Immer müde und schlapp?

Wenn Sie ständig müde sind und ohne Antrieb, dann könnten die Schilddrüse dahinterstecken.

Patientin Susanne Schneider lässt sich von Chirurg Georg Wille den kleinen Eingriff an ihrer Nebenschilddrüse erklären. Foto: Samuel Schalch

Patientin Susanne Schneider lässt sich von Chirurg Georg Wille den kleinen Eingriff an ihrer Nebenschilddrüse erklären. Foto: Samuel Schalch

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Fast zehn Jahre litt Susanne Schneider unter unerklärlichen Verstimmungen. Immer war die heute 57-jährige Zürcherin schlapp, müde und reizbar. Das belastete nicht nur sie, sondern auch Familie und Freunde. «Allerdings fühlte ich mich nicht so krank, dass ich mich hätte ins Bett legen müssen. Es war einfach, als ob der Stecker rausgezogen gewesen wäre», erinnert sie sich. Wenn man über 50 sei, werde ja ohnehin alles auf die Meno­pause abgeschoben, sagt sie. Die Symptome verschlimmerten sich in der Folge jedoch und deuteten auf eine Depression hin.

Verkannte Nebenschilddrüse

Als sie dann wegen einer beginnenden Osteoporose in ärztlicher Behandlung war, stellte sich aufgrund einer Blutkontrolle heraus, dass etwas mit den Hormonen nicht stimmte. Rasch fiel der Verdacht auf die Schilddrüse. Doch Fehlanzeige. Ein Spezialist fand schliesslich die wahre Ur­sache: Übeltäterin war die benachbarte Nebenschilddrüse. Sie besteht aus vier linsengrossen Drüsen, die hinter der Schilddrüse liegen. Die Nebenschilddrüse reguliert das Kalzium im Blut, einen wichtigen Baustoff für die Knochen. Die weitaus grössere Schilddrüse selbst hat ihren Sitz unter dem Kehlkopf. Sie produziert hauptsächlich Hormone für den Energiehaushalt, die auch Aktivierungshormone genannt werden und viele Stoffwechselabläufe im Körper regulieren.

Gegen 90'000 Menschen, also rund ein Prozent der Schweizer Bevölkerung, leiden an einerStörung der Schilddrüse oder Nebenschilddrüse, mehrheitlich Frauen ab 40. Nach Diabetes sind Schilddrüsenstörungen die zweithäufigste Stoffwechselerkrankung. Weil die Symptome wie Müdigkeit und Antriebslosigkeit sehr allgemein sind und nur schleichend auftreten, geht es oft lange bis zur Diagnose.

«Heute habe ich wieder viel mehr Energie als vor der Behandlung.»Susanne Schneider

«Unterschätzt wird vor allem die Häufigkeit einer Nebenschilddrüsenerkrankung bei Frauen nach der Menopause», sagt Jan Krützfeldt, Hormon­spezialist am Universitätsspital Zürich. Ursache ist eine gutartige Geschwulst auf der Nebenschilddrüse, die das Hormon produziert, das den Kalzium­gehalt im Blut ansteigen lässt. Da das Kalzium hierfür aus den Knochen abgezogen wird, droht bei Nebenschilddrüsenerkrankungen eine Osteoporose. Ein dauernd zu hoher Kalziumgehalt im Blut schädigt wiederum Blutgefässe und Organe wie die Nieren. Hinzu kommen allgemeine Beschwerden wie Verstimmungen und Verdauungsstörungen.

«Das Lokalisieren der Geschwulst ist wegen ihrer Kleinheit von knapp einem Zenti­meter schwierig», sagt Georg Wille, Spezialist für Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenchirurgie in der Klinik Pyramide am See in Zürich. Er war es auch, der Susanne Schneider schliesslich operierte. In milden Fällen von Nebenschilddrüsenerkrankungen reicht zwar eine medikamentöse Therapie. Meist ist jedoch – wie eben bei Susanne Schneider – die operative Ent­fernung der Geschwulst der einzige Weg dazu, die Ursache des Leidens nachhaltig zu beseitigen. Laut Chirurg Wille handelt sich dabei aber um einen kleinen, risikoarmen Eingriff: Nötig sei ein Schnitt von lediglich zwei Zentimetern, der nach wenigen Monaten nicht mehr sichtbar sei. In den meisten Fällen normalisiert sich danach der Kalziumspiegel im Blut rasch, und die Symptome klingen ab. Die Kosten für den Eingriff übernehmen die Krankenkassen.

Susanne Schneider unterzog sich vor einem halben Jahr dieser Operation. Heute ist sie zufrieden. «Es wurde zwar nicht schlagartig besser, sondern erst allmählich. Jetzt habe ich aber wieder viel mehr Energie», sagt die berufstätige Mutter zweier Kinder.

Die gestörte Schilddrüse

Ähnliche Beschwerden wie die Nebenschilddrüsen kann auch die eigentliche Schilddrüse verursachen. Betroffen sind auch hier mehrheitlich Frauen. Eine Störung der Schilddrüse spürt man daran, wenn der Energiehaushalt aus dem Gleichgewicht gerät: Zu viele Aktivierungs­hormone bei einer Überfunktion führen zu einer Überreizungdes Energiehaushaltes. Man schwitzt, ist nervös, isst mehr, nimmt aber trotzdem ab und hat häufig Durchfall.

