Herzchirurgen am Kinderspital fehlen hiesige Fachtitel

Keiner der Ärzte hat einen in der Schweiz anerkannten Facharzttitel in Herzchirurgie. Herz-Experte Peter Matt ist erstaunt über die Situation.

Um eine gute Qualität zu gewährleisten, sollte ein Herzzentrum mindestens 300 Operationen im Jahr durchführen, sagt Peter Matt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Um eine gute Qualität zu gewährleisten, sollte ein Herzzentrum mindestens 300 Operationen im Jahr durchführen, sagt Peter Matt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Nach dem Eklat in der Kinderherzchirurgie des Zürcher Kinderspitals, die in der Freistellung des Leiters Michael ­Hübler sowie der Entlassung eines ­Assistenzarztes gipfelte, stellt sich die Frage nach dem Knowhow der verbliebenen Ärzte. Sowohl der Interimsleiter als auch der Oberarzt haben keinen in der Schweiz anerkannten Facharzttitel für Herzchirurgie. Das Kispi verweist ­darauf, dass die beiden Ärzte entsprechende Facharzttitel aus Indien (Interimsleiter) und Österreich (Oberarzt) besitzen. Zudem habe die Gesundheitsdirektion bestätigt, dass der Versorgungsauftrag mit dem bestehenden Team sichergestellt ist.

Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Herz- und Thorakale Gefässchirurgie (SGHC) ist man kritischer: «Besitzt eine Person den Facharzttitel nicht, so darf diese nach meinem Wissen nur unter Aufsicht einer Person mit dem Facharzttitel einen Eingriff durchführen», sagt Peter Matt, Vizepräsident der SGHC. Das bestätigt der­ Ärzteverband FMH. Demnach brauchen Ärzte, die in fachlicher Verantwortung tätig sind, seit dem 1.1. 2018 für die Berufsausübungsbewilligung einen eidgenössischen Weiterbildungstitel oder einen anerkannten ausländischen Weiterbildungstitel.

Zu kleine Fallzahlen

René Prêtre, der seit Hüblers Weggang die beiden Kispi-Ärzte unterstützt und die schwierigen Herzoperationen durchführt, beurteilt den Interimsleiter trotz des fehlenden Titels als «guten Chirurgen». Landesweit gebe es nur eine Handvoll Kinderherzchirurgen, die eine Klinik ­führen könnten, sagt der Herzchirurgie-Chef des Unispitals Lausanne; der Interimsleiter gehört für ihn dazu.

Prêtre vertritt die Ansicht, dass zwei Zentren für Kinderherzchirurgie in der Schweiz ausreichend wären. Für die heute drei Standorte in Zürich, Bern und Lausanne/Genf gibt es zu wenig Fälle und zu wenig Fachleute. Die Zürcher Kinderherzchirurgie zählte letztes Jahr 224 Fälle, in Lausanne und Genf werden laut Prêtre jährlich rund 350 Kinder am Herz operiert, davon kommen etwa 150 durch Vermittlung von Hilfswerken aus dem Ausland. Das Inselspital Bern gibt keine Fallzahlen bekannt.

Prof. Dr. Peter Matt, Co-Chefarzt Herzchirurgie am Luzerner Kantonsspital und Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Herz- und Thorakale Gefässchirurgie (SGHC), äussert sich zu den Anforderungen der Herzchirurgie im Allgemeinen und zur Situation am Kinderspital im Speziellen.

Herr Matt, was halten Sie davon, dass an der Klinik für Kinderherzchirurgie in Zürich kein in der Schweiz anerkannter Facharzt für Herzchirurgie ­angestellt ist?
Es erstaunt mich, dass überhaupt eine Klinik für Kinderherzchirurgie ohne entsprechend aner­kannte Fachärzte besteht. Eigentlich wäre es selbstverständlich, dass jemand, der alleine einen Patienten am Herzen operiert, einen Facharzttitel für Herzchirurgie besitzt. Ich finde das ungewöhnlich.

