Genetische Superhelden

In einer gross angelegten Erbgutstudie haben Forscher 13 Personen identifiziert, die trotz schwerem Gendefekt nicht erkranken. Sie sollen helfen, neue Behandlungen für die Erbleiden zu finden.

Gibt Auskunft über mögliche spätere Krankheiten: DNA-Analyse. Foto: PD

Gibt Auskunft über mögliche spätere Krankheiten: DNA-Analyse. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Über 6000 Erbkrankheiten kennt man heute, die auf Defekte in einem einzigen Gen zurückzuführen sind. Die zystische Fibrose etwa, die Bluterkrankheit oder die Huntington-Krankheit zählen zu den geläufigeren, aber es gibt auch viele äusserst seltene und kaum bekannte Leiden. All diesen monogenen Erbkrankheiten ist gemeinsam: Wer mit einem Defekt in einem dieser Gene zur Welt kommt, hat oft das ganze Leben lang schwerwiegende gesundheitliche Probleme, viele Betroffene sterben sogar schon als Kind. Gegen eine Handvoll Erbkrankheiten gibt es lindernde Medikamente, bei den allermeisten ist indes gegen das genetische Verdikt kein Kraut gewachsen – ohne Wenn und Aber.

Oder etwa doch? Eine neue, aussergewöhnliche Studie weckt nun etwas Hoffnung. Ein internationales Forscherkonsortium fand beim Auswerten der Erbgutdaten von knapp 600'000 gesunden Menschen 13 Individuen, die zwar einen solchen vererbten Gendefekt trugen, aber nicht am entsprechenden Erbleiden erkrankten. Sie waren allesamt gesund respektive widerstandsfähig oder resilient, wie es die Forscher nennen. Das Fachblatt «Nature Biotechnology», das die Studie gestern publizierte, spricht von «genetischen Superhelden».

Acht Erbkrankheiten betroffen

Die 13 resilienten Individuen stehen für acht Erbkrankheiten. Drei von ihnen sollten eigentlich an zystischer Fibrose leiden, der in unseren Breiten mit einer Inzidenz von einem Fall pro 2500 Geburten häufigsten Erbkrankheit. Typische Symptome sind zäher Schleim, chronischer Husten und häufige Lungeninfekte. Mittlerweile kennt man rund 2000 verschiedene Mutationen in dem für die Erbkrankheit verantwortlichen CFTR-Gen. Entsprechend gross ist auch die Bandbreite der Symptome. Dank moderner Behandlung haben Betroffene heute eine mittlere Lebenserwartung von etwa 40 Jahren – deutlich länger als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Zwei andere Resiliente hatten einen Defekt im Gen für das Smith-Lemli-Opitz-Syndrom (SLOS). Träger dieser Mutation leiden an einer seltenen Stoffwechselstörung, die dazu führt, dass der Körper zu wenig Cholesterin produziert. Die Symptome reichen von einem milden Verlauf mit nur wenigen Merkmalen über körperliche Fehlbildungen wie Herzfehler, herabhängende Augenlider, kleines Gehirn (Mikrozephalie) bis hin zu frühkindlichem Tod. Wer zwei Kopien des defekten Gens trägt (auf beiden Chromosomen, man nennt dies «homozygot»), überlebt das frühkindliche Stadium nicht. Das glaubte man zumindest bis vor kurzem. Die beiden «SLOS-Superhelden» sind homozygot für das Gen und zeigen keine Symptome.

Solche Menschen, die zwar eine normalerweise krank machende Mutation tragen, aus irgendeinem Grund daran selber aber nicht erkranken, könnten der Schlüssel sein für künftige Behandlungen diverser Erbleiden. Genau dieses Ziel verfolgt das «Resilience Project», in dessen Rahmen die aktuelle Studie des Forscherkonsortiums unter der Leitung des Biomathematikers Eric Schadt und des Arzts und Unternehmers Stephen Friend von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York entstanden ist. Das Projekt wurde 2014 lanciert mit dem Ziel, die Genomdaten einer riesigen Zahl von gesunden Menschen zu untersuchen, um so allfällige resiliente Individuen zu identifizieren.

Kritik an der Studie

Ein Vorbild für das Resilience Project ist das PCSK9-Gen. Träger einer Mutation in diesem Gen haben sehr tiefe Cholesterinwerte und erkranken auch selten an Herz-Kreislauf-Leiden. Pharmaunternehmen haben sich diese Erkenntnis zunutze gemacht und Hemmer des PCSK9-Eiweisses entwickelt. Diese Medikamen­te sind seit kurzem auf dem Markt – Ärzte erhoffen sich von ihnen einen Durchbruch bei der Behandlung von zu hohen Cholesterinwerten. Ähnliches erhoffen sich die Forscher nun von der Entdeckung von Resilienzfaktoren für Erbkrankheiten.

Für ihre Studie erhoben die Forscher keine eigenen Erbgutdaten, sondern analysierten solche aus zwölf existierenden Gendatenbanken. Etwa zwei Drittel der 589 306 Datensätze stammten vom Gentestunternehmen 23 and Me. Dessen Gründerin und CEO Anne Wojcicki zählt zu den Co-Autoren der Untersuchung. «Die Studie zeigt auf, welche Kraft in der Analyse von Big Data steckt», wird Wojcicki in einer Pressemitteilung von Mount Sinai zitiert.

Sven Cichon, Leiter Medizinische Genetik am Universitätsspital Basel, findet die neue Studie interessant. «Keine Frage!» Anders als üblich habe man dabei nicht nach Krankheitsgenen gesucht, sondern nach solchen, die einen vor den Folgen von Erbdefekten bewahren können.

Doch die Studie hat auch Schwächen. So waren viele der verwendeten Genomdaten so unzuverlässig, dass nach stringenter Prüfung der ursprünglich knapp 16 000 Resilienzkandidaten nur noch das gute Dutzend übrig blieb.

«Der grösste Mangel ist aber, dass die 13 Personen nicht zurückverfolgt werden können», sagt Cichon. Denn bei den meisten der von den Forschern verwendeten Genomdaten fehlt die Einverständniserklärung der Betroffenen für weitere Auswertungen. Das bedeutet: Bei keiner der 13 Personen besteht absolute Gewissheit, dass sie tatsächlich resilient ist. Es könnten Verwechslungen vorliegen oder die Gesundheitsangaben könnten nicht stimmen.

Letzteres bemängelt auch Anita Rauch. «Die meisten sind klinisch nicht sauber untersucht worden», sagt die Direktorin des Instituts für Medizinische Genetik an der Universität Zürich. «Bei 23 and Me zum Beispiel geben die Leute selber an, ob sie gesund sind oder nicht.» Der Ansatz der Studie sei zwar interessant, die Datenlage aber «mau».

Dessen sind sich auch die Forscher bewusst. Sie planen daher eine neue Studie, bei der sie die Genomdaten selber erheben und von den Testpersonen auch eine Einverständniserklärung einholen wollen. Denn das Konzept, Resilienzfaktoren zu finden für diverse Erbkrankheiten, besticht letztlich doch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2016, 22:50 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten

Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...