Bei der selteneren Schild­drüsenunterfunktion tritt das Gegenteil ein: «Wie bei einem Winterschlaf von Tieren sinkt die Leistungskurve, der Energiebedarf der Zellen nimmt ab, man friert und ist müde», erklärt Hormonspezialist Krützfeldt.

Schilddrüsenstörungen und Probleme der Nebenschilddrüse entwickeln sich meist langsam über Monate oder Jahre, und der Körper gewöhnt sich daran. «Die Symptome sind deshalb nur schwer zu finden», sagt Krützfeldt. Hingegen würden heute verlässliche Laboruntersuchungen einen Verdacht sicher ausräumen – oder aber bestätigen. Eine Unsicherheit oder gar Verwechslung von Diagnosen sei jedenfalls nicht zu befürchten.

Die Ursachen solcher Störungen lassen sich bis heute nicht genau bestimmen. «Die Schilddrüse steht allerdings unter genauer Beobachtung des Immunsystems, wahrscheinlich mehr als andere Organe», gibt der Hormonexperte zu bedenken. Diese Kontrolle könne schnell einmal überschiessen und dann die Schilddrüse entweder hemmen oder stimulieren. Eine Zunahme der Erkrankungen be­obachtet Jan Krützfeldt nicht, aber er stellt fest: «Verbesserte und häufiger durchgeführte Laboruntersuchungen führen zu mehr Diagnosen.»

Hormone als Therapie

Eine Schilddrüsenerkrankung sollte so früh wie möglich be­handelt werden, damit bleibende Schäden verhindert werden. Für die Schilddrüsenunterfunktion steht ein Hormonersatz zur Verfügung. Diese Therapie hat keine Nebenwirkungen, sofern sie in der richtigen Dosierung durchgeführt wird.

Schwieriger zu behandeln ist die Überfunktion: Wenn eine Entzündung als Ursache vorliegt, versucht man, diese zu hemmen. Man wendet ein Medikament an, das die Hormonproduktion drosselt und gleichzeitig das Immunsystem beruhigt, bis es meist zu einer Abheilung der Entzündung kommt.

Sorgt ein Schilddrüsenknoten, ein sogenannter Kropf, für eine Überproduktion, kann auch diese medikamentös kontrolliert werden. Eine dauerhafte Therapie erfordert aber, dass der «Kropf» entweder operativ entfernt oder mit einer Radiojod­therapie ausgeschaltet wird.

Forschungsbedarf besteht vor allem bei der Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion. In Zukunft wird vielleicht die Verödung des Schilddrüsenknotens mittels Ultraschall oder Hitze eine bedeutendere Rolle spielen. Noch fehlen allerdings Studien über den längerfristigen Nutzen dieser Methoden.

Erstellt: 15.12.2019, 18:16 Uhr

So erkennen Sie Schilddrüsenstörungen – und das können Sie selbst tun

Erkrankungen der Schilddrüse oder Nebenschilddrüse können die Organe schädigen. Deshalb sollte eine Behandlung rasch erfolgen. Allerdings lassen sich die Symptome nicht so leicht er­kennen und zuordnen, denn sie sind recht allgemeiner Natur
und können immer auch andere Ursachen haben. Wenn sie jedoch kombiniert und gehäuft auf­treten, empfiehlt es sich, ärztlichen Rat einzuholen. Hier die ­typischen Warnsignale.

Nebenschilddrüsenerkrankung:

schwere Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Depressionen, Leistungsschwäche, Muskelschmerzen, die nicht auf Antirheumatika reagieren.

Schilddrüsenüberfunktion:

Gewichtsverlust trotz guten Appetites, häufige und manchmal durchfallartige Darmentleerungen, Unruhe und Nervosität, verstärktes Schwitzen sowie warme Haut, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen.

Schilddrüsenunterfunktion:

Müdigkeit trotz genügend Schlaf, Kälteempfindlichkeit, Körper­gewichtszunahme ohne ver­änderte Ernährung, Verstopfung, Muskelschwäche.

Bei einzelnen Krankheitsausprägungen der Schilddrüse und der Nebenschilddrüse kommen neben Medikamenten auch operative Eingriffe oder Radiojodtherapien infrage.
Und was kann man selbst tun? Der Lebensstil hat wenig direkten Einfluss auf Erkrankungen – weder auf jene der Schilddrüse noch auf jene der Nebenschilddrüse. «Weil sich bei den meisten Betroffenen keine genauen Ursachen ausmachen lassen, kann man auch nicht von einer wirksamen Prophylaxe sprechen», sagt der Hormonspezialist Jan Krützfeldt vom Universitätsspital Zürich.

Sicher sinnvoll ist aber eine ausreichende Jodzufuhr: Sie verhindert eine Schilddrüsenunterfunktion und damit eine Kropfbildung. Gute Jodquellen sind Meerfische (Kabeljau, Seelachs), Muscheln, Algen. Aber auch Broccoli, Milchprodukte und Pilze enthalten reichlich Jod. Bei der Wahl des Speisesalzes darauf achten, dass es jodiert ist. Einen Zusammenhang gibt es auch zwischen Schilddrüsenkrankheiten und Nikotin: Nicht zu rauchen, ist also ratsam. (mü)

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