Ist es gesünder, Tabak zu erhitzen statt zu verbrennen?

Erstmals hat eine unabhängige Studie die neuen «Heat-not-burn»-Produkte untersucht. Auch sie produzieren krebserregende Substanzen.

Rauch oder nur heisse Luft? Krebserregende Substanzen produzieren jedenfalls auch die neusten Produkte der Tabakindustrie. (Toru Hanai/Reuters)

Rauch oder nur heisse Luft? Krebserregende Substanzen produzieren jedenfalls auch die neusten Produkte der Tabakindustrie. (Toru Hanai/Reuters)

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Die Plakate hängen überall in Zürich, sie zeigen einen weissen Plastikstab, ähnlich einem Schwangerschaftstest-Gerät, mit einem bunten Kolibri drauf. Für werdende Mütter ist das Produkt jedoch ungeeignet. Der Konzern Philip Morris wirbt damit für eines der neuesten Erzeugnisse der Tabakindustrie: Iqos. Der Name ist eine Abkürzung für «I quit ordinary smoking», übersetzt: «Ich habe das normale Rauchen aufgegeben.»

Der Anlass für die Werbekampagne: Im April ist ein ähnliches Erzeugnis mit dem Namen Glo vom Konkurrenten British American Tobacco (BAT) in der Schweiz hinzugekommen. Die Innovationen werden als «Heat-not-burn»-Produkte vermarktet. Sie sind weder E-Zigaretten, die Flüssigkeiten verdampfen, welche mit Nikotin oder Aromastoffen versetzt sind. Noch sind sie gewöhnliche Zigaretten. Neu ist, dass der Tabak bei den Heat-not-burn-Produkten durch ein Gerät erhitzt, statt wie bei der Zigarette durch eine Flamme verbrannt wird. Über eine Milliarde US-Dollar liess sich BAT in den letzten fünf Jahren die Entwicklung dieser Produkte kosten.

Sie sehen futuristisch aus – Glo erinnert an ein Mini-Funkgerät. Mit der Zigarette gemeinsam sollen die Neuerungen nur noch den «echten Geschmack von Tabak» haben, dafür aber «ohne Rauch, Asche und mit weniger Geruch», wie Philip Morris das Produkt Iqos bewirbt, das seit 2015 in der Schweiz erhältlich ist.

Ein «sauberes Erlebnis»?

Und nicht nur das: Glo liefere «mit ca. 90 Prozent weniger toxischen Stoffen ein sauberes Erlebnis** im Vergleich zu einer herkömmlichen Zigarette*», teilte der Hersteller British American Tobacco Switzerland bei der Markteinführung seines Heat-not-burn-Produkts mit. Die Sterne weisen jedoch auf eine Fussnote weit unten in der Pressemitteilung hin: «Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieses Produkt geringere Auswirkungen auf die Gesundheit hat als andere Tabakprodukte.»

Das ist genau der Knackpunkt: Das Grossgedruckte lässt die Konsumenten glauben, das Einsaugen von Nikotin in ihre Lungen sei nun harmloser. Die Frage ist jedoch: Sind die neuen Produkte tatsächlich gesünder als die als krebserregend berüchtigten Zigaretten? Unabhängige Studien gibt es dazu noch nicht und Langzeituntersuchungen schon gar nicht.

Einen ersten Schritt hat jetzt ein Forscherteam aus der Schweiz getan, das soeben seine erste unabhängige Analyse im Fachjournal «Jama Internal Medicine» veröffentlicht. Reto Auer von der Universität Bern hat zusammen mit Kollegen von der Universität Lausanne das Heat-not-burn-Produkt Iqos genau unter die Lupe genommen und mit herkömmlichen Lucky Strikes verglichen. Während beim Iqos-Erzeugnis der Tabak auf etwa 350 Grad erhitzt wird, sind es bei einer Zigarette bis zu 800 Grad.

Schädliche Verbrennungsstoffe

Dabei wies das Analysegerät zwar tatsächlich zum Teil sehr viel geringere Werte der untersuchten Schadstoffe aus. «Aber unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass bei dem neuen Produkt wie bei der Zigarette Rauch entsteht», sagt Auer. Verantwortlich für die krebserregende Wirkung im Zigarettenrauch seien Stoffe wie die flüchtige organische Substanz Acetaldehyd oder das zu den Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) gehörende Benzopyren sowie Kohlenmonoxid. «Im Rauch der Iqos-Zigarette haben wir unter anderem genau diese schädlichen Verbrennungsstoffe gefunden», sagt Auer.

Der Mediziner wirft den Herstellern vor, extra den Begriff «Rauch» zu vermeiden. Dabei sei es genau das, was auch bei den Heat-not-burn-Produkten rauskommt. Laut Auer und seinen Kollegen müssten deshalb auch diese neuen Tabakprodukte zum Schutz von Passivrauchern dem Rauchverbot in geschlossenen Räumen unterliegen. «Wenn 100 Leute Heat-not-burn-Tabak in einem Restaurant oder Nachtclub erhitzen, könnten sie gefährliche Schadstoffe in grösseren Mengen freisetzen», sagt Auer.

