Grossstädter haben ein höheres Risiko, stressbedingt zu erkranken

Kampf dem Grundrauschen: Ein Psychiater über die Unruhe der Stadt und die Natur als Fluchtpunkt.

Blick auf die Stadt: Das Leben in Ballungszentren kann ganz schön an die Gesundheit gehen.

Blick auf die Stadt: Das Leben in Ballungszentren kann ganz schön an die Gesundheit gehen. Bild: Reto Oeschger

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Städte wachsen – und werden in den nächsten Jahren rasant weiterwachsen. Dabei wird die Natur als Ausgleich für Grossstädter immer wichtiger, sagt Peter Falkai. Der 55-Jährige muss es wissen. Er ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Falkai sitzt in seinem Büro, sehr hohe Decke, schwarze Bücherregale. Draussen vor dem Fenster rauschen die Blätter in den Bäumen. Sie werden im Gespräch immer wieder eine Rolle spielen.

Herr Falkai, was macht die Grossstadt mit den Menschen?
Es wird gern vergessen, dass der Mensch ursprünglich in kleinen Gruppen von 20 bis 30 Leuten unterwegs war. Das ist noch nicht so lange her. Man war irgendwo und ist dann weitergezogen, zum Jagen. Die Realität heute sieht so aus, dass wir aufstehen, im Winter ist es noch dunkel. Wir gehen zur Bahn oder zum Auto, fahren irgendwohin, wo wir den ganzen Tag sitzen. Irgendwann verlassen wir das Gebäude, im Winter ist es dann schon wieder dunkel. In der Stadt sind wir permanent umgeben von Menschen, die wir nicht kennen. Dazu kommen all die Geräusche von Dingen, die wir nicht hören, wenn wir uns ausserhalb der Stadt bewegen.

Das klingt recht trostlos. Also lieber gar nicht in die Stadt ziehen?
Menschen hätten ja keine Städte gegründet und würden nicht in sogenannte Schwarmstädte ziehen, wenn das Leben in der Stadt keine Vorteile hätte: besserer Zugang zum Gesundheitssystem, bessere Möglichkeiten zur Unterhaltung und zur Kommunikation. Die Nachteile waren früher eine höhere Keimbelastung, keine vernünftige Entwässerung und Müllentsorgung und damit eine höhere Krankheitswahrscheinlichkeit. Heute haben wir eben eine höhere Feinstaubbelastung und Lärmbelästigung.

Was sind die Folgen?
Stressfaktoren wirken stärker, wenn wir in Städten mit mehr als 100'000 Einwohnern aufwachsen. In kleineren Städten ist das Risiko kleiner, Erkrankungen zu entwickeln, die mit Stress zu tun haben: Angsterkrankungen, Depressionen, psychiatrische Erkrankungen. Das führt sogar so weit, dass man innerhalb der grossen Metropolen einen Gradienten hat. Das Risiko von Erkrankungen ist in den äusseren Regionen mit ihrer Einzelhausbebauung und mit viel Grün niedriger als in Bezirken mit dichterer Wohnungsbebauung und ohne Grün.

«Vor allem machen Städte uns nervöser, unruhiger, lassen uns schlechter schlafen.»

Was passiert da im Gehirn?
Hier kommen zwei Schaltstellen ins Spiel: Mandelkern und Cingulum. Der Mandelkern spricht auf Dinge an, die er nicht kennt und nicht einordnen kann. Das Cingulum macht den Relevanzcheck: Ist das wichtig für mich oder nicht? Studien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Mandelkern und Cingulum bei Menschen, die in Städten mit mehr als 100'000 Einwohnern aufwachsen, aktiver sind. Das führt zur Grundunruhe der Städter, einer Art unproduktiven Aufmerksamkeit. Aber auch innerhalb der Städte sind manche Gruppen verletzlicher. Es gibt Untersuchungen aus den Neunzigerjahren, die zeigen, dass Menschen, die vor ihrem siebten Lebensjahr - zum Beispiel aus der Karibik nach London - migriert sind, ein sechsmal höheres Risiko haben, eine Schizophrenie zu entwickeln, als jene Menschen, die zum Zeitpunkt der Migration schon älter waren. Das Risiko ist noch höher, wenn sie in einer Umgebung wohnen, wo viele ihrer Nachbarn nicht aus ihrem Kulturkreis stammen. Ein Stück weit kann eine gewisse kulturelle Homogenität also vor Erkrankungen schützen.

Und es wird ja auch nicht jeder gleich krank.
Vor allem machen Städte uns nervöser, unruhiger, lassen uns schlechter schlafen, durch den Input und den Krach, natürlich auch durch das viele Licht, die Ablenkung. Ich lebe in Pasing, was recht ländlich ist, aber auch dort hört man die Autobahn, wenn man in den Park geht. Also, ich höre sie mittlerweile nicht mehr. Es ist aber in der Stadt einfach nie völlig geräuschlos. Wenn man dagegen auf dem Land ist, hört man: nichts. Und auch ein Phänomen wie Social Defeat, das Ausgeschlossensein aus der Gemeinschaft, ist auf dem Land mit seinen überschaubaren sozialen Strukturen viel weniger ausgeprägt. Dass Menschen sterben und zwei Monate in ihrer Wohnung liegen, das passiert in Städten.

