Hirnforscher mit einer guten Nachricht

Neuropsychologe Lutz Jäncke hat mit seiner Forschung zur Erkenntnis beigetragen, dass das Gehirn sehr veränderbar ist. Das bedeutet, dass wir es sogar verjüngen können – wenn wir es benützen.

«Das Gehirn macht mir Spass», sagt der Zürcher Forscher Lutz Jäncke. Fotos: Raisa Durandi

«Das Gehirn macht mir Spass», sagt der Zürcher Forscher Lutz Jäncke. Fotos: Raisa Durandi

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«Denn sie können nichts dafür – Die Rolle des Frontalkortex bei der Reifung.» Unter diesem schmissigen Titel sprach Lutz Jäncke kürzlich im Geissberg­saal Wolfhausen über wilde Buben und fleissige Mädchen und was das für die Schule der Zukunft bedeutet. Der Vortrag war beim Elternpublikum ein Erfolg. Einen Monat später räumte er in der ­reformierten Kirche in Wetzikon ab mit dem Thema «Gene, Gott, Gesellschaft: Wer bestimmt die Geschlechterrollen?» und den damit verbundenen ­Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Jäncke, der seit 2002 an der Universität Zürich lehrt und forscht, ist einer der begehrtesten Vortragsredner in Sachen Gehirn, und er ist sich nicht zu schade, seine Erkenntnisse auch dem «gemeinen» Volk weiterzugeben.

«Das Gehirn macht mir Spass», sagt Jäncke. Und es fasziniert ihn auch nach 40 Jahren Forschung auf dem Gebiet noch jeden Tag. Wohl mehr als 100 Milliarden Nervenzellen arbeiten in diesem «Mikroversum» zusammen und lassen das entstehen, was wir Persönlichkeit, Bewusstsein, Vernunft, Moral oder Gefühle nennen. Es gibt zwar Kritiker, die ihm angesichts seiner unermüdlichen Vortragstournee eine Art Neurozentrismus vorwerfen: dass er alles über die Hirnforschung erkläre. «Das höre ich oft», kontert Jäncke. «Ich finde aber, dass es geradezu fahrlässig wäre, die Erkenntnisse der Hirnforschung nicht weiterzuvermitteln.» Die Neurowissenschaften seien mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem dieses Wissen gesellschaftlich relevant sei – zum Beispiel in der Bildungspolitik.

Lutz Jänckes Steckenpferd sind die professionellen Musiker und Menschen mit dem absoluten Gehör. Hier zeigen sich die Fortschritte der Hirnforschung besonders deutlich. Mittels neuer mathematischer Methoden lässt sich heute aus einem Elektroenzephalogramm die Netzwerkdichte von Hirnregionen herleiten, die eine solche Begabung bedingen. Dabei habe sich gezeigt, dass nicht die Aktivität einzelner Neuronen oder Neuronengruppen entscheidend sei, sondern wie dicht diese im Verbund arbeiten.

Das Gehirn kann jünger werden

«Das Musikhören ist darüber hinaus ein perfektes Modell des plastischen Gehirns», sagt Jäncke. Denn diese Verdichtung im Hörzentrum hat sich erst nach jahrelanger Ausübung der Tätigkeit herausgebildet. Plastizität des Gehirns, das bedeutet also nichts anderes, als dass das Denkorgan selbst im hohen Alter veränderbar ist, ja dass es eigentlich wieder jünger werden kann. «Das ist die gute Nachricht. Durch Lernen verhindern wir, dass der normale Degenerationsprozess eintritt.» Der Forscher nimmt ein lebensgrosses Plastinat-Modell einer menschlichen Gehirnhälfte – der linken – in die Hand und zeigt auf den vorderen gewundenen Teil. «Hier ist der Frontalkortex, hier denken, lernen, und entscheiden wir. Auch diese Regionen kann man trainieren.» Die Nervenzellen wollen benutzt werden, sonst verkümmern sie. «Use it or lose it», sagt Jäncke.

«Wiederholung ist die Mutter allen Lernens.»

