Heilsame Töne für Frühgeborene

Musiktherapeutin Friederike Haslbeck erforscht in der Neonatologie des Universitätsspitals Zürich, ob Musik bei Neugeborenen auch die Gehirnentwicklung fördert.

Friederike Haslbeck mit ihrem Monochord, Marin döst auf dem Bauch seiner Mutter Valdete Velija. Foto: Dominique Meienberg

Friederike Haslbeck mit ihrem Monochord, Marin döst auf dem Bauch seiner Mutter Valdete Velija. Foto: Dominique Meienberg

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Monitore piepsen, Türen gehen, und immer wieder kommt jemand herein und hantiert mit irgendetwas. In der Intensivabteilung der Neonatologie am Universitätsspital Zürich (USZ) ist es nie ruhig. Keine idealen Voraussetzungen für die viel zu früh ­geborenen Babys in den Inkubatoren. Nun hören sie statt dem Herzschlag der Mutter und dem beruhigenden Rauschen ihres Bluts plötzlich unbekannte Töne und müssen teils schmerzhafte Prozeduren über sich ergehen lassen. Das ist Stress pur.

Eines dieser Frühgeborenen ist der kleine Marin, am 29. Januar schon in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen, nur gerade 850 Gramm schwer. Wie ein zartes Vögelchen liegt er auf dem Bauch seiner Mutter Valdete Velija (34), einen Beatmungsschlauch in der winzigen Nase, Elektroden am Kopf und warm eingekuschelt. Leise rollt Friederike Haslbeck den Tisch mit ihrem Monochord neben den Liegesessel, in dem die Mutter liegt: Für die nächsten 20 Minuten wird die Musiktherapeutin mit dem zitherähnlichen Saiteninstrument einen beruhigenden Klangteppich legen, der Mutter und Kind umhüllt.

Sie hat das Monochord extra auf dieselbe Tonart gestimmt, in der auch die Monitore piepsen, damit keine Dissonanzen entstehen. Den Holzkorpus des Instruments stellt sie so hin, dass er den Ellenbogen der liegenden Mutter berührt: Die Töne erzeugen sogenannte ­vibroakustische Schwingungen, die sich über den Arm der Mutter auf das Baby übertragen und zusätzlich entspannend wirken. Friederike Haslbeck wirft einen Blick auf den Monitor und schaut dann zu Mutter und Kind, sie achtet stets ­genau auf die Reaktionen und passt ihren Rhythmus der Atmung des Babys an. Sie lässt die Finger über die vielen Saiten gleiten, leise perlen die Töne durch den Raum. Nach einer Weile beginnt sie zu summen.

Positiv für Babys und Eltern

Schon bald zeigen sich erste Auswirkungen auf dem Monitor: Herzfrequenz und Atmung des Kleinen werden ruhiger, die Sauerstoffsättigung im Blut steigt leicht an. Auf einmal beginnen sich die Miniaturfingerchen zu bewegen, öffnen und schliessen sich. Musik regt nicht nur die emotionalen und kognitiven Bereiche des Hirns an, sondern auch die ­motorischen. «Marin hat sogar meinen Zeigefinger festgehalten», strahlt die Mutter später.

Das zeigt die zweifach positive Auswirkung der Musiktherapie: Sie hat je nach Tempo eine entspannende oder sanft stimulierende Wirkung auf die Frühgeborenen. Und sie hilft gleich­zeitig den Eltern, die von der zu frühen Geburt oft völlig aus der Balance geworfen wurden, für einen Moment die Sorgen abzulegen. So können sie sich auf ihr Kind einlassen und eine Bindung zu ihm aufzubauen.

Viele Eltern lassen sich von der Musiktherapeutin dazu ermuntern, ihrem Baby selber leise vorzusingen, und bekommen so das Gefühl, ihm etwas Gutes tun zu können, während sie sich sonst oft machtlos fühlen. «Musik ist wie ein Medikament ohne Nebenwirkungen», sagt Friederike Haslbeck. Deshalb gibt sie demnächst für und mit Eltern von Frühgeborenen ein Wiegenliederbuch heraus (www.amiamusica.ch).

