Irrtümer gehören zum Wesen der Wissenschaft

Der Prionen-Forscher Adriano Aguzzi antwortet Kritikern, welche die medizinische Forschung in einer Glaubwürdigkeitskrise sehen: Fehlschlüsse sind ein wesentliches Merkmal des wissenschaftlichen Schaffens.

«Nur eine Arbeitskultur, welche die akademische Freiheit schützt und allfällige Irrwege nicht bestraft, erlaubt den Wissenszuwachs durch die Forschung», sagt Adrian Aguzzi. Foto: Keystone

«Nur eine Arbeitskultur, welche die akademische Freiheit schützt und allfällige Irrwege nicht bestraft, erlaubt den Wissenszuwachs durch die Forschung», sagt Adrian Aguzzi. Foto: Keystone

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Reto Obrist, Onkologe und Aufsichtsrat der Medikamentenzulassungsbehörde Swissmedic, liebt deutliche Worte. In einem Meinungsbeitrag konstatierte er vergangene Woche im Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine «Glaubwürdigkeitskrise» der biomedizinischen Forschung. Zu oft seien Resultate aus Laborexperimenten und klinischen Studien an Patienten falsch und nicht reproduzierbar, schreibt Reto Obrist. Eine alarmierende Einschätzung, mit welcher er keineswegs alleine dasteht. Die Zeitschrift «Nature», das wohl einflussreichste Fachjournal der Naturwissenschaften, widmet ein umfangreiches Dossier den Tücken der nicht allzu genauen Forschung und fordert die Forscher auf: «You must try harder»! Ganze 28 Milliarden Dollar soll die fehlerhafte Forschung jedes Jahr kosten.

Doch all die Kritiker vergessen eines: Fehlschlüsse und widersprüchliche Resultate sind nicht ein lästiges Nebenprodukt der Forschung, sondern stellen ein wesentliches Merkmal des wissenschaftlichen Schaffens dar. Namhafte Philosophen, von David Hume bis Karl Popper, haben schon lange festgestellt, dass sich wissenschaftliche Theorien letztlich ­niemals beweisen lassen, sondern nur widerlegt werden können. Auch der Schweizer Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel sagte mir einmal, seine eigene Forschung widerspiegele lediglich den «aktuellen Stand des Irrtums».

Der Fehlschluss war unvermeidlich

Diese Falsifizierbarkeit kann den unterschiedlichen Ausgang desselben Experiments in verschiedenen Labors erklären. Ein aktuelles Beispiel aus meinem Gebiet: Brasilianische Forscher veröffentlichten kürzlich, dass das Prion-Gen uns nicht nur tödliche Krankheiten beschert (zum Beispiel den Rinderwahnsinn), sondern Makrophagen (Fresszellen) davon abhält, rote Blutkörperchen des eigenen Körpers zu verzehren. Weil uns diese Behauptung erstaunlich erschien, wiederholte mein Mitarbeiter Mario Nuvolone die südamerikanischen Experimente in Zürich – und konnte nichts dergleichen feststellen.

Hatten die Brasilianer also gelogen? Mitnichten. Mario Nuvolone entdeckte, dass die von ihnen verwendeten Labormäuse eine Besonderheit in einem weiteren Gen aufwiesen, welches für ihre Beobachtung verantwortlich war. Weil die Funktion des zweiten Gens bis anhin unbekannt war, konnten unsere südamerikanischen Kollegen gar nicht anders, als einen Fehlschluss zu publizieren. Erst die Diskrepanz zwischen ihren und unseren Ergebnissen führte zu einem Erkenntniszuwachs. Die fehlende Reproduzierbarkeit eines Forschungsergebnisses führte zu einem Wissenssprung.

Die Forderung, Wissenschaftler sollen tunlichst keine Fehler machen, ist deswegen reichlich naiv. Denn die biomedizinische Forschung, wenn sie seriös und originell ist, dringt in bis anhin unbekannte Bereiche vor – aber «man kann nicht mehr wissen, als man weiss» (Karl Popper). Nur eine Arbeitskultur, welche die akademische Freiheit schützt und allfällige Irrwege nicht bestraft, erlaubt den Wissenszuwachs durch die Forschung.

Die Schlüsselrolle der Kontrollexperimente

Damit soll natürlich kein Freipass für schlampige Forschung erteilt werden. Es ist mehr als ärgerlich, wenn vermeidbare handwerkliche Fehler die Aussagekraft von Publikationen vernichten. Wenn sie über Jahrzehnte beständig sein will, muss Forschung rigoros sein. Durchdachte Kontrollexperimente spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sich solche auszudenken, ist dabei gar nicht so trivial. Deswegen hing an der Bürotür meines Mentors Charles Weissmann ein Zettel mit der (nur halb als Witz gemeinten) Warnung: «CAUTION: Do not enter this room ­without positive and negative controls».

Es wäre blauäugig, zu glauben, dass schlampige Forschung erst kürzlich entstanden sei. Schlechte oder gar betrügerische Wissenschaft hat es auch in der Vergangenheit gegeben, von den gefälschten Belegen für die «Abwehrfermente» des Chemieprofessors Emil Abderhalden bis zum hanebüchenen «Gedächtnis des Wassers» des Homöopathie-Apologeten Jacques Benveniste. Neu ist, dass schlechte Wissenschaft heute sehr schnell aufgedeckt wird. Websites wie Pub Peer und Retraction Watch sorgen dafür, dass überraschende Behauptungen zügig und gründlich geprüft werden. Diese «post-publication reviews», an welchen sich Tausende von Wissenschaftlern beteiligen, haben entscheidend dazu beigetragen, dass Fehler und Betrügereien extrem schnell aufgedeckt werden. Die Enthüllungen sind keine Symptome eines Sittenverfalls in der Forschung, sondern ein wirksames Mittel, um die Qualität der publizierten Ergebnisse zu kontrollieren und zu verbessern.

Interessenkonflikt unterstellt

Die Schelte von Reto Obrist stellt aber nicht nur die vielen idealistischen akademischen Wissenschaftler unter Pauschalverdacht. Auch den Forschenden in der Pharmaindustrie unterstellt er Qualitätsmängel und Ergebnisbeschönigung aufgrund von finanziellen Interessenkonflikten. Letzteres deckt sich aber nicht mit meiner Erfahrung. Die Suche nach Medikamenten beginnt bei den Pharmafirmen typischerweise mit mehr als einer Million Substanzen. Nach Wirksamkeitstests in Labors und Verträglichkeitsstudien scheiden die meisten Verbindungen aus, und nach den notwendigen Tierversuchen bleiben häufig – wenn überhaupt – nur ein oder zwei Substanzen übrig, welche in klinischen Studien an Patienten eingesetzt werden.

Die Kosten von Patientenstudien, zum Beispiel bei der Alzheimer-Therapie, können schnell in die Hunderten von Millionen gehen. Sogar Grossfirmen wie Novartis und Roche können sich lediglich eine kleine Zahl solcher Studien leisten. Wenn eine suboptimale Substanz für die klinischen Studien ausgewählt wird, kann die ganze Firma pleitegehen. Es dürfte deshalb einleuchten, dass Pharmafirmen alles daransetzen, damit ihre Forschung an Wirkstoffen und deren Wirkmechanismen von höchster Qualität und Reproduzierbarkeit geprägt ist – vielleicht nicht aus Idealismus, aber sicher aus finanziellen Überlegungen.

Erstellt: 22.06.2015, 23:29 Uhr

Adriano Aguzzi. Der renommierte Prionen-Forscher ist Professor an der Universität Zürich und sitzt im wissenschaftlichen Beirat von Novartis.

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