Bei der Diskussion, ob Rauch oder nicht, geht es nicht nur um das Marketing für ein «sauberes» und vermeintlich gesünderes Image. Die Definition ist auch wichtig für die rechtliche Einordnung. So sind derzeit beispielsweise die mit Tabak gefüllten «Sticks», die in die Erhitzungsgeräte Iqos und Glo eingeführt werden, nicht wie herkömmliche Zigaretten deklariert. Sprich, auf der Verpackung steht nicht, wie hoch der Nikotin- oder Teergehalt ist. Laut Adrien Kay, Sprecher beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), ist das möglich, falls es sich bei den Heat-not-burn-Produkten um «rauchfreie» Erzeugnisse und nicht um Zigaretten handelt. Die Forscher haben nach ihrer Studie dazu eine klare Ansicht. Auer fordert: «Da Iqos Rauch produziert, sollte die Einordnung dieser Produkte gegenüber den Zigaretten geprüft werden.»

Auch in geringen Mengen schädigend

Über mögliche gesundheitliche Folgen für die Raucher kann das Schweizer Team mit seiner Studie hingegen nichts aussagen. In einem Faktenblatt über die Schadstoffe im Tabakrauch hält jedoch das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) fest, dass von den über 4800 verschiedenen Substanzen im Tabakrauch, die überwiegend beim Verbrennen des Tabaks von herkömmlichen Zigaretten entstehen, mindestens 250 giftig oder krebserregend sind. Als giftig werden Substanzen bezeichnet, «die bereits in sehr geringer Menge den menschlichen Organismus nachhaltig schädigen», schreibt das DKFZ. Michael Anderegg vom BAG erläutert: «Wenn jemand, der zehn Zigaretten am Tag raucht, seinen Konsum auf fünf pro Tag senkt, bedeutet das nicht, dass sich auch sein Krankheitsrisiko halbiert.» Der Zusammenhang sei nicht linear.

Zu belegen, dass die Heat-not-burn-Produkte gesünder seien, ist fast unmöglich, sagt Rainer Kaelin, Lungenspezialist aus Etoy und ehemaliger Vizepräsident der Lungenliga Schweiz. Man müsste epidemiologische Studien durchführen, also nach Jahrzehnten untersuchen, ob die Konsumenten von Heat-not-burn-Produkten länger leben als Raucher und seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bekommen.

Nur vermeintlich gesünder

«Derartige Studien wurden aber bisher für keine der vermeintlich gesünderen Zigaretten gemacht», sagt Kaelin. Beispielsweise sei auch nicht belegt, ob tatsächlich Filterzigaretten oder Nikotin- und Teer-reduzierte-Produkte harmloser seien, wie es die Werbung der Tabakkonzerne in den Köpfen der Konsumenten verankert habe.

Schwierig ist zudem zu untersuchen, wie Raucher tatsächlich die Tabakprodukte nutzen. Von den Nikotin- und Teer-reduzierten, früher als «mild» oder «light» bezeichneten Zigaretten ist bekannt, dass die Konsumenten tiefer inhalierten und mehr rauchten, um gemäss ihrer Abhängigkeit auf einen höheren Nikotinspiegel zu kommen. Wie Raucher mit den neuen Heat-not-burn-Produkten umgehen werden, müssen zukünftige Studien zeigen. Ebenso, ob sie zum Rauchstopp taugen.

Und Nichtraucher warnt BAG-Sprecher Adrien Kay: «Wir empfehlen ihnen diese Produkte nicht zum Konsum, da sie ebenfalls Schadstoffe enthalten.» Und weiter: «Die langfristigen Schäden sind noch nicht bekannt und das darin enthaltene Nikotin macht süchtig.»

Erstellt: 22.05.2017, 17:01 Uhr

Liberales Schweizer Tabakproduktegesetz

Die Schweiz eignet sich als Testmarkt für neue Tabakprodukte in Europa. Ein Grund dafür ist die liberale Gesetzgebung im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern. Der Entwurf eines neuen Tabakproduktegesetzes, der vor allem das Marketing strenger und einheitlich auf Bundesebene regeln sollte, ist im letzten Jahr von Stände- und Nationalrat abgelehnt worden. Einig waren sich die Parlamentarier lediglich darüber, dass Tabakwerbung verboten sein soll, die sich an Jugendliche richtet. Erwachsene sollten jedoch in eigener Verantwortung entscheiden, ob sie rauchen wollen oder nicht, sagt Michael Anderegg vom Bundesamt für Gesundheit. Das Tabakproduktegesetz wird nun erneut überarbeitet und voraussichtlich Ende Jahr in die Vernehmlassung geschickt.

Bisher ist für die Heat-not-burn-Produkte, die den Tabak erhitzen statt verbrennen, nicht vorgesehen, sie den Zigaretten gleichzustellen. Demnach müssten auf den Packungen der Tabak enthaltenden «Sticks» weiterhin weder Nikotin- noch Teergehalt deklariert werden. Auch auf die Besteuerung hat die Einordnung einen Einfluss. Derzeit werden die neuen Erzeugnisse nur mit 12 Prozent besteuert statt mit den für Zigaretten üblichen 55 Prozent. Die Kosten für eine Packung Sticks sind jedoch mit 8 Franken genauso hoch wie die für Zigaretten.

Der Bundesrat ist im letzten Jahr auch mit der Forderung im Parlament abgeblitzt, die Tabaksteuer schrittweise zu erhöhen. Dabei sei das die effektivste Massnahme, Todesfälle durchs Rauchen zu vermeiden, kamen US-Forscher 2016 in einer Studie zum Schluss. Es folgten Rauchverbote, Gesundheitswarnungen, Werbeverbote und Rauchstopp-Programme.

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