Ist Magersucht eine Stoffwechselkrankheit?

Eine Studie legt nahe, dass krankhaftes Hungern neben psychischen auch erbliche Ursachen hat.

Rund fünf Prozent der Erkrankten sterben an ihrer Magersucht. Foto: iStock

Rund fünf Prozent der Erkrankten sterben an ihrer Magersucht. Foto: iStock

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Es erschien alles so logisch: Jugend­liche, meist Mädchen, kommen in die Pubertät, lernen, sich mit ihrem Körper zu ­beschäftigen, und treffen dabei auf eine Gesellschaft, auf soziale Medien und auf Werbebotschaften, die das Idealbild ­gertenschlanker Models vermitteln. Die Mädchen beginnen, ihre Figur kritisch zu betrachten, essen weniger, machen Diäten. Der Wunsch, abzunehmen, wird zum Zwang, die Nahrungsaufnahme wird fast vollständig eingestellt und jede Kalorie gezählt. Irgendwann wird das Untergewicht lebensgefährlich.

Doch hat die Magersucht tatsächlich rein psychische Ursachen? «Nein», sagt Beate Herpertz-Dahlmann. Die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Aachen schloss sich mit rund 200 Ärzten und Wissenschaftlern aus 17 Ländern zusammen, um das Erbgut von mehr als 17'000 Magersucht­betroffenen sowie 55'000 gesunden Probanden zu untersuchen. Ihre Ergebnisse wurden kürzlich im Fachblatt «Nature Genetics» veröffentlicht. Sie weisen darauf hin, dass Magersucht, anders als bisher angenommen, keine rein psychische Erkrankung ist. Vielmehr spielen auch metabolische, das heisst den Stoffwechsel betreffende Faktoren, eine wichtige Rolle.

Stoffwechselgene identifiziert

Bei dieser gross angelegten, sogenannten genomweiten Assoziationsstudie konnten die Forscher insgesamt acht genetische Variationen identifizieren, die bei Anorexie-Patienten häufiger auftraten als in der Kontrollgruppe. «Man kann daher davon ausgehen, dass diese Gene bei Magersucht eine essenzielle Rolle spielen», sagt Herpertz-Dahlmann. Einige der gefundenen Genvarianten werden auch mit Depressionen, Schizophrenie und weiteren psychiatrischen Erkrankungen in Verbindung gebracht, was das vorherrschende Bild der Magersucht zu bestätigen scheint. Allerdings wiesen die Probanden in der Gruppe der Magersuchtpatienten auch genetische Auffälligkeiten auf, die mit Stoffwechselstörungen in Verbindung stehen. So fanden sich etwa Gene, die den Zucker- oder Fetthaushalt regulieren und nun als mögliche an Magersucht beteiligte Faktoren in Betracht gezogen werden.

Natürlich galten Stoffwechselstörungen und körperliche Phänomene wie massives Untergewicht von jeher als Bestandteil der Magersucht. Das oberste Ziel jeder Therapie lautet schliesslich zunächst, dass die Patienten an Gewicht zunehmen und ihr Essverhalten normalisieren. Der entscheidende Unterschied jedoch: Bisher wurden diese körperlichen Merkmale stets als Folgeerscheinung der Essstörung angesehen.

Im Kleinkindalter untergewichtig

Doch in letzter Zeit kamen daran immer mehr Zweifel auf. Nicht zur Theorie von der rein psychischen Erkrankung passte zum Beispiel die Beobachtung, dass viele Magersuchtbetroffene bereits im Kleinkindalter untergewichtig waren. Dazu fiel Ärzten auf, dass die Krankheit gehäuft innerhalb von Familien auftrat. Oft litten auch Schwester oder Mutter der Patientin an Essstörungen. All diese Indizien nährten den Verdacht, die Krankheit könnte auch genetisch bedingt sein. Die aktuelle Studie scheint dies zu bestätigen.

Die daran beteiligten Forscher fordern nun, Magersucht müsse künftig in gleichem Masse sowohl als psychische als auch als stoffwechselbedingte Erkrankung anerkannt werden. In künftigen Behandlungsansätzen sollten körperliche Faktoren ebenfalls einbezogen werden, um eine «nachhaltige Gewichtszunahme und psychologische Genesung» zu erreichen, wie die Studienautoren in «Nature Genetics» schreiben. Dabei werden in bestehenden Therapien schon viele verschiedene Ansätze verfolgt – bislang jedoch mit durchwachsenem Erfolg.

Mediziner entwickeln ein grundlegend