Ist die Grossstadt ein Thema, das Ihre Patienten oft ansprechen?
Was immer angesprochen wird, ist die Frage, was sie krank gemacht hat. Meist findet man bei Depressionen oder Angsterkrankungen eine Mischung aus privaten Stressfaktoren und beruflichen Problemen. Die Umwelt spielt aber auch immer mit hinein, zum Beispiel Geräusch- oder Geruchsbelästigung. Die Umwelt kann aber auch schützend eine Rolle spielen, zum Beispiel wenn man bewusst am Wochenende rausgeht in die Natur. Es ist überraschend, wie vielen Menschen man damit helfen kann, die auf einen Burnout zusteuern.

Wie kann man die Stadtplanung verbessern?
In die Bebauung muss mehr Grün rein. Untersuchungen zeigen, dass man einen ganz anderen Herzschlag, ein ganz anderes vegetatives Nervensystem hat, wenn man unter Bäumen geht. Eine grüne Wiese ist gut, unter Bäumen gehen ist ausgezeichnet. Auch in der Mittagspause sollte man sein Butterbrot nicht in einer Steinwüste essen. Besser ist es, wenn da eine Holzbank ist und idealerweise auch ein Baum in der Nähe. Noch besser, wenn man unter dem Baum sitzen kann. Dann erholt man sich. Es geht dabei nicht um Sauerstoff, sondern offensichtlich um einen Reiz, der unser vegetatives Nervensystem runterfahren lässt. Auch in der Stadt kann man sich die Natur nach Hause holen. Wir haben zu Hause zum Beispiel unser Garagendach begrünt, vorher war da nur Stein.

«Stadt bedeutet für uns Menschen immer auch Gefahr.»

Ein grünes Garagendach soll helfen, weniger gestresst zu sein?
Dazu kommt natürlich die Bewegung draussen. Und dabei macht es einen Unterschied, ob man im Wald spazieren geht oder in einer Gegend ohne Bäume. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass die neuronalen Netze weiter heruntergefahren werden, wenn man ein Blätterdach über dem Kopf hat, als wenn da keines ist. Ich kann das nicht rational erklären, aber ich vermute, es hat mit einem Gefühl von Geborgenheit zu tun. Schutz vor Lärm und Stress. Die Wirkung von Natur auf den Menschen ist bei Weitem nicht so gut untersucht wie die von Glück, Beziehungen oder Arbeit. Doch es gibt einige interessante Studien, wonach es wohl nicht so sehr das Grün ist, das uns gesund erhält, sondern vielmehr die Tatsache, dass das, was uns in der Stadt krank macht, in der Natur schlicht fehlt. Vor lauter Natur darf man aber die soziale Interaktion nicht vergessen, die schützt uns am nachhaltigsten. Wenn man sich anschaut, was uns am längsten leben lässt, ist es das soziale Netz. Je grösser, desto protektiver – selbst wenn es auf Facebook ist. Wobei es sich schon um real existierende Beziehungen handeln muss.

Noch mal zurück zur Natur: Die kann ja durchaus auch lauter sein. Warum stressen uns die Geräusche in der Natur nicht, aber die der Stadt machen uns krank?
Natürlich gibt es auch in der Natur eine Art Grundsummen, Wind, Blätterrauschen, Zirpen von Vögeln, aber anders als in der Stadt. Wenn ein Auto kommt, wenn wir eine Strassenbahn hören, sind das immer Geräusche, die aus der Routine fallen. Stadt bedeutet für uns Menschen immer auch Gefahr. Wir haben keine natürlichen Feinde mehr. Das heisst aber nicht, dass die Angst weg ist. Und die führt offensichtlich in den Städten dazu, dass unser neuronales System stärker hochgefahren wird. Warum Menschen, die seit 2000 Jahren in Städten leben, sich nicht besser adaptieren, kann ich nicht sagen. Offenbar ist das eine kurze Spanne im Vergleich dazu, seit wann es den Menschen gibt.

Wenn wir am Wochenende raus aus München fahren, in Richtung Tegernsee ...
... dann führt der Stau auf der Autobahn auch zu Stress, ja. Da stellt sich dann die Frage, ob man das klug angeht. Ich als pathologischer Frühaufsteher habe die Diskussion immer in meiner Familie. Ich sage, wie wäre es denn, wenn wir früh aufstehen und nicht um zehn frühstücken, sondern um halb acht, und dann setzen wir uns ins Auto und fahren los.

Und wie findet Ihre Familie das?
Das finden die nicht gut. Wir fahren dann meistens schon am Freitagabend raus und Samstag- oder Sonntagabend zurück.

Erstellt: 15.11.2017, 12:59 Uhr

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