebung, damit es nicht bis zu einem Jahr dauere und man ständig im Befehlston Einschreibebriefe mit neuen Forderungen erhalte. Die Leidtragenden seien die Patienten und ihre Angehörigen. Denn die Medizin sei noch nicht so weit, dass sie keinen Fortschritt mehr brauche.

Der vielfach ausgezeichnete Neuropathologe ist über die neue Vorgehensweise empört und redet Tacheles. So sagt er, dass die Kommission sich zum Teil anmassen würde, zu behaupten, etwas wäre nicht wissenschaftlich genug. Das sei beleidigend, da er ziemlich jeden Wissenschaftspreis erhalten habe – abgesehen vom Nobelpreis. Zudem werde ihm unterstellt, dass ihm das Wohl der Tiere nicht am Herzen liege. Das sei einfach heuchlerisch und zutiefst unfair.

Tiere können sich nicht wehren

Seine Forschung, sagt Aguzzi, habe in den 1990er-Jahren entscheidend dazu beigetragen, dass durch die Ausrottung des Rinderwahnsinns (BSE) mehrere Hunderttausend Rinder gerettet worden seien. Hinzu komme, dass BSE auch auf den Menschen übertragbar sei. Deshalb lasse er sich die Ablehnung seines Gesuchs nicht gefallen und habe einen Rekurs eingereicht. «Man kann nur etwas Neues entdecken oder herausfinden, wenn man noch nicht genau weiss, was am Schluss herauskommt.» Ansonsten bräuchte man es auch gar nicht zu erforschen. Aguzzi sagt zudem, dass es wesentlich einfacher sei, Studien bei Patienten genehmigt zu bekommen, als bei Mäusen.

Stimmt das? «Das mag sein», sagt Jörger vom BLV. Doch Menschen könnten sich wehren, Tiere seien aber hilflos und müssten deshalb rechtlich noch besser geschützt werden. Aguzzi habe viel zur Klärung der BSE-Krise beigetragen, was sehr verdienstvoll sei – er rechne es ihm hoch an. Im Rahmen der Oberaufsichtsfunktion behandelt das BLV jedoch alle Forschenden und Gesuchsteller gleich – das gelte auch für Herrn Aguzzi.

Wasserentzug zählt neu zur Belastungsstufe drei

Das BLV hat aufgrund einer Neubeurteilung einer Arbeitsgruppe aus Anästhesisten, Schmerzforschern, Tiermedizinern und Verhaltensbiologen auch den Schweregrad strenger einstufen lassen. Zum Beispiel zählt Wasserentzug seit September 2018 zur höchsten Belastungsstufe 3. Es sei eine starke Einschränkung eines Grundbedürfnisses, sagt Jörger. Man habe dies darum stärker gewichtet. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es in der Zürcher Tierversuchskommission nicht nur einen, sondern drei Vertreter aus dem Tierschutz. Eine weitere Besonderheit ist, dass eine Minderheit gegen den Entscheid des Veterinäramts einen Rekurs einreichen kann. Dies trug auch dazu bei, dass der Zebrafinkenforscher Richard Hahnloser von der ETH Zürich seine geplanten Versuche, die jeweils kleine Operationen am Schädel des Tieres erfordern, seit zwei Jahren nicht mehr durchführen darf.

«Ich habe letztes Jahr Gesuche eingereicht, um zu untersuchen, wie belastend übliche Versuchsanordnungen für die Vögel sind», sagt Hahnloser. Dies wäre wichtig, um die weltweit angewandten Standardmethoden allenfalls zu verbessern und die Stressbelastung endlich auch wissenschaftlich beurteilen zu können. Verändert der Vogel sein Singverhalten, nachdem sein Kopf mit einer implantierten Halterung während zweier Stunden fixiert war? Und wie gross ist die Belastung insgesamt fürs Tier?

Früher hat Hahnloser, ähnlich wie Aguzzi, alle drei Jahre ein Fortsetzungsgesuch gestellt. Doch seit Februar 2017 kann er keine Aktivitätsmessungen im Gehirn der Tiere mehr machen, bei denen er zuvor Elektroden einoperiert. Dies sei wichtig, um auch die neurologischen Grundlagen des Spracherwerbs bei Kindern zu verstehen, sagt Hahnloser. Im Moment könne er das Verhalten der Zebrafinken nur noch nicht invasiv untersuchen, etwa mit Messungen der Körpervibrationen, um in einer Gruppe festzustellen, wer mit wem, wie und wann kommuniziere.

Gesichtsmaske statt starre Kopffixierung

Im Fall des Zürcher Forschers Mante hat sich während der langwierigen Debatte einiges geändert. Inzwischen hat er seinen Versuch angepasst und weniger belastende Alternativen zu den verschiedenen geplanten Prozeduren entwickelt. Statt der umstrittenen Kopffixierung am Primatenstuhl, die eine Operation der Kopfhalterung erfordert hätte, arbeiten er und sein Team jetzt mit einer speziellen Gesichtsmaske mit Sensoren. So ist es möglich, dass das Tier den Kopf während einer nur wenige Sekunden dauernden Aufgabe selber stillhalten kann. Dies erfordere jedoch ein viel aufwendigeres Training, sagt Mante.

«Die Entwicklung der Maske wurde durch ein Ergänzungsgesuch beim Veterinäramt bewilligt», erklärt der Zürcher Wissenschaftler, der froh ist, dass er bisher auch auf den kontrovers diskutierten Wasserentzug verzichten konnte, der das Üben mit den Tieren deutlich vereinfacht hätte, aber ethisch umstritten ist.

Die vier Makaken am Institut für Neuroinformatik werden jetzt rund um die Uhr mit Webcams überwacht und die Aufnahmen bis zu einer Woche gespeichert. Länger sei es aus Datenschutzgründen nicht möglich, sagt Mante. Nicht wegen der Tiere, notabene, sondern wegen deren Pfleger, die bei der Arbeit beobachtet werden würden. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.03.2019, 21:35 Uhr

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