Für den gebürtigen Deutschen, der vor kurzem auch Schweizer geworden ist, ist die Einsicht, dass das Hirn so dynamisch ist, eine der faszinierendsten Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte. Seine Forschung hat nicht unwesentlich dazu beigetragen. Er hat auch eine begründete Hypothese, wie das Gehirn dies zustande bringt. «Fire together, wire together», sagt Jäncke. In die Umgangssprache übersetzt: Das dichte Netzwerk baut sich fortlaufend auf, wenn es denn genutzt wird. Wenn Nervenzellen miteinander kommunizieren und Signale abfeuern, werden gleichzeitig Leitungen, Drähte, in Englisch «wires», angelegt, die Verbindungen werden gestärkt. Daraus leitet Jäncke das grund­legendste Lerngesetz ab: «Wiederholung ist die Mutter allen Lernens.»

Bleibt die Frage, ob diese kognitiven Fähigkeiten nicht mit der Intelligenz zu tun haben, die ein Mensch von Geburt an mitbekommt und als Intelligenzquotient in Tests erfasst werden kann? Jäncke kneift die Augen zusammen, er ist skeptisch. Was ihn an der Intelligenzforschung am meisten stört, ist deren Grundhaltung des Selektionierenwollens. «Menschen sind keine Erbsen», sagt Jäncke.

Kluge haben dichteres Netzwerk

Dabei sei auf Tests kein Verlass, weil deren Ergebnisse nicht allein von der Intelligenz, sondern auch stark von kulturellen Einflüssen bestimmt seien und zu falschen Schlüssen führten. Macht man zum Beispiel den gleichen Intelligenztest einmal in einem westlichen Industrieland und dann bei den Inuit, müssten die Resultate zum Schluss führen, dass alle Inuit minderintelligent seien. «Ein Inuit erkennt aber eine Robbe unter 10 Meter dickem Eis, während der Westeuropäer in der Eiswüste schon lange verhungert und erfroren ist», schmunzelt Jäncke, um die Absurdität der Intelligenztests vor Augen zu führen.

Jäncke anerkennt allerdings durchaus, dass Menschen unterschiedliche kognitive Fähigkeiten haben können. So konnte er in einer Studie zeigen, dass die Höhe des IQ von der Dichte des Nervennetzwerks im Arbeitsgedächtnis abhängt. «Es gibt keinen Zweifel daran, dass bestimmte Menschen herausragend begabt sind, aber im Normalfall macht es keinen Unterschied ob man IQ 110 oder 118 hat – und es sagt zum Beispiel wenig über die schulische Leistung von Kindern aus.»

Der knapp 60-jährige Neuroforscher hat selbst zwei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind. «Natürlich versuchten wir, die Erkenntnisse der Hirnforschung in unsere Erziehung einfliessen zu lassen, zum Beispiel, indem wir den Kindern die Musik nahebringen wollten.» Und doch sind die beiden Jungs ganz unterschiedlich herausgekommen. Der eine liebt Musik, der andere war eher eine Leseratte. Sein jüngerer Sohn, der Musikliebhaber, ist Anfang 20 und studiert an der HSG, sein älterer Sohn ist Mitte 20 und Medizinethiker – was immer wieder zu tollen Gesprächen führt, zum Beispiel über den freien Willen. «Aber seien wir ehrlich», sagt Jäncke, «das Allerwichtigste in der Erziehung ist doch, dass die Kinder geliebt werden.» Selbstverständlich wird auch dies von den Erkenntnissen der Hirnforschung gestützt.

Aber ist er da nicht doch zu sehr Reduktionist, der alles auf chemische und physikalische Vorgänge im Zentralorgan zurückführt? «Zu Beginn meiner Karriere ja», sagt Jäncke, «da liess ich nichts gelten, was nicht wissenschaftlich-biologisch erhärtet war.» Doch heute, auch als Folge seiner Forschung am Gehirn, glaubt Jäncke, dass die biografischen Erfahrungen, die Einflüsse der Umwelt unerlässlich sind für das Verständnis. «Ich bin vom ­Tiger zum Bettvorleger geworden», lächelt Jäncke. Und er zitiert sein Vorbild, den amerikanischen Psychologen Karl Lashley, der schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts postulierte, dass man den Menschen nur verstehen könne, wenn man sich nicht nur mit dem Gehirn, sondern auch mit dessen Kultur auseinandersetze.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2017, 18:51 Uhr

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