Gegen Alzheimer kann man was tun

Auf den Blutdruck achten, nicht rauchen, starkes Übergewicht vermeiden – mit solchen und weiteren Massnahmen kann man einer Demenzerkrankung vorbeugen.

Gut für die Nervenzellen: Viel Bewegung kann helfen, Demenz hinauszuzögern. Foto: iStock

Gut für die Nervenzellen: Viel Bewegung kann helfen, Demenz hinauszuzögern. Foto: iStock

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«Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt.» Mit diesen Worten beschrieb Ex-US-Präsident Ronald Reagan 1994 in einem öffentlichen Brief seine beginnende Alzheimererkrankung. Der 83-Jährige zeichnete so ein zumindest ansatzweise optimistisches Bild jener Krankheit, die vielen Menschen noch immer vor allem Angst und Schrecken einjagt. Angst vor dem geistigen Zerfall, Angst vor der Verwirrtheit, Angst vor dem Verlust der eigenen Persönlichkeit. Und dies nicht ganz zu Unrecht: Bislang sind jedenfalls alle Versuche, eine Therapie zu entwickeln, die den Abbau stoppen oder zumindest verlangsamen kann, hochkant gescheitert.

Trotzdem: Ganz so düster ist die Sachlage nicht. Denn es gibt auch Grund zur Hoffnung. So haben sich über die letzten Jahre die Anzeichen verdichtet, dass eine gesunde, aktive Lebensweise einer Alzheimer- oder anderen Demenzerkrankung effektiv vorbeugen kann. Dazu zählen: auf den Blutdruck achten, nicht rauchen, starkes Übergewicht vermeiden, sich gesund und ausgewogen ernähren, eine gute Ausbildung und ein funktionierendes soziales Netz.

«Früher dachte man, die Alzheimererkrankung sei eine unvermeidliche Konsequenz von höherem Lebensalter», sagt Paul G. Unschuld, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie am Zentrum für dementielle Erkrankungen und Altersgesundheit an der Psychiatri­schen Universitätsklinik Zürich. Doch heute sei klar, dass man mit einer gesunden Lebensführung selbst viel tun könne. «Die Evidenz, dass man das Alzheimer- und Demenzrisiko damit signifikant beeinflussen kann, ist sehr stark.»

Wie ein Wundermittel

Gerade eben haben drei grosse klinische Studien diese wissenschaftliche Evidenz nochmals erhärtet. Sie zeigen zum einen, dass sportliche Aktivität nicht nur den geistigen Abbau, ­sondern auch den Verlust an Hirnzellen verlangsamen kann. Die zweite Studie kommt zum Schluss, dass ein gesunder Lebensstil ein erhöhtes genetisches Risiko für Alzheimer wettmachen kann. Und schliesslich haben auch die Schulbildung und die geistige Stimulation im Laufe des Lebens einen Einfluss auf das Risiko einer Demenzerkrankung: Je länger man die Schulbank gedrückt hat und je aktiver man geistig ist, desto besser ist man vor Alzheimer geschützt respektive: desto länger lässt sich ein allfälliges Auftreten der Krankheit aufschieben. Die drei Studien wurden kürzlich an der Alzheimerkonferenz AAIC in Los Angeles präsentiert und gleichzeitig im Fachblatt «Jama Neurology» veröffentlicht.

«Gäbe es ein Medikament, das so gut wirkt wie ein gesunder Lebensstil, dann würde man von einem Wundermittel sprechen.»Paul G. Unschuld, stv. Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie

«Viele Untersuchungen legen einen Zusammenhang nahe zwischen gesunder Lebensweise und vermindertem Risiko, an Alzheimer zu erkranken», sagt Unschuld. Die in den Studien beobachteten Effekte waren nicht etwa marginal, sondern klar und deutlich. Zudem berechneten britische Forscher schon vor zwei Jahren, dass rund 35 Prozent aller Demenzerkrankungen auf das Konto von Lebensstil-Faktoren gehen, dass sie also möglicherweise hätten verhindert werden können. «Gäbe es ein Medikament, das so gut wirkt wie ein gesunder Lebensstil», sagt Unschuld, «dann würde man von einem Wundermittel sprechen.»

Noch vor zehn Jahren glaubte kaum ein Experte, dass man das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken, beeinflussen kann. So kam im Jahr 2010 ein extra für diese Frage einberufenes Gremium der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) zum Schluss, dass die wissenschaftliche Evidenz nicht genüge, um einen kausalen Zusammenhang zwischen Lebensstil und Alzheimer zu belegen. Seither haben sich die Hinweise allerdings erhärtet, dass ein solcher Zusammenhang sehr wohl besteht, die Skepsis schwindet langsam.

150'000 Demenzerkrankte

Mit den wichtigsten Hinweis, dass ein gesunder Lebensstil Alzheimer vorbeugen kann, liefern Zahlen zur sogenannten Inzidenz, also der Häufigkeit der Erkrankung. Um rund 20 Prozent ist diese Zahl in den letzten 20 Jahren in entwickelten Ländern wie den USA, Kanada und Grossbritannien zurückgegangen. Das habe vermutlich mit Änderungen im Lebensstil zu tun, sagt Unschuld. «Heute wird weniger geraucht, und man hat mehr Bewegung.» Der Rückgang gilt nur für entwickelte Länder – in China und in Entwicklungsländern ist die Inzidenz im gleichen Zeitraum angestiegen. 

