Halbherzige Transparenz bei den Pharmageldern für Ärzte

Die Pharmaindustrie legt offen, wie viel Geld sie Ärzten zahlt. Viele Ausnahmen und schlechte Zugänglichkeit schaffen allerdings kaum Vertrauen.

Ärzte, die von Pharmafirmen Zuwendungen erhalten, verschreiben öfter deren Medikamente: Pillenproduktion von Actelion in Basel. Foto: Justin Hession (Keystone)

Ärzte, die von Pharmafirmen Zuwendungen erhalten, verschreiben öfter deren Medikamente: Pillenproduktion von Actelion in Basel. Foto: Justin Hession (Keystone)

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Es klingt ein wenig wie eine Charme­offensive: Unter den Stichwörtern «Engagement» oder «Nachhaltigkeit» stellen Schweizer Pharmafirmen bis Ende Monat die Zahlungen an Ärzte, Wissenschaftler, medizinische Organisationen und Institutionen auf ihre Websites. Über 50 in der Schweiz tätige Unternehmen, die zusammen rund 80 Prozent des hiesigen Pharmamarktes abdecken, machen mit. Sie haben den Pharma-Kooperations-Kodex ihres Branchenverbands Scienceindustries unterschrieben und sich damit freiwillig zur Offenlegung verpflichtet. «Die Transparenzinitiative soll vor allem das Vertrauen in die ganze Gesundheitsindustrie stärken», sagt Marcel Sennhauser, Sprecher und Mitglied der Geschäftsleitung von Scienceindustries.

Wohl ist der Pharma allerdings nicht mit der Transparenz. Die Firmen und Scienceindustries versuchen möglichst viele Informationen unter Verschluss zu halten. In Deutschland, wo ebenfalls Zahlungen neu offengelegt werden, kommunizierte der federführende Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) Anfang Woche immerhin einige Eckdaten. So zahlten bei unserem nördlichen Nachbarn Pharmafirmen 625 Millionen Franken an Ärzte und Kliniken. Davon rund 400 Millionen Franken für klinische Studien, 130 Millionen Franken für Vortragshonorare und Fortbildungen sowie 95 Millionen Franken für Sponsoring, Spenden und Stiftungen. Auf die Schweizer Bevölkerung gerechnet, wären dies insgesamt rund 65 Millionen Franken. Allerdings dürfte der eigentliche Wert wegen der höheren Lebenshaltungskosten und der grossen Bedeutung der Pharma deutlich höher liegen.

Anonyme Geldempfänger

Ihre Zahlungen bereits aufgeschaltet hat Actelion. Das Schweizer Unternehmen ist spezialisiert auf Medikamente für seltene Erkrankungen und hat einen jährlichen weltweiten Umsatz von rund 2 Milliarden Franken. Insgesamt zahlte das Unternehmen 2,4 Millionen Franken an Schweizer Ärzte, Kliniken, Organisationen und Forscher. An den veröffentlichten Zahlen lässt sich ablesen, wie wenig ernst es der Pharma ist mit ihrer Transparenzinitiative:

  • Die Firmen veröffentlichen ihre Zahlungen irgendwo auf ihren eigenen Websites. Immerhin «relativ prominent», wie Sennhauser versichert. Will zum Beispiel ein Patient schauen, ob sein Arzt horrende Zahlungen erhält, muss er über 50 Websites abklappern. In den USA existiert eine zentrale Datenbank, in der sämtliche Zahlungen erfasst sind. «In der Schweiz ist dies wie in den meisten europäischen Ländern kein Thema», sagt Sennhauser.

  • Ärzte und Institutionen, die Geld von Firmen erhalten haben, können anonym bleiben, wenn sie möchten. Wegen des Datenschutzes, wie es heisst. Bei der Aufstellung von Actelion haben 89 Ärzte Zahlungen von insgesamt 91'000 Franken offengelegt. Der grössere Betrag, nämlich 130'000 Franken, geht jedoch an 19 anonyme Empfänger. Das meiste als Honorare und Spesen für Dienstleistungen und Beratung. Das macht viele zumindest misstrauisch. In Deutschland kritisiert dies Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Er fordert gemäss der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», dass Pharmaunternehmen auf eine Zusammenarbeit mit Ärzten verzichten sollen, wenn diese nicht genannt werden wollen. Bei der Schweizer Schwesterorganisation, dem Ärzteverband FMH, sieht man auf Anfrage keinen Grund für solche Forderungen.

  • Gelder für Forschung und Entwicklung müssen nicht aufgeschlüsselt werden (bei Actelion ist dies mit 1,4 Millionen Franken der grösste Betrag). Laut Sennhauser stecken «wettbewerbsrechtliche Überlegungen» und «Innovationsschutz» dahinter. Allerdings lässt sich in vielen Fällen mit Studienregistern herausfinden, welche Firma zu was und wo forschen lässt. Kritisiert wird vor allem, dass sogenannte Anwendungsbeobachtungen ebenfalls unter Forschung subsumiert werden. Bei diesen Studien beauftragen Hersteller Ärzte, die Wirkung von bereits zugelassenen Medikamenten in der Praxis zu dokumentieren. In der Regel wird dies jedoch meist als Marketinginstrument missbraucht.

«Ein Alarmzeichen»

Freiwillig ist die Selbstverpflichtung der Pharmafirmen ohnehin nicht. Das zeigt sich auch daran, dass keine Sanktionen vorgesehen sind für fehlerhafte oder unvollständige Reports. Als Mitglied des Europäischen Verbands der Pharmaunternehmen und -verbände (Efpia) hat Scienceindustries die Regeln übernommen, welche sich dieser im Jahr 2013 gegeben hat. Doch auch die Efpia reagiert mit ihrer Transparenzinitiative letztlich auf äusseren Druck. In den USA verlangt seit 2013 der sogenannte Physician Payment Sunshine Act die Offenlegung von Geldleistungen der Industrie an einzelne Ärzte – ohne Schlupflöcher.

Die Reaktionen auf die Transparenzini­tiative sind verhalten positiv. Während man beim FMH mit der halbherzigen Offenlegung zufrieden ist, finden es Hermann Amstad von der Akademie für Medizinische Wissenschaften und Erika Ziltener von den Schweizerischen Patientenstellen einen Schritt in die richtige Richtung. Beide kritisieren, dass Empfänger anonym bleiben, wenn sie dies wünschen. «Wenn das jemand tut, ist das ein Alarmzeichen», sagt Ziltener. Amstad fordert: «Die Firmen sollten mit diesen Ärzten nicht zusammenarbeiten.»

Erstellt: 23.06.2016, 18:42 Uhr

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Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dass dies auch für die Beziehung zwischen der Pharmaindustrie und Medizinern gilt, belegen unzählige Studien. Anfang Woche ist zum Beispiel eine Untersuchung im Fachblatt «JAMA Internal Medicine» erschienen, die über 60'000 Zahlungen an US-Ärzte im Zusammenhang mit vier häufigen Medikamenten untersucht hat. Mit Abstand am häufigsten waren Essenseinladungen. Die Forscher der University of California San Francisco fanden, dass selbst eine einzige bezahlte Mahlzeit dazu führt, dass der Arzt ein Medikament häufiger verschreibt. Bei vier oder mehr Einladungen vervielfachte sich die Rate zwischen 1,8- und 5,4-mal, je nach Medikament. Beim Pharmaverband Scienceindustries will man von solchen wissenschaftlichen Befunden nichts wissen. «Ich habe nicht das Gefühl, dass Zahlungen sich auf die Behandlungen auswirken», sagt Sprecher Marcel Sennhauser. (fes)

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