Operateure brauchen zwingend einen Facharzttitel?
Diejenigen, die alleine operieren: ganz sicher! In Basel, wo ich ausgebildet wurde, konnte man nur mit dem Facharzttitel für Herzchirurgie Oberarzt werden.

Gibt es gesetzliche oder ­standesrechtliche Regelungen, die besagen, dass nur operieren darf, wer den entsprechenden Facharzttitel besitzt?
Die Verleihung des Facharzttitels für Herzchirurgie durch die FMH bestätigt die Qualifikation einer Person, um selbstständig eine Herzoperation durchzuführen. Besitzt eine Person diesen Facharzttitel nicht, so darf diese – meines Wissens – nur unter Aufsicht einer Person mit dem Facharzttitel einen solchen Eingriff durchführen. Es gibt also durchaus gesetzliche respektive standesrechtliche Regelungen für die Durchführung einer Herzoperation.

Was sind die Anforde­rungen für den Facharzttitel?
In der Schweiz muss man zuerst zwei Jahre Allgemeinchirurgie absolvieren, mit Ausbildung in verschiedenen allgemein-chirurgischen Fächern, auch in der Anästhesie und Intensivmedizin. Erst danach beginnt die eigentliche herzchirurgische Ausbildung. Diese dauert in der Regel vier bis sechs, manchmal auch bis acht Jahre, in denen man lernt, wie man ein Herz operiert. Dann macht man zuerst den Europäischen Facharzttitel, erst danach kann man auch die Schweizer Facharztprüfung ablegen. Primär ist das der Facharzttitel für Erwachsenen-Herzchirurgie, es gibt aber noch einen europäischen, der speziell für Kinder-Herzchirurgie ist.

Heisst das, dass es in der Schweiz keinen Facharzttitel für Kinderherzchirurgie gibt?
Nein, diesen Titel gibt es nicht. Es gibt nur eine Spezialisierung in Kinderherzchirurgie. Das ist schon etwas speziell.

Bei Kindern spielen zum Beispiel angeborene Herzfehler eine sehr grosse Rolle, viel mehr als bei Erwachsenen.
Ja, das ist richtig. Bei Erwachsenen haben wir andere Krankheitsbilder, altersbedingte Abnutzungen der Herzklappen zum Beispiel, an den Herzkranzgefässen oder an der Hauptschlagader. Bei Kindern sind es oft strukturelle Probleme, die diese Herzen haben.

Welche Rolle spielen Operationen von angeborenen Herzfehlern in der Ausbildung zum Facharzt?
Es gibt einfachere Herzfehler bei Kindern, die man aber erst später im Erwachsenenalter diagnostiziert. Das sind zum Beispiel kleine Löcher im Herzen zwischen den Vorkammern oder den Hauptkammern. Diese muss man bei Erwachsenen operieren können, um den Facharzttitel zu erhalten.

Wie viele Operationen muss man gemacht haben, um den Facharzttitel zu erhalten?
Das sind insgesamt etwa 100 bis 150 Herzoperationen, die man unter Aufsicht gut gemacht haben muss. Erst dann kann man sich für die Europäische Facharztprüfung anmelden. Die ist aber nur theoretisch. Für den Schweizer Facharzttitel muss man vor Experten operieren. Da gab es auch schon Ärzte, die das dann nicht bestanden haben.

Das klingt anspruchsvoll.
Ja, absolut! Der Facharzttitel für Herz- und thorakale Gefäss­chirurgie ist einer der anspruchsvollsten.

Wo lernt denn ein Facharzt für Herzchirurgie, die schweren angeborenen Herzfehler bei Kindern zu operieren?
Man lernt Herzoperationen grundsätzlich nur an Zentren, in denen es hohe Fallzahlen gibt. Dies ist in der Schweiz ein Problem. In Deutschland, Frankreich oder England hat es einfach viel mehr Herzpatienten. Deshalb gehen viele Herzchirurgen für eine gewisse Zeit ins Ausland, um sich die entsprechenden Fähigkeiten anzueignen. Die grossen Zentren in Deutschland machen bis zu zehnmal mehr Operationen als die Zentren in der Schweiz.