«Musik ist wie ein Medikament 
ohne Nebenwirkungen.»
Friederike Haslbeck, Musiktherapeutin

Dass diese Form von kreativer Musiktherapie positive Auswirkungen auf ­Eltern und Babys hat, zeigen etliche Studien, vor allem aus den USA. Aber Hasl­beck möchte noch mehr beweisen: dass Musik sogar die Hirnentwicklung von Frühgeborenen messbar fördern kann. Die drei Monate vor der Geburt seien die allerwichtigsten eines Menschen für die Hirnreifung, erklärt sie. Und das sei oft problematisch, weil die hektische Umgebung der Neonatologie nicht gerade einen positiven Einfluss habe. «Musik hingegen fördert die Hirnentwicklung wie kein anderes Medium – ich hoffe, das lässt sich jetzt auch wissenschaftlich nachweisen.»

Sie und ihr Team haben dafür bei 60 Babys, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, in der 40. Woche einen Hirnscan gemacht. Die eine Hälfte hatte dreimal wöchentlich Musiktherapie erhalten, insgesamt mindestens zehnmal; die andere nicht. Die Resultate werden demnächst ausgewertet und im Herbst publiziert.

Ebenso gespannt wie Friederike Hasl­beck wartet Dirk Bassler, Direktor der Klinik für Neonatologie am USZ, auf die Ergebnisse: Er sei zwar ein Verfechter dieser Therapieform, sagt er, weil die positive Auswirkung häufig unmittelbar feststellbar sei. «Ich möchte aber gerne den Beleg sehen, wie sie genau wirkt und ob sich das in der Hirnentwicklung zeigt, denn ich setze auf beweisbare ­Methoden.» Er hofft, dass sich die Langzeitfolgen für die neurosensorische Entwicklung sogar noch bei der Nachkontrolle im Alter von zwei Jahren nachweisen lassen.

Mathias Nelle, der ehemalige Abteilungsleiter Neonatologie am Berner Inselspital, brauchte keinen Beweis, als er Friederike Haslbeck vor fünf Jahren von Zürich auch an das Berner Universitätsspital holte.

Beruhigender Gleichklang

«Die Kinder sind ruhiger, besser reguliert und brauchen weniger Sauerstoff», stellte er bald fest. Für ihn war schon ­damals klar: «Musiktherapie ist mehr als nur Placebo.» In der Fachwelt wird die Studie bei erfolgreichem Verlauf dennoch dazu beitragen, dass die Wirkung der kreativen Musiktherapie auch wissenschaftlich anerkannt wird.

Die junge Mutter Valdete Velija ­kümmert es nicht, ob die Studie einen Beweis erbringt: Soeben huscht zum ­ersten Mal ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie schaut ihren winzigen Sohn ­Marin liebevoll an, er liegt entspannt auf ihrem Bauch. Beide geniessen die gleichmässigen Töne des Monochords und das Summen von Musiktherapeutin Friederike Hasl­beck: Es bringt einen Moment Ruhe in die Intensivstation der Neugeborenenabteilung, das Piepsen der Monitore rückt in den Hintergrund.

Erstellt: 11.03.2018, 18:22 Uhr

Musiktherapie

Benefizkonzert in Zürich

Noch gut erinnert sich Arta Arnicane (35), wie sie sich vor drei Jahren fühlte, als ihr neugeborener Sohn Andrin plötzlich wegen Komplikationen auf die Neonatologische Intensivstation des Unispitals Zürich (USZ) verlegt werden musste. Ihr Sohn hat sich zum Glück gut erholt. Doch seither weiss die lettische Konzertpianistin, wie wichtig es ist, betroffenen Eltern in dieser Situation Ruhe und Nähe zum Kind zu ermöglichen.

Deshalb veranstaltete Arta Arnicane vor zwei Jahren ein Weihnachtskonzert in der Neo­natologie. «Es war unglaublich berührend. Musik schafft Natürlichkeit in dieser Kunstwelt der Neonatologie.»

Damit die Wirkung von Musiktherapie in der Neonatologie am USZ weiter erforscht werden kann, geben Arta Arnicane und ihr Mann, Cellist Florian Arnicans (38), diesen Samstag in Zürich ein Benefizkonzert. Denn die beiden sehen täglich bei ihrem Sohn, wie Musik die Entwicklung von Kindern anregt: Der Dreijährige zupft mittlerweile schon selber begeistert auf einem Mini-Cello – mit dem Schnuller im Mund. (clw)

Benefizkonzert Duo Arnicans: Samstag, 17. März, 17 Uhr, ref. Kirche Zürich-Oberstrass. Der Eintritt ist frei. Anmeldung: www.neonat.ch/benefizkonzert

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