«Geschenke jeder Art sind abzulehnen»

Arzt und Autor David Klemperer fordert mehr Distanz zwischen Ärzten und Pharma. Transparenz allein genüge nicht.

Bittere Pille: Ärzte sollen ihre Fortbildungen selber zahlen, fordert David Klemperer. Foto: Keystone

Bittere Pille: Ärzte sollen ihre Fortbildungen selber zahlen, fordert David Klemperer. Foto: Keystone

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Gestern lief in der Schweiz für mehr als 50 Pharmafirmen die Frist aus, um ihre Zahlungen an Ärzte und Organisationen zu veröffentlichen. Wie wichtig ist für Sie diese Transparenz?
Wenn die Pharmaindustrie Ärzte, Organisationen und Selbsthilfegruppen unterstützt, tut sie das nie selbstlos. Ihre Zahlungen sind ein Mittel der Einflussnahme. Das ist natürlich legal. Aber es ist auf jeden Fall auch gut, zu wissen, welche Summen im Spiel sind. Die Offenlegung ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Es handelt sich um eine freiwillige Initiative der Industrie. Das ist sehr löblich.
Eher handelt es sich um einen strategischen Schachzug. Mit ihrer Initiative will die Industrie strikteren staatlichen Regelungen nach amerikanischem Muster zuvorkommen. In den USA schreibt der Sunshine Act vor, dass Pharmafirmen ihre Zahlungen offenlegen. In einer zentralen Datenbank sind Namen und Adressen der Empfänger zugänglich für alle, die es interessiert.

Sie haben sich intensiv mit dem Thema Interessenkonflikte in der Medizin auseinandergesetzt. Ab welchen Beträgen sind Zahlungen an Ärzte problematisch?
Es gibt keine untere Grenze für die Dankbarkeitseffekte, die durch Zuwendungen erzeugt werden. Wenig Geld oder kleine Nettigkeiten können Ähnliches bewirken wie eine Einladung zum Jahreskongress der Amerikanischen Krebsgesellschaft. Verschiedene Mechanismen, die aus der psychologischen Grundlagenforschung bekannt sind, wirken, ohne dass es den Betroffenen bewusst wird.

Ist es schlimm, wenn sich ein Arzt zum Abendessen einladen lässt?
Im Rahmen von Fortbildungen ist dies zwar zulässig. Doch mit Nettigkeiten dieser Art will die Industrie Einfluss auf ärztliches Denken und Fühlen nehmen. Problematisch können die Folgen sein. Es besteht ein erhöhtes Risiko dafür, dass der Arzt den Nutzen eines Medikaments des betreffenden Herstellers zu hoch einschätzt und die Schäden zu niedrig. So haben viele Ärzte Medikamente, die später vom Markt genommen werden mussten, auch noch verschrieben, als ihre gravierenden Risiken längst bekannt waren, aber vom Hersteller noch bestritten wurden. Beispiele dafür sind Vioxx und Avandia. Ohne die «politische Landschaftspflege» durch materielle und immaterielle Zuwendungen wäre dies wohl kaum möglich gewesen. Den meisten Ärzten ist dies nicht bewusst.

Doch letztlich lassen sich solche Interessenkonflikte fast nicht ­verhindern. Auch ein Gespräch kann beeinflussen.
Das stimmt. Aber als Arzt sollte man sie soweit möglich minimieren. Ich plädiere für eine freundlich-kritische Distanz zur Industrie. Dazu gehört, Geschenke jeder Art abzulehnen.

Ist das nicht etwas radikal?
Finde ich nicht. Es ist nicht einsehbar, dass ausgerechnet Ärzte sich Fortbildungen und Reisen von der Industrie bezahlen lassen. Wir sollten lernen, dass es sich besser anfühlt, unabhängige Fortbildung zu beanspruchen und dafür vielleicht 50 Euro oder Franken zu zahlen. Es geht dabei ums Prinzip, um Autonomie und eine professionelle Haltung.

Bei der aktuellen Offenlegung ­können Ärzte es ablehnen, dass die Zahlungen an sie veröffentlicht werden.
So bringt die Transparenz natürlich wenig. Das Argument des Datenschutzes ist dabei vorgeschoben. Bei Zahlungen der Firmen an Ärzte und Organisationen müsste es Teil des Vertrags sein, dass diese veröffentlicht werden.

Müsste der Staat aktiv werden und wie in den USA die Transparenz gesetzlich vorschreiben?
Eher nicht. Die Umsetzung des Sunshine Act in den USA kostet jährlich mehrere Hundert Millionen Dollar.

Wie viel kann man denn mit einer vollständigen Transparenz überhaupt erreichen?
Transparenz ist notwendig, aber nicht hinreichend. Interessenkonflikte sollten so weit wie nur irgend möglich vermieden werden. Sind sie nicht vermeidbar, muss so mit ihnen umgegangen werden, dass keine Schäden entstehen. Letztlich braucht es einen Kulturwandel, der von der Ärzteschaft ausgehen sollte.

Erstellt: 30.06.2016, 20:15 Uhr

Steuerämter schauen hin

Die Transparenzinitiative der Schweizer Pharmafirmen dürfte insbesondere auch für Steuerämter aufschlussreich sein, denn die Daten geben Auskunft über Zusatzeinkünfte der Ärzte. «Wir nutzen grundsätzlich alle verfügbaren Informationen, um zu versteuernde Beträge zu ermitteln», sagt Yvonne von Kauffungen von der Steuerverwaltung des Kantons Bern. Dazu würden auch die Listen der Pharmafirmen gehören. Ähnlich klingt es bei der Steuerverwaltung im Kanton Zug. «Grundsätzlich verwenden wir solche Informationen, um Nachprüfungen anzustellen», sagt Abteilungsleiter Philipp Moos. (fko)

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David Klemperer


Der Internist und Sozialmediziner unterrichtet an der Universität und der Hochschule in Regensburg. Er ist Mitautor des Buches «Interessenkonflikte in der Medizin».

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