Forscher zweifeln an den Gen-Babys

Falls der Menschenversuch in China stattgefunden hat, war er noch gefährlicher als angenommen.

Stht in der Kritik: He Jiankui will genetisch veränderte Babys geschaffen haben.

Stht in der Kritik: He Jiankui will genetisch veränderte Babys geschaffen haben. Bild: Keystone

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Neun Tage sind vergangenen, seit ein chinesischer Wissenschaftler die Welt erschüttert hat: He Jiankui will genetisch veränderte Babys geschaffen haben, die gegen den Aidserreger HIV immun sind. Doch seitdem der Forscher von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen die Bombe platzen liess und sich in Hongkong für seine Versuche rechtfertigte, ist der Wissenschaftler nicht nur verschollen. Es mehren sich auch Kritik und Zweifel an seinem vorgeblichen Werk.

Sollte He tatsächlich getan haben, was er behauptet, ist ihm das Experiment zumindest gründlich misslungen. Das zumindest sagen Forscher auf Grundlage der Folien, die He während des International Summit on Human Gene Editing in Hongkong zeigte und die bislang alles darstellen, was über die Versuche bekannt ist.

So kritisierte der australische Crispr-Experte Gaetan Burgio auf Twitter die Tests, mit denen He den Erfolg des Eingriffs festgestellt haben will, als unzureichend. Tiefergehende Untersuchungen seien notwendig, um Fehler aufspüren zu können, die während einer genetischen Veränderung mit der Genschere auftreten können. He behauptet jedoch, die Babys seien «kerngesund».

Hätte man den Irsinn abwenden können?

Sean Ryder von der University of Massachusetts in Worcester hat zudem ein Bild getwittert, das die genetischen Änderungen der Crispr-Babys mit jener Mutation vergleicht, die in etwa zehn Prozent der Europäer eine HIV-Infektion verhindert. Die gut untersuchte Mutation betrifft einen Eiweissrezeptor auf Immunzellen. Snyder zufolge hat die Crispr-Schere in Hes Experiment aber zwei völlig neue Mutationen dieses Rezeptors erzeugt, deren Effekte gänzlich unbekannt sind.

Hinzu kommt, dass eines der Babys entweder nur in der Hälfte seiner Zellen eine genetische Veränderung aufweist – oder in jeder Zelle sowohl eine veränderte, als auch eine ursprüngliche Genkopie besitzt. Im letzten Fall wäre das Kind nicht, wie behauptet, vor einer HIV-Infektion geschützt.

Hätte man diesen Irrsinn abwenden können? Mittlerweile ist bekannt, dass der Chinese noch vor dem Beginn der mutmasslichen Versuche zwei US-Wissenschaftler über seine Pläne informierte. Wie das Wissenschaftsportal Stat berichtet, erfuhr Mark DeWitt von der University of California, Berkeley, im September 2017 von He, dass eine klinische Studie zur genetischen Veränderung von Menschen unmittelbar bevorstünde.

Ein Ethikkomitee habe zugestimmt, die Paare für das Experiment würden bereits rekrutiert. Warum DeWitt damals nicht Alarm schlug? Hes Mitteilung sei vertraulich gewesen, erklärt der Forscher jetzt. Der Biomediziner steht seit Ende 2016 mit dem Chinesen in Kontakt und hat ihm nach eigenen Angaben fachliche Tipps gegeben – unter anderem den, eine exakte Testmethode zu verwenden, um Fehler der Genschere in Versuchen an menschlichen Embryonen aufzuspüren.

He gesteht, Verbot umgangen zu haben

DeWitt hat nach eigenen Angaben später versucht, He von dem Plan abzubringen, solche Embryonen auch einzupflanzen. Ähnliches sagt Crispr-Experte Matthew Porteus aus Stanford, der den Chinesen vergangene Woche auf dem Podium in Hongkong zu den Crispr-Babys befragt hatte. Porteus, der daran forscht, HIV-Infektionen mit Crispr in Erwachsenen zu heilen, erfuhr dem US-Magazin Atlantic zufolge im Februar von dem geplanten Menschenversuch. Er will He zurechtgewiesen haben – in dem Glauben, das reiche aus.

Ein inzwischen gelöschter, als Übersetzung jedoch erhaltener Bericht aus den chinesischen Medien legt eindrücklich nahe, dass dies nicht der Fall war. Demnach gab sich He Jiankui im April als öffentlich geförderter Aids-Forscher aus, um über das Patientennetzwerk Baihualin an Paare heranzukommen. Tatsächlich hat He für seine Forschung zur Genomsequenzierung rund sechs Millionen Euro staatliche Mittel erhalten, an Aids jedoch hatte er nie geforscht.

Noch in den Vorgesprächen soll He zudem zugegeben haben, dass sein Experiment einen in China verbotenen Schritt umfasst: das Waschen von Spermien. Es verhindert, dass während der künstlichen Befruchtung Aidserreger vom Vater übertragen werden. Im April 2017 startete das Netzwerk dennoch einen Aufruf über WeChat, dem laut Bericht 200 Paare folgten. Sieben nahmen nach der Zusicherung, der Versuch sei ungefährlich, teil.

Keine Rede von Nebeneffekten

Inwieweit diese Paare ein informiertes Einverständnis geben konnten, ist jedoch ungeklärt. Kelly Hills von der ethischen Beratungsfirma Rogue Bioethics in Massachusetts sagte dem Atlantic, dass es sich bei den Formularen für den «informed consent» tatsächlich um Verträge gehandelt habe. Die unterzeichneten Papiere hätten He und seinem Team weitreichende Rechte, unter anderem an Fotos der möglichen Kinder für Magazine und Produktverpackungen eingeräumt. Von Nebeneffekten sei hingegen keine Rede gewesen.

Unabhängig davon, welche Details zum Fall He Jiankui noch zutage treten werden, die internationale Gemeinschaft will nun Grenzen ziehen. Am Dienstag teilte die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf mit, ein Expertengremium zusammenzustellen und «klare Richtlinien» für den Eingriff ins menschliche Erbgut entwerfen zu wollen. Die UN-Behörde will allerdings nicht ausschliessen, dass Eingriffe wie jener in China eines Tages gebilligt werden könnten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 19:33 Uhr

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