Hausärzte verschreiben vorschnell Antidepressiva

Erstmals zeigt eine Studie, wie verbreitet die Medikamente in der Schweiz sind. Das Urteil: Depressive werden oft fehlbehandelt.

8,7 Prozent der Bevölkerung erhalten innerhalb eines Jahres Antidepressiva – das sind mehr als erwartet. Foto: David Wall (Moment RF, Getty Images)

8,7 Prozent der Bevölkerung erhalten innerhalb eines Jahres Antidepressiva – das sind mehr als erwartet. Foto: David Wall (Moment RF, Getty Images)

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Medikamente sind bei der Behandlung einer Depression manchmal unumgänglich, sie können für Betroffene eine grosse Hilfe sein. Gleichzeitig stehen sie schon länger in der Kritik wegen der oft beschränkten Wirksamkeit und wegen der starken Zunahme an Verschreibungen. Zuletzt zeigte im Juli eine grosse Analyse des angesehenen Forschernetzwerks Cochrane, die auch unveröffentlichte Daten berücksichtigte, dass Antidepressiva nicht sehr gut wirken.

Exakte Zahlen dazu, wer wie häufig Antidepressiva in der Schweiz auf den Rezeptblock schreibt, existieren allerdings erst seit kurzem. Demnach erhalten 8,7 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres solche Medikamente verordnet. Frauen erhalten dabei doppelt so häufig Antidepressiva, das widerspiegelt das Geschlechterverhältnis bei den Diagnosen. Bei den Erwachsenen von 45 bis 74 Jahren liegt der Anteil bei 12,5 Prozent. Der Wert steigt bei älteren Patienten weiter und liegt ab 85 bei fast einem Viertel. Ein hoher Anteil, der problematisch ist, wie eine soeben veröffentlichte Analyse bestätigt.

«Das sind mehr Verschreibungen, als zu erwarten wäre», sagt Birgit Watzke, Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Zürich und Mitautorin der Studie. «Wir gehen deshalb von einer Fehlversorgung von depressiven Patienten aus.» Die Studie erschien, von der Öffentlichkeit wenig beachtet, vergangenen Sommer im Fachblatt «BMC Psychiatry». Sie basiert auf Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2016 des Krankenversicherers Helsana, bei dem rund 13 Prozent der Schweizer Bevölkerung versichert sind.

Die Präparate sind einfach und schnell verfügbar

Eine wichtige Ursache für die vielen Verordnungen orten die Forscher bei den Grundversorgern: Gemäss der Studie ­erhielt mehr als die Hälfte der Patienten ihr Rezept von einem Hausarzt. Psychiater verordneten nur in 17 Prozent aller Fälle. Der Rest fiel auf andere Spezialärzte, Spitäler oder eine Kombination verschiedener Versorger.

Birgit Watzke hat Verständnis für die Situation der Hausärzte: «Sie möchten ihren Patienten etwas anbieten und verschreiben Antidepressiva, weil sie einfach und schnell verfügbar sind», sagt sie. Eine Psychotherapie sei aufwendig aufzugleisen und müsse von einem Spezialisten durchgeführt werden. Hinzu kommen oft auch Wartezeiten für Betroffene, die eigentlich schnell Hilfe brauchen würden. Um die Grundversorger bei der Behandlung zu unterstützen, haben Watzke und Kollegen nun die Fachstelle Psychische Gesundheit ins Leben gerufen.

«Antidepressiva haben insbesondere bei leichten Depressionen keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung.» Birgit Watzke, Professorin für klinische Psychologie

Wie gross die Fehlversorgung mit Antidepressiva tatsächlich ist, hat die Studie nicht untersucht. Sie kann nur geschätzt werden: «In der Schweiz leiden im Laufe eines Jahres rund 8 Prozent der Bevölkerung unter Depressionen, von denen bei fachgerechter Behandlung aber weniger als die Hälfte Anti­depressiva erhalten sollte», sagt Watzke. Hinzu kommen andere Erkrankungen wie Zwangs- und Angststörungen, bei denen die Medikamente ebenfalls eingesetzt werden. «Wenn diese hinzugerechnet werden, bleibt immer noch ein substanzieller Anteil an Patienten, die mit Antidepressiva fehlbehandelt wurden», sagt die klinische Psychologin.

Für sie ein problematischer Befund: «Antidepressiva haben insbesondere bei leichten Depressionen keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung und oft starke Nebenwirkungen.»

Weil es in der Schweiz keine eigenen Behandlungsempfehlungen gibt, stützt sich Watzke bei ihrer Schätzung auf internationale Leitlinien, unter anderem diejenigen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Diese beruhen auf der relevanten wissenschaftlichen Literatur und werden in einem aufwendigen Prozess mit einem repräsentativen Expertengremium und Interessenvertretern erarbeitet.

«Die Leitlinien sind dadurch eher vorsichtig formuliert», sagt Watzke. Gemäss den Leitlinien ist bei leichter Depression in der Regel Psychotherapie oder eine angeleitete Form der Selbsthilfe angezeigt. Bei mittelschwerer Ausprägung können Antidepressiva zum Einsatz kommen, falls Patienten diese einer Psychotherapie vorziehen. «Wenn die Patienten auswählen können, entscheiden sie sich meist gegen Antidepressiva», sagt Watzke. Bei schwerer Ausprägung soll, wenn möglich, mit Medikamenten und Psychotherapie gleichzeitig behandelt werden.

Antidepressiva auch bei Schmerzstörungen

Allerdings sind sich nicht alle Fachleute einig, wie die Helsana-Studie zu interpretieren ist. Erich Seifritz, Ärztlicher Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, findet die Zahl der Verschreibungen jedenfalls wenig überraschend: «Sie liegt im Bereich, in welchem sich andere europäische Länder bewegen.» Er geht davon aus, dass Ärzte die Antidepressiva grundsätzlich korrekt verschreiben. Oft würden die Medikamente auch bei Erkrankungen ausserhalb des depressiven Spektrums eingesetzt, sagt der Psychiater. ­Insbesondere bei Schlafstörungen, Schmerzsyndromen, perimenstruellen Beschwerden oder Stressinkontinenz. «Diese breiten Anwendungsmöglichkeiten erklären auch die Häufigkeit der Verschreibung», so Seifritz.

Für Watzke ist hingegen ­offensichtlich, dass bei der Verschreibung von Antidepressiva etwas nicht stimmt. Das zeige sich in der Studie auch an den grossen Unterschieden zwischen den Kantonen: In Basel-Stadt erhalten 11,9 Prozent ein entsprechendes Rezept, im Kanton Zug 6,5 Prozent. «Das lässt sich medizinisch nicht erklären», sagt Watzke. Das Gleiche gilt für die Beobachtung, dass Patienten mit hoher Franchise oder mit Managed Care (Hausarztmodell, HMO) weniger Antidepressiva erhalten als andere.

Für die Psychologieprofessorin gibt es insbesondere keinen Grund, wieso Patienten mit zunehmendem Alter so viel häufiger Antidepressiva erhalten sollten. «Dass bei Betagten häufiger Depressionen auftreten, erklärt die massiven Unterschiede nicht ausreichend», sagt sie. Gerade im hohen Alter wäre es wichtig, Antidepressiva nur sparsam abzugeben. Denn weil die Patienten dann oft bereits mehrere Medikamente einnehmen, steigt die Gefahr von gefährlichen Interaktionen und Nebenwirkungen mit jeder zusätzlichen Tablette.

Erstellt: 25.11.2019, 19:18 Uhr

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