Hoffnung auf Schweizer Alzheimer-Medikament zerschlagen

Der Wirkstoff sollte das fortschreitende Vergessen bei 3200 Patienten aufhalten. Nun mussten die zwei Studien abgebrochen werden.

Die Forscher versuchten herauszufeinden, warum manche Alzheimerpatienten einen ungewöhnlich langsamen Krankheitsverlauf zeigen. (Bild: Reto Oeschger)

Die Forscher versuchten herauszufeinden, warum manche Alzheimerpatienten einen ungewöhnlich langsamen Krankheitsverlauf zeigen. (Bild: Reto Oeschger)

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Jetzt hat es auch den grössten Hoffnungsträger gegen die Alzheimerkrankheit erwischt. Gleich zwei grosse Patientenstudien mit einem in Zürich entwickelten Wirkstoff scheiterten. Das gab das US-Biotechunternehmen Biogen zusammen mit dem japanischen Kooperationspartner Eisai in einer Pressemitteilung bekannt.

Kurz nach der Ankündigung sackte der Aktienkurs von Biogen zeitweilig um mehr als 20 Prozent ab.

Die Patientenstudien mussten frühzeitig abgebrochen werden, da bereits vor Ende der Versuche deutlich geworden ist, dass das Studienziel nicht erreicht werden kann. Das Ziel war, bei den Patienten das fortschreitende Vergessen aufzuhalten.

Pfizer stieg aus

Bei dem Wirkstoff, den Biogen und Eisai getestet haben, handelt es sich um einen Antikörper, der im Gehirn der Alzheimerpatienten eine krankhafte Ablagerung, das Beta-Amyloid, unschädlich machen soll.

Ähnliche Ansätze haben zahlreiche Pharmafirmen verfolgt und sind alle gescheitert – zuletzt das Lausanner Unternehmen AC Immune zusammen mit Roche. Ende Januar hatten die beiden Schweizer Firmen das Aus für den Antikörper Crenezumab bekannt geben müssen.

Ein Paukenschlag war auch, als im letzten Jahr das weltgrösste Pharmaunternehmen Pfizer ankündigte, komplett aus der Erforschung der neurodegenerativen Erkrankungen, zu denen Alzheimer und Parkinson gehören, auszusteigen. Der Grund: Mittelfristig erwartete der US-Konzern keine Erfolge auf dem Gebiet.

Ungewöhnlich langsamer Krankheitsverlauf

Biogen und Eisai hofften auf einen besonderen Trumpf in der Hand. Tatsächlich hatten Forscher und Anleger die Studien mit Spannung erwartet. Denn der Antikörper Aducanumab war nach einem natürlichen Vorbild entwickelt worden. Forscher der Universität Zürich hatten eine speziellen Ansatz gewählt.

Statt zu schauen, was Patienten krank macht, analysierten sie, warum manche Menschen im Alter geistig fit bleiben. Oder warum manche Alzheimerpatienten einen ungewöhnlich langsamen Krankheitsverlauf zeigen. Das Team fand Hinweise auf einen bestimmten Antikörper, der die schädlichen Ablagerungen im Gehirn attackiert. Die Start-up Firma Neurimmune in Schlieren hat den Antikörper weiterentwickelt und Biogen die Lizenz erteilt.

Die je 1600 Patienten, die an den beiden Studien teilnahmen, hatten einmal monatlich den Antikörper als Infusion erhalten – ohne Erfolg.

110 neue Wirkstoffe im Test

«Diese enttäuschenden Neuigkeiten bestätigen, wie komplex es ist, die Alzheimerkrankheit zu behandeln und wie nötig es ist, weitere Erkenntnisse in den Neurowissenschaften zu gewinnen», sagte Michel Vounatsos, der CEO von Biogen in einer Presseerklärung. Biogen werde die Entwicklung von potentiellen Alzheimermedikamenten weiter verfolgen. Zwei weitere Studien mit dem Antikörper Aducabumab seien aber ebenfalls gestoppt worden und eine andere, die mit dem Wirkstoff geplant war, wird neu bewertet.

«Die Ergebnisse sind sehr enttäuschend für Alzheimerpatienten und ihre Angehörigen so wie für das gesamte Neurimmune-Team», sagt Roger Nitsch, CEO und Präsident von Neurimmune, in einer Pressemitteilung.

Obwohl in den letzten Jahren mehr als 100 Substanzen gegen die Alzheimerkrankheit in Studien scheiterten, geht die Suche nach einem Medikament weiter. Derzeit werden rund 110 neue Wirkstoffe in Patientenstudien getestet.

Weltweit sind 44 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen, in der Schweiz 144'000. Die Alzheimerkrankheit ist die häufigste Form der Demenz.

Erstellt: 21.03.2019, 18:47 Uhr

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