Sex-Krankheit Syphilis in der Schweiz auf dem Vormarsch

Zürcher Forscher haben nun die Herkunft des Erregers zurückverfolgt.

Forscherin Natascha Arora spricht über Liebe und Syphilis. Video: TedxTalks (Youtube)


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Er ist winzig klein, spiralig gewunden und fünfmal dünner als ein Haar — der Syphilis-Erreger Treponema pallidum, der sich vor allem über den ungeschützten Geschlechtsverkehr überträgt und sich in Grossstädten wie Basel, Genf und Zürich wieder rasant verbreitet. Unbehandelt kann er tödlich sein.

«Schon wieder einer», sagt der Mi­krobiologe Philipp Bosshard von der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich, als er gerade aus dem Labor zurückkommt. Jede Woche meldet sein Team derzeit zwei bis drei Fälle an das Bundesamt für Gesundheit. Zuvor sah es viele Jahre so aus, als habe man die bakterielle Krankheit gut im Griff. Doch seit mehreren Jahren steigen die Infiziertenzahlen erneut an. Ein grosser Teil der Betroffenen sind homosexuelle Männer. In der Schweiz gab es im Jahr 2015 insgesamt 651 Neuerkrankungen — 7 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr.

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Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz mit 7,4 Syphilis-Fällen pro 100'000 Einwohner im Jahr 2014 weit oben in der Statistik. «Wir kamen gleich nach Malta, Litauen, Island und Spanien», sagt Bosshard. «Durch die immer bessere Behandlung von HIV-Infizierten glauben viele Menschen, dass sie beim Geschlechtsverkehr keine Kondome mehr benutzen müssen.» Dies hat zur Folge, dass andere sexuell übertragbare Krankheiten wie etwa Syphilis viel häufiger als noch Ende der 90er-Jahre auftreten.

Nun konnte ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Universität Zürich in der Fachzeitschrift «Nature Microbiology» zeigen, dass fast alle Bakterien aus den direkt vom Patienten entnommenen Proben auf einen gemeinsamen Erregerstamm in der Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgehen.

«Dieser ist hauptverantwortlich für die aktuelle weltweite Epidemie», sagt Natasha Arora vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Zürich. Ihr gelang es, mithilfe raffinierter Methoden der Paläogenetik aus dem sehr wenig vorhandenen Genmaterial oft sogar noch die Bakteriengenome vollständig zu sequenzieren. Zudem fand sie heraus, dass die Erreger nicht gegen die Standardarznei Penicillin, sondern gegen das in manchen Ländern empfohlene Ersatzpräparat Azithromycin resistent sind. Dieses kann ein Patient erhalten, wenn er auf Penicillin allergisch reagiert.

Obwohl der genaue Ursprung der Syphilis weiterhin noch ungeklärt ist, konnten die Zürcher Forscher mit ihren neuen DNA-Analysen den Stammbaum der Bakterien genauer rekonstruieren und damit auch ein Stück weit die «Neue-Welt-These» stützen. Diese besagt, dass Kolumbus die Erreger mit nach Europa gebracht haben soll.

Knoten und Flecken

Denn nachdem der Seefahrer 1493 von seiner ersten Expedition zurückgekehrt war, tauchte in Spanien auf einmal eine bisher nie beobachtete Krankheit auf. Betroffene bekamen grippeähnliche Symptome, Hautveränderungen, eiternde Pusteln und warzenartige Geschwüre am Körper.

Verbreitet haben sich die Erreger dann ein Jahr später durch den Kampf um das Königreich Neapel. Weil Frankreichs junger König, Karl der VIII., dort seine Erbansprüche geltend machen wollte, zog er im Frühjahr los nach Italien. Zu seinem Söldnerheer gehörten neben Spaniern auch Schweizer, Niederländer und Deutsche sowie ein Tross von Soldatendirnen. Nach dem Rückzug aus Neapel entliess Karl der VIII. seine Leute in ihre Heimatländer. Dadurch konnte sich die Syphilis schnell in ganz Europa ausbreiten. Die Kranken wurden dort fortan wie Aussätzige behandelt und später häufig auch in sogenannte Blatternhäuser ausserhalb der Stadtmauern geschickt.

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Die unter anderem als Französische oder Neapolitanische Krankheit bezeichnete Seuche erreichte über verschiedene Handelswege auch Russland, Indien, China und Japan. Dass so viele Menschen an der Infektionskrankheit litten, sah man im Mittelalter als Strafe Gottes an oder erklärte es sich durch ungünstige Planetenkonstellationen. Als man dann bemerkte, dass die Krankheit durch den Geschlechtsverkehr übertragen wird, wurde auch ein lasterhafter Lebensstil für die Seuche verantwortlich gemacht.

Quecksilber gegen Lustseuche

Als wirksames Behandlungsmittel empfahlen die Ärzte über Jahrhunderte hinweg Quecksilber, das entweder auf die Haut aufgetragen oder in speziellen Schwitzkästen verdampft wurde. Die Nebenwirkungen waren enorm und reichten von Erbrechen über Durchfall, Atemnot, Leber- und Nierenversagen bis zur chronischen Vergiftung und zu Tod. Der bekannte Arzt Paracelsus setzte sich jedoch weiterhin für diese Art der Behandlung ein und schrieb im Jahr 1529 den viel zitierten Satz, dass allein die Dosis das Gift mache.

Eine bedeutende Idee zur Bekämpfung von Syphilis stammt von einem italienischen Arzt. Als Erster empfiehlt Gabriele Fallopio 1564 die Verwendung eines Kondoms als Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Allerdings handelte es sich dabei vorerst nur um ein Leinsäckchen, das mit einer wässrigen Lösung von Wein, Kräutern, dem Pulver der roten Koralle, gemahlenem Hirschhorn und Stosszähnen des Ebers getränkt wurde.

1909 hatte Paul Ehrlich nach unermüdlichen Versuchen endlich eine neue organische Arsenverbindung zur Bekämpfung des Erregers gefunden. Später wurde das Mittel als wasserlösliches Präparat unter dem Namen Neosalvarsan angeboten. Auch diese Behandlung war noch gefährlich: Rund jeder 100. Patient starb an der Therapie.

Die Wende kam, als sich in den 1940er-Jahren Penicillin grosstechnisch herstellen liess. Die Antibiotika haben der Krankheit ihren Schrecken genommen. «Erstaunlich ist, dass es bis heute immer noch wirkt», sagt die Zürcher Forscherin Arora. Bisher habe man noch keine Resistenzen festgestellt.

Bildstrecke – 30 Jahre HIV-Prävention: Der Bund lancierte seine erste HIV-Kampagne im Jahr 1987 – seither lösen sie regelmässig Proteste aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2016, 23:42 Uhr

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Syphilis-Erreger. Foto: Alamy

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