Ob auch in der Schweiz die Inzidenzzahlen zurückgehen, ist nicht klar. Denn hierzulande fehlen die entsprechenden Studien, es existieren einzig Schätzungen. Und die gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren leicht angestiegen ist, in etwa parallel zum Bevölkerungswachstum. Derzeit leiden in der Schweiz hochgerechnet etwa 150'000 Menschen an einer Demenz.  

Einen weiteren Grund für die leicht rückläufigen Inzidenzzahlen in entwickelten Ländern sieht Paul G. Unschuld in der viel konsequenteren Behandlung von Bluthochdruck. Denn ein erhöhter Blutdruck ist laut Unschuld ein «sehr wichtiger» Risikofaktor für Alzheimer, wenn auch nicht der einzige. Starkes Übergewicht im mittleren Lebensalter sowie Rauchen fördern das Demenzrisiko ebenfalls. Alles Dinge also, die man selber mass­geblich in die eine oder andere Richtung beeinflussen kann.

Erstellt: 20.08.2019, 19:43 Uhr

So senken Sie Ihr Alzheimerrisiko

Eine gesunde Ernährung, viel Bewegung, häufige soziale Kontakte und geistige Stimulation können helfen, den Ausbruch einer Demenzerkrankung hinauszuzögern.

Zu einem gesunden Lebensstil, der vor Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen schützen kann, gehören diverse Faktoren. Die meisten dieser Massnahmen gelten auch für die ­Vorsorge gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und andere Krankheiten.

Ernährung: Wer sich hauptsächlich von Früchten, Gemüse, Vollkornprodukten, Fisch und Olivenöl ernährt («­Mittelmeerkost»), schützt sein Gehirn besser als jemand, der viel Fleisch und Milchprodukte isst. Eine Studie mit über 2000 Probanden aus dem Jahr 2006 kam zum Schluss, dass die Mittelmeerdiät das Demenzrisiko um 40 Prozent senkt. In einer anderen Studie aus dem Jahr 2013 zeigte sich, dass Menschen, die sich mit Mittelmeerkost ernährten, bei kognitiven Tests am besten abschnitten.

Sport: Es braucht keine sportlichen Höchstleistungen, um einer Demenzerkrankung vorzubeugen, viel Bewegung reicht. So ­erhielten die Teilnehmer einer aktuellen Studie nur einen Schrittzähler. Bei jenen Probanden, die sich viel bewegten (knapp 9000 Schritte pro Tag), verlangsamte sich nicht nur der geistige Abbau, auch der Verlust an Nervenzellen im Gehirn war geringer als bei Menschen, die weniger als 3000 Schritte pro Tag taten.

Geistige Stimulation: Offenbar spielt die geistige Betätigung im Laufe des Lebens eine wichtige Rolle für das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Weil die «kognitive Reserve», ein Mass für die geistige Betätigung, aber nur schwer zu erfassen ist, wird in Studien als Stellvertreter-Wert die Anzahl Jahre Schulbildung berücksichtigt. In einer zweiten aktuellen Studie zeigte sich, dass jene Menschen mit der höchsten kognitiven Reserve ein um 39 Prozent geringeres Risiko ­hatten, an Alzheimer zu erkranken, als Menschen mit den niedrigsten Werten. «Die Schulbank allein ist aber nicht entscheidend», sagt Paul G. Unschuld vom Zentrum für dementielle Erkrankungen und Altersgesundheit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Es kommt darauf an, wie aktiv jemand geistig ist.» Das heisst: Kreuzworträtsel lösen oder Karten spielen lohnt sich!

Soziale Interaktion: Soziale Bindungen sind ebenfalls wichtig für ein gesundes Gehirn. Wer viel mit anderen Menschen interagiert, ist besser geschützt als einsame Menschen. So zeigte letztes Jahr eine ­Übersichtsarbeit, dass Verheiratete ein um 42 Prozent niedrigeres Demenzrisiko haben als Unverheiratete. Und 2017 kam eine andere Studie zum Schluss, dass Schwerhörigkeit einen stärkeren Einfluss auf die geistige Gesundheit hat als die Schulbildung. Die Erklärung: Weil Schwerhörige schlechter sozial interagieren können, wird ihr Gehirn weniger stimuliert.

Genetisches Risiko: Wer genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko für eine Altersdemenz hat – Träger des ApoE4-Gens zum Beispiel haben ein mehrfach ­erhöhtes Risiko im höheren ­Lebensalter an Alzheimer zu erkranken –, muss dieses Schicksal nicht einfach als gegeben hinnehmen. Wie eine dritte neue Studie mit fast 200'000 britischen Senioren zeigt, kann ein gesunder Lebensstil die unvorteilhafte genetische Ausstattung (zumindest teilweise) wettmachen. So haben Menschen mit schlechten Genen, aber einem gesunden Lebensstil etwa das gleich hohe Risiko wie Menschen mit guten Genen, aber einem ungesunden Lebensstil.
(nw)

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