Wie sieht ein modernes Herzzentrum aus?
Bei einem Herzzentrum geht es um Folgendes: Ein Kind oder ein Erwachsener kommt ins Spital und durchläuft dann im Herzzentrum verschiedene Stationen. Zuerst kommt die Diagnostik, dann die Behandlung und schliesslich die Nachsorge – auf der Intensivstation, im Spital oder auch wieder zu Hause. Das alles kann eine Fachrichtung alleine nicht leisten. Deshalb besteht ein Herzzentrum aus Ärzten verschiedenster Fachrichtungen. Das Schwierige ist die professionelle Zusammenarbeit, auch die Kommunikation. Idealerweise sollen alle bei der Betreuung der Patienten am selben Strick ziehen. Das ist nicht immer ganz einfach. Es ist daher wichtig, dass die Verantwortlichen eine qualitativ hochstehende Ausbildung und ähnliche Ansichten zur Behandlung haben. Bevor wir einen Patienten operieren, müssen wir schon wissen, was man erreichen möchte.

In Deutschland existieren Richtlinien, wie eine Kinderherzchirurgie organisiert sein muss. Gibt es etwas Vergleichbares auch in der Schweiz?
Unsere Leitlinien werden oft in Zusammenarbeit mit der deutschen Fachgesellschaft erarbeitet. Wie es sich konkret bei der Kinderherzchirurgie verhält, weiss ich nicht, aber sehr oft arbeiten wir eng zusammen.

Wie viele Operationen sollte ein Herzzentrum durchführen, um einen gewissen Qualitätsstandard zu gewährleisten?
Für die Kinderherzchirurgie kann ich es nicht genau sagen. Bei den Erwachsenen sollten es schon 300 bis 500 Operationen sein pro Jahr. Nur so kann man garantieren, dass die Patienten gut versorgt sind. In der Schweiz ist das nicht überall der Fall.

Die deutschen Richtlinien fordern eine separate Intensivstation, die nur für das Herzzentrum zuständig ist. Wie sieht das in der Schweiz aus?
Vor 20 Jahren hatten wir Intensivstationen nur für die Herzchirurgie. Heute haben wir eher grosse Intensivstationen mit verschiedenen Patienten. Da fehlt die Spezialisierung. In Zukunft geht es wahrscheinlich wieder zurück in Richtung von spezialisierten Intensivstationen. Weil die Eingriffe so komplex geworden sind, braucht es eine gewisse Spezialisierung, sei es fürs Herz oder für andere spitzen­medizinische Eingriffe.

Zurück zum Kinderspital. Dort steht ja der vom Kinderspital bestrittene Vorwurf im Raum, dass der jetzige Interimsleiter dem entlassenen Assistenzarzt A. S. beim gemeinsamen Operieren wiederholt Stich­verletzungen zugefügt habe. Wie häufig sind Verletzungen zwischen Operateuren?
Sehr selten. Falls das sogar absichtlich passiert ist . . . also so etwas habe ich noch nie gehört oder erlebt. Unabsichtlich kann es sehr selten schon mal passieren. Schliesslich arbeiten wir mit spitzen Instrumenten.

Erstellt: 25.04.2019, 06:31 Uhr

Prof. Dr. Peter Matt, Co-Chefarzt Herzchirurgie am Luzerner Kantonsspital und Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Herz- und Thorakale Gefässchirurgie (SGHC). Foto: PD

Zwist am Kinderspital

In der Abteilung für Kinderherz­chirurgie des Kinderspitals Zürich rumort es. Im November 2018 wurde der Leiter Michael Hübler von all seinen ärztlichen Pflichten per sofort freigestellt. Letzte Woche nun wurde publik, dass Anfang 2019 auch dem Assistenzarzt A. S. gekündigt wurde. Dieser hat eine Strafanzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede gegen drei leitende Ärzte des Kinderspitals eingereicht. Zudem befindet er sich seit dem 1. April im Hungerstreik. (nw)

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