Genforschung vor Gericht

Die Entdeckerinnen der Gen-Schere Crispr/Cas9 haben einen Patentstreit verloren. Doch sie sind überzeugt, dass auch ihnen dereinst ein Patent erteilt wird.

Winzig, abstrakt, aber äusserst lukrativ: Ausschnitt aus dem Gen-Scherekomplex Crispr/Cas9. Illustration: Science Photo Library, Getty Images

Winzig, abstrakt, aber äusserst lukrativ: Ausschnitt aus dem Gen-Scherekomplex Crispr/Cas9. Illustration: Science Photo Library, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein heftig geführter Patentstreit um eine revolutionäre Gen-Editierungs-Technologie – und ein potenzielles Milliardengeschäft – ist vorgestern entschieden worden, zumindest vorläufig. Es geht um die Rechte an der Crispr/Cas9-Technologie, die es erlaubt, Gene in den verschiedensten Organismen gezielt zu verändern. Vorläufiger Sieger im Patentstreit ist das Broad Institute an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technolo­gy (MIT) in Cambridge, Verliererin die University of California in Berkeley (UCB).

Bei dem Entscheid ging es allerdings nicht um prinzipielle Ansprüche an der Technologie, sondern nur um die Frage, ob die ­Patentansprüche der beiden Konkurrenten sich gegenseitig behindern. Diese Frage verneinte die Appellationskammer des US-Patentbüros und folgte den Argumenten des Broad Institute und dessen Forscher Feng Zhang.

Infografik: Crispr/Cas9 - eine Schere fürs Erbgut Grafik vergrössern

Um den Streit zu verstehen, muss man knapp fünf Jahre zurückblättern. Im August 2012 publizierte ein Team um Jennifer Doudna (UCB) und Emmanuelle Charpentier, damals an der Universität Umeå, erstmals die Entdeckung der neuen Gen-Schere Crispr/Cas9. Schon im Mai 2012 meldeten sie auch ein Patent an, das den Gebrauch der Crispr/Cas-Technologie in «allen Zelltypen» umfasst. Erst sieben Monate später meldete auch das Broad Institute ein Patent an, das seinerseits den Gebrauch der Crispr/Cas9-Technologie in «eukaryontischen» Zellen umfasste (Zellen mit einem Zellkern, also auch menschliche Zellen). Weil das Broad Institute eine Gebühr für ein beschleunigtes Verfahren bezahlte, wurde sein Patent – zum Erstaunen vieler – schon im April 2014 erteilt, das umfassendere UCB-Patent aber bis heute nicht (auch wegen des jetzt abgeschmetterten Behinderungsverfahrens).

Bei dem Patentstreit geht es um weit mehr als nur die Frage, wer die Technologie wirklich erfunden hat. Es geht vor allem um Geld, um sehr viel Geld. Denn die Crispr/Cas9-Technologie verspricht nicht nur bei der Behandlung verschiedenster Krankheiten neue Optionen, sondern zum Beispiel auch in der Pflanzenzüchtung und auf weiteren Gebieten. Es geht dabei um künftige Milliarden­umsätze, so viel ist klar.

Gelassene Verlierer

In den Streit sind denn auch nicht nur die beiden akademischen Institutionen involviert, sondern überdies Biotech- und Pharmafirmen sowie Risikokapitalgeber. Aufseiten des Broad Institute steht die vom Genom- und Crispr-Pionier George Church gegründete Editas, aufseiten der UC Berkeley die Biotechfirmen Intellia, Crispr Therapeutics (mit Hauptsitz in Basel), Caribou Biosciences und ERS Genomics. Was der Entscheid genau bedeutet, ist noch nicht klar. Die US-Medien erklärten das Broad Institute zum Sieger. Doch laut Rodger Novak, dem CEO von Crispr Therapeutics, besagt das Urteil einzig, dass die Technologie in menschlichen Zellen ­grundsätzlich separat patentierbar ist. «Nicht mehr und nicht weniger.» Die Verliererseite gibt sich daher auch erstaunlich gelassen. Man ist überzeugt, dass das breite Patent für die Benutzung der Crispr/Cas9-Technologie in allen Zellen demnächst erteilt wird, zumal es ja offensichtlich sei, dass Doudna und Charpentier die Technologie als Erste beschrieben hätten. Eben erst haben die beiden Forscherinnen für ihre Entdeckung den Japan Prize erhalten.

