Hautkrebs wegen UV-Bestrahlung als Kind?

Französische Wissenschaftler erwarten einen starken Rückgang der Todesfälle durch Melanome. Grund sei das Ende vorsorglicher UV-Bestrahlungen ab den 60ern.

Früher wurden Kinder vielerorts prophylaktisch mit UV-Licht bestrahlt, wie hier in London 1938. Foto: Arthur Tanner (Getty)

Früher wurden Kinder vielerorts prophylaktisch mit UV-Licht bestrahlt, wie hier in London 1938. Foto: Arthur Tanner (Getty)

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Eigentlich lässt die Statistik wenig Raum für Optimismus. Die neuste Krebsauswertung des Bundes vermeldet beim Hautmelanom einen starken Anstieg der Neuerkrankungen in der Schweiz. Seit 1984 hat sich die Zahl bei den Männern verdreifacht, bei den Frauen mehr als verdoppelt. Die Schweiz gehört damit zu den Ländern mit einer der höchsten Neuerkrankungsraten weltweit.

Vor diesem Hintergrund steht die zuversichtliche Prognose französischer Epidemiologen etwas schief in der Landschaft: Philippe Autier vom International Prevention Research Institute (Ipri) in Lyon und Kollegen erwarten, dass Todesfälle durch Hautkrebs in den nächsten Jahrzehnten stark zurückgehen werden. Die Forscher analysierten Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Weltgegenden mit mehrheitlich hellhäutiger Bevölkerung. Dabei zeigte sich: Seit Ende der 1980er-Jahre sinkt bei den unter 50-Jährigen die Sterblichkeit am Schwarzen Hautkrebs. «Die Abnahme war in einigen Populationen ziemlich dramatisch, besonders in Australien, den USA und Nordeuropa», sagte Autier der Zeitschrift «Cancer World». «Uns hat überrascht, dass das Muster in allen hellhäutigen Populationen auftrat.» Den Befund hat er zusammen mit zwei Mitarbeitern bereits 2015 im Fachblatt «European Journal of Cancer» veröffentlicht. Die Publikation wurde jedoch vergleichsweise wenig wahrgenommen.

Risikojahrgänge 1935-1950

Der Rückgang bei den unter 50-Jährigen wird heute von den viel häufigeren Todesfällen bei den älteren Jahrgängen überlagert. In den üblichen Darstellungen der Daten ist in diesen Ländern deshalb in der Regel lediglich eine Stabilisierung der Hautkrebs-Sterblichkeit zu erkennen – bei steigender Zahl von Neuerkrankungen. Doch das könnte sich bald ändern. Die Forscher haben die Sterberaten nach Geburtsjahr berechnet und erhielten dadurch in den meisten untersuchten Regionen eine Glockenkurve mit einem Maximum bei den Jahrgängen 1935 bis 1950. «Wer in dieser Periode geboren wurde, hat das grösste Risiko, an einem Melanom zu sterben», so Autier.

Seit Jahren warnen Ärzte vor einer ­Zunahme von Hautkrebs und predigen Sonnenschutz und Solarium-Verzicht. Zumindest vordergründig stehen die ­Prognosen von Autier dazu in völligem Widerspruch. Trotzdem können sie nicht einfach als absurd abgetan werden. Der Franzose gilt als internationale Kapazität auf dem Gebiet der Krebsepidemiologie. Er betont zudem, dass der Rückgang nicht die Häufigkeit von Melanomen, sondern ausschliesslich die Todesfälle betreffe: «Die meisten Melanome sind nicht tödlich.» Nur ein Teil wächst so schnell in die Haut hinein, dass es für eine effektive Behandlung zu spät ist, wenn die Wucherung entdeckt wird.

Kein Freipass für Sonnenbrände

Autier und seine Forscherkollegen haben auch eine Hypothese, wieso es zum Anstieg und anschliessenden Rückgang gekommen sein könnte. Sie durchforsteten die wissenschaftliche Literatur und stiessen auf «eine unglaubliche Vorgeschichte mit UV-Bestrahlungen von kleinen Kindern, in der Absicht, ihre Gesundheit zu fördern». Die Praxis setzte ab dem Ersten Weltkrieg ein und ging in den 1950er- und 1960er-Jahren langsam zurück, als immer klarer wurde, dass es einen Zusammenhang zwischen Hautkrebs und ultravioletter Strahlung gibt.

