«Ich hatte Angst, unser Sohn könnte ersticken»

Bei Pseudokrupp fangen Kleinkinder plötzlich bellend an zu husten. Was gegen die Kehlkopf-Infektion hilft.

Unter Pseudokrupp leiden vor allem Kinder zwischen anderthalb und fünf Jahren: Ein Kind mit Husten. Foto: Getty Images

Unter Pseudokrupp leiden vor allem Kinder zwischen anderthalb und fünf Jahren: Ein Kind mit Husten. Foto: Getty Images

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Beatrice Kunz wurde vom Husten ihres dreijährigen Sohnes aus dem Schlaf gerissen. «Er gab pfeifende Geräusche von sich und fing an, nach Luft zu ringen», erinnert sich die 38-jährige Mutter an den nächtlichen Vorfall im vor­letzten Winter. In Panik weckte sie ihren Mann. «Ich hatte Angst, unser Sohn könnte ersticken, und wusste nicht, was zu tun ist.» Die Eltern riefen den Notfallkin­derarzt an. Als dieser am Telefon die Hus­tengeräusche hörte, vermutete er sogleich einen Pseudokrupp.

Pseudokrupp, in der Fachsprache «La­ryngotracheitis», ist eine Infektion des Kehlkopfes und der Luftröhre, die durch Erkältungsviren ausgelöst wird. Den selt­samen Namen verdankt die Krankheit der Tatsache, dass sie dem echten «Krupp-Husten», der Diphtherie, ähnelt. Gegen diese schwere Infektionskrankheit kann man sich impfen lassen. Deswegen kommt sie bei uns seit 1983 nicht mehr vor.

Vor allem in den Herbst- und Winter­monaten häufen sich auf den Notfallsta­tionen die Fälle von Pseudokrupp, dabei handelt es sich vorwiegend um Kinder zwischen anderthalb und fünf Jahren. Rund jedes siebte Kind dieser Altersgrup­pe erkrankt ein- oder mehrmals daran. Oft geht dem Pseudokrupp eine leichte Erkältung mit Halsweh und Schnupfen voraus. In den Abendstunden oder nachts fangen die Kinder plötzlich bellend an ­zu husten. Typisch sind zudem pfeifende Geräusche beim Einatmen und in schwe­reren Fällen Atemnot. Denn die Viren lassen die Schleimhäute im Bereich des Kehlkopfes und der Luftröhre anschwel­len, sodass weniger Luft durchkommt. «Da Kinder noch kleinere, engere Atem­wege haben, gibt es schneller Probleme mit der Atmung», sagt Georg Staubli, Lei­ter der Notfallstation des Kinderspitals Zürich. «Erwachsene mit einer Kehlkopf- und Luftröhrenentzündung leiden meist nur unter Heiserkeit.»

Kinder von Rauchern gefährdeter

Inzwischen wissen die Mediziner, dass Schadstoffe in der Luft die Erkrankung begünstigen können. So leiden Kinder, die in Raucherwohnungen aufwachsen, häu­figer unter Pseudokrupp. Auch das Ge­schlecht hat einen Einfluss: Bei Jungen treten die Hustenanfälle etwas häufiger auf als bei Mädchen, der Grund dafür ist unbekannt.

Diagnostiziert wird die Krankheit auf­grund ihrer charakteristischen Hustenge­räusche und der pfeifenden Einatmung. Um andere, schwerere Infektionen auszu­schliessen, wird meist noch der Rachen untersucht und die Lunge abgehört.

«Studien haben gezeigt, dass feuchte Luft alleine die Symptome nicht verbessert.»Georg Staubli, Kinderarzt

Der Notfall-Kinderarzt konnte Bea­trice Kunz und ihrem Mann die Angst etwas nehmen. Er riet ihnen, möglichst ruhig zu bleiben, sich mit dem Kind auf den Balkon zu setzen und mit ihm zu ku­scheln. «Aus Erfahrung wissen wir, dass die frische, kalte Winterluft den Kindern guttut», erklärt der Kinderarzt Georg Staubli. Noch viel wichtiger sei es jedoch, als Eltern Ruhe auszustrahlen. «Solche Hustenanfälle sind schmerzhaft und beunruhigen das Kind», sagt er. «Durch die Aufregung atmet es schneller und kriegt dadurch noch schlechter Luft. Das ist ein Teufelskreis.» Umso mehr braucht das Kind Eltern, die ihm Ruhe und Sicherheit vermitteln.

Manche Ärzte raten dazu, mit dem Kind ins Badezimmer zu gehen und die Dusche anzustellen, weil feuchte Luft die Symptome lindern soll. «Früher gab es auf unserer Notfallstation deshalb sogar Luft­befeuchter», erinnert sich Georg Staubli. Doch das ist Geschichte. «Studien haben gezeigt, dass feuchte Luft alleine die Symptome nicht verbessert», sagt der Kinder­arzt. Der Badezimmer-Trick wirke manchmal wahrscheinlich trotzdem, weil Eltern etwas tun können und deshalb ru­higer werden, was sich wiederum auf das Kind überträgt.

Beatrice Kunz befolgte den Rat des Notfallarztes, und der Husten ihres Soh­nes wurde bald besser. «Auf Empfehlung des Arztes gaben wir ihm noch ein Schmerzmittel und legten uns mit ihm ins Bett. Nach wenigen Minuten schlief er friedlich.»