Letztes Kapitel noch nicht geschrieben

Das Szenario, dass beide Patente erteilt werden, ist gemäss Experten ziemlich realistisch. Es würde dann bedeuten, dass künftig Firmen, die mithilfe von Crispr/Cas9 eine Therapie an menschlichen Zellen entwickeln, zwei Lizenzen brauchen würden: eine vom Broad Institute für die Benutzung von menschlichen Zellen und eine von der UCB für die Benutzung aller Zelltypen.

Für Crispr Therapeutics würde das heissen, dass es mit dem Broad Institute respektive Editas eine sogenannte Kreuzlizenzierung vereinbaren müsste. «Das wäre der Worst Case für uns», sagt Novak. Das sei aber nicht unbedingt das Szenario, mit dem sie sich zufriedengeben würden. «Am besten wäre es, wir müssten nicht lizenzieren.» Novak macht denn auch keinen Hehl daraus, dass er mit dem Urteil unzufrieden ist. Auf das Business habe der Entscheid aber keine Konsequenzen. Der Aktienkurs von Crispr Therapeutics tauchte am Mittwoch kurz ab, erholte sich aber schon am Donnerstag wieder.

Derweil ist noch offen, ob das UCB-Team den Entscheid des US-Patentamts anfechten wird. Ein solcher Weiterzug an ein Gericht wird aber weitherum erwartet. Klar ist dabei nur eins: Das letzte Kapitel in dem Crispr/Cas9-Patentstreit ist noch lange nicht geschrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 21:51 Uhr

Forschung an menschlichen Embryonen

Umstrittener Eingriff in die Keimbahn

Es ist ein Kurswechsel, der für Aufregung sorgt: Noch vor zwei Jahren hatten amerikanische Forscher davor gewarnt, in das Erbgut menschlicher Embryonen einzugreifen. Diese Woche gab eine Expertengruppe der US National Academy of Sciences einen Bericht heraus, der solche Versuche jetzt, mit gewissen Einschränkungen, erlauben will.

Fortschritte in der Gentechnik, vor allem das Verfahren mit dem Namen Crispr/Cas9, ermöglichen es heute, einzelne Gene gezielt zu verändern. Es ist allerdings ein grosser Unterschied, ob die Forscher Crispr/Cas9 an Körperzellen anwenden oder in der menschlichen Keimbahn, also an Eizellen und Spermien, die wir an unsere Nachkommen weitergeben.

Vor zwei Jahren mahnten die US-Forscher, die Risiken beim Eingriff in die Keimbahn seien noch nicht abzuschätzen. Niemand weiss genau, wie sich veränderte Gene in der zweiten oder dritten Generation verhalten. Im neuen Bericht schreiben die Forscher, bei «zwingenden Gründen und unter strikter Kontrolle» sollte derartige Forschung heute trotzdem möglich sein. Die Wissenschaftler denken dabei an schwere Erbkrankheiten, vor denen sie Nachkommen schützen möchten.

Das Verändern der Gene wollen sie erlauben, wenn es keine anderen Behandlungsoptionen gebe. Kritiker befürchten jedoch ein stufenweises Aufweichen der strengen Vorgaben bis hin zu Verfahren, die Designerbabys ermöglichen könnten.

«Der Bericht ist voreilig, die Risiken sind noch viel zu hoch», sagt der Jurist Bernhard Rütsche, Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin und Professor an der Universität Luzern. Eine Liberalisierung der Grundlagenforschung befürwortet Rütsche jedoch, gerade um herauszufinden, wie sicher die Methoden sein könnten. Geschehen solle das allerdings in kleineren Schritten – wie beispielsweise in England. Dort ist Forschung an menschlichen Embryonen erlaubt, allerdings nur an solchen, die nicht lebensfähig sind. In der Schweiz sind alle derartigen Verfahren bisher verboten. (abr)

Artikel zum Thema

Zu früh, zu positiv

Kommentar Die Frage nach der erblichen Optimierung kommt eindeutig zu früh angesichts ungelöster Fragen über die Langzeitfolgen. Mehr...

Genetische Superhelden

In einer gross angelegten Erbgutstudie haben Forscher 13 Personen identifiziert, die trotz schwerem Gendefekt nicht erkranken. Sie sollen helfen, neue Behandlungen für die Erbleiden zu finden. Mehr...

Umstrittene Genversuche mit menschlichen Embryonen

In China haben Forscher das Erbgut von Embryonen manipuliert. Der Versuch gilt weltweit als Tabubruch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Trickkiste: Besucher schauen sich im Deutschen Hygiene Museum eine Installation des Künstlers Thorsten Brinkmann an. (22. August 2017)
(Bild: Filip Singer/EPA) Mehr...