Die französischen Forscher folgern daraus, dass man als Kind sehr inten­siver UV-Strahlung ausgesetzt sein muss, um später tödlichen Hautkrebs zu entwickeln. Bei einer Exposition ausschliesslich im Erwachsenenalter würden die besonders aggressiven Melanome nicht auftreten. «Der Grund, wieso es so lange dauert, bis tödliche Melanome sich entwickeln, hat mit unserem Immunsystem zu tun», erklärt Autier. «Es schützt uns vor Krebs, und wenn wir älter werden, wird es schwächer.» Dadurch würden das Wachstum und die Entstehung von abnormalen Zellen wahrscheinlicher.

Das klingt plausibel, trotzdem stösst Autier mit seiner Hautkrebs-Studie bei Kollegen auf Skepsis. Volker Arndt, Wissenschaftlicher Direktor des Schweizer Krebsregisters Nicer, hält einen «starken Rückgang eher für fraglich». Zwar zeigt sich auch in der Schweizer Krebsstatistik seit 1987 ein leichter Rückwärtstrend bei den 20- bis 49-Jährigen, wie der Krebsbericht 2015 festhält. Doch: «Die Frage, wie sich die Krebsmortalität in den kommenden 20 bis 30 Jahren entwickeln wird, lässt sich anhand der Daten nicht seriös beantworten», sagt er. Auch Alexander Katalinic, Krebsepidemiologe an der Universität Lübeck, ist skeptisch: «Sicher deuten die Daten auf einen Rückgang hin, aber ob es tatsächlich auch so kommt, ist unklar.» Vor allem der veränderte Umgang mit UV-Strahlung in den letzten 30 Jahren könne trotzdem einen Anstieg bewirken. Dass das Verhalten eine Rolle spielt, zeigt auch die Studie von Autier und Kollegen. In Südeuropa steigt darin die Hautkrebs-Sterblichkeit als einzige der untersuchten Regionen auch bei den Jahrgängen nach 1950 ­weiter an. Für Sabine Rohrmann vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich ist klar, warum: «Traditionellerweise hat man sich in diesen Ländern gut vor der Sonne geschützt.» Seit gut drei Jahrzehnten habe sich das jedoch geändert. Die Menschen setzten sich dort seither mehr ­intensiver Sonnenstrahlung aus und schützten sich dabei oft schlecht.

Auch für Autier ist seine Studie kein Freipass für Sonnenbrände. Wichtig sei vor allem, die Kinder vor intensiver Strahlung zu schützen. Mit Sorge betrachtet er die Popularität von Solarien bei Jugendlichen seit den 1990er-Jahren. «Wenn die Leute vor dem Alter von 16 Jahren in Solarien gehen, könnte das künftig dramatische Auswirkungen auf die Melanomsterblichkeit haben.»

Erstellt: 20.10.2016, 17:52 Uhr

Gesund durch UV-Strahlen

Eine Irrlehre mit Krebsfolge

Ultraviolette Strahlung galt bis in die 1970er-Jahre fälschlicherweise als gesund. Mediziner und auch die Werbung propagierten sie lange als ein Stärkungsmittel, das die Leistungsfähigkeit verbessert und dem Körper hilft, selber mit Krankheiten fertigzuwerden. Das Krebsrisiko der Strahlen wurde lange nicht ernst genommen. Weil sich das UV-Licht als Therapie gegen die Mangelkrankheit Rachitis als erfolgreich erwiesen hatte, bestrahlte man ab dem Ersten Weltkrieg in vielen Ländern Kinder prophylaktisch. Niklaus Ingold schilderte 2015 in seiner Dissertation für die Universität Zürich, wie zum Beispiel in Berlin Kinder in Tagesstätten bei «ungünstiger Witterung» mit künstlicher Höhensonne versorgt wurden. Der französische Epidemiologe Philippe Autier weiss von Ärzten in Paris und London, die bei Kindern UV-Prophylaxe praktizierten, indem sie mit ihren Strahlern in armen Vierteln von Wohnung zu Wohnung zogen. Autier ist überzeugt, dass die medizinische UV-Bestrahlung der Hauptgrund für heutige Hautkrebs-Todesfälle ist. Er räumt jedoch ein: «Zahlen zur Häufigkeit haben wir keine gefunden, wir können nur sagen, dass es weit verbreitet war.» Andere Experten sind skeptisch. «Es ist eine interessante Hypothese, aber die Daten zur Exposition fehlen», sagt etwa Alexander Katalinic, Krebsepidemiologe an der Universität Lübeck. (fes)

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