Kann Hustenanfälle lindern: Ein Spaziergang an der frischen Luft. Foto: iStock

Wird der Husten draussen in der Kälte nicht besser, ist es ratsam, einen Arzt an­zurufen. Viele Gemeinden sind einem ärztlichen Notfalldienst angeschlossen. Zudem verfügen verschiedene Kinderspi­täler über Notfallnummern, die schweiz­weit angerufen werden dürfen. Bei schwe­rer Atemnot sollten Eltern sofort die Nummer 144 wählen. «Selber ins Spital zu fahren, ist keine gute Idee, im schlimms­ten Fall bauen aufgeregte Eltern einen Un­fall», sagt Georg Staubli. Zeichen einer schweren Atemnot sind Einziehungen oberhalb des Brustbeines und zwischen den Rippen, Blauverfärbung der Haut so­wie Trinkverweigerung. «Solch schwere Fälle von Pseudokrupp sind zum Glück eher selten», sagt der Kinderarzt.

Noch seltener ist die sogenannte Kehl­deckelentzündung, eine lebensbedroh­liche Erkrankung, die dem Pseudokrupp ähneln kann, aber vom Bakterium «Hae­mophilus influenzae B», kurz HIB, ausge­löst wird. Die allermeisten Kinder sind gegen diese Erkrankung, die mit hohem Fieber einhergeht, geimpft.

Behandlung im Spital mit Cortison

Im Spital wird der Pseudokrupp in der Regel mit Cortison behandelt. Das Medi­kament bewirkt innerhalb von sechzig Minuten ein Abschwellen des entzünde­ten Kehlkopfes und der Luftröhre. «Viele Eltern haben Bedenken gegenüber Corti­son», sagt Georg Staubli. Doch eine Ein­malgabe zeigt praktisch keine Neben­wirkungen. «Diese treten erst bei längerfristiger Anwendung oder hohen Dosen auf.»

Manchmal braucht es auch eine Inha­lations-Therapie mit dem Hormon Adre­nalin, das die Atemwege innert weniger Minuten abschwellen lässt. Je nachdem, wie es dem Kind geht, bleibt es danach zur Überwachung im Spital oder darf wieder nach Hause.

Beatrice Kunz suchte mit ihrem Sohn am Tag nach dem Vorfall die Kinderärztin ihres Sohnes auf. Diese bestätigte die Dia­gnose Pseudokrupp und stellte ein Rezept für ein Cortison-Präparat aus. «Seit wir das Mittel daheim haben, hatte mein Sohn keinen nächtlichen Hustenanfall mehr», sagt Beatrice Kunz. Auch Georg Staubli vom Kinderspital Zürich gibt den Eltern meist ein Cortison-Präparat mit nach Hause. «Falls der Pseudokrupp wieder auftaucht, haben sie ein Mittel griff­bereit, das die Beschwerden des Kindes schnell lindert.» In der Regel ist der ­Pseudokrupp nach maximal zwei Nächten ausgestanden – und die Eltern können beruhigt aufatmen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 06.12.2018, 17:03 Uhr

Was erkälteten Kindern guttut


  • Auch ein erkältetes Kind darf nach draussen gehen, solange es sich nicht schlapp fühlt und kein Fieber hat. Et­was Bewegung an der fri­schen Luft tut ihm sogar gut. Wichtig ist dabei, dass das Kind nicht friert. Sonst wird der Körper weniger durchblu­tet, was die Arbeit des Immunsystems erschwert.

  • Kinder brauchen meist viel Nähe, wenn sie krank sind. Liebe und Zuwendung in entspannter Umgebung unter­stützen ihre Genesung.

  • In der Nacht haben Kinder mit Schnupfnasen oft Mühe zu schlafen. Nasentropfen oder -sprays lassen die Na­senschleimhaut abschwellen und erleichtern die Atmung. Sie sollten jedoch nicht län­ger als eine Woche angewen­det werden. Um die Nase von Schleim zu befreien und zu befeuchten, eignen sich Meerwassersprays sowie Dampfinhalationen mit Salz.

  • Bei leichten Halsschmer­zen hat sich Salbei- oder Ka­millentee bewährt. Für ältere Kinder eignen sich Bonbons oder Lutschtabletten mit schmerzlindernden und des­infizierenden Wirkstoffen. Ist das Halsweh stark, helfen auch Schmerz­mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol.

  • Der Nutzen von medika­mentösen Hustenstillern ist nicht ausreichend durch Stu­dien belegt. Zudem können sie in seltenen Fällen schwere Nebenwirkungen haben. Insbesondere bei kleinen Kin­dern wird davon abgeraten. Viele Kinderärzte empfehlen, stattdessen lieber zu Tee oder Milch mit Honig (Achtung: nicht für Babys unter einem Jahr) zu grei­fen. Eine US-Studie an 105 Kindern zeigt, dass Buch­weizenhonig einen besseren hustenstillenden Effekt hatte als ein Husten­saft mit dem gängigen Wirk­stoff Dextromethorphan.

  • Sind Kinder durch hohes Fieber stark mitgenommen, können Medikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen (Babys ab drei Monate) Lin­derung verschaffen. Ausser­dem helfen sie gegen Schmerzen wie Ohren- oder Halsentzündungen.

Notfallnummern

Beratungstelefon Kinderspital Zürich:
Be­wohner Kanton ZH: 0800 33 66 55
Ausserkantonal: 0900 26 67 11 (3.23 Fr.*)

Helpline Universitäts-Kinderspital Basel:
0900 712 712 (3.23 Fr.*)

Kinderärztliche Beratung Inselspital Bern:
0900 632 927 (0.95 Fr.*)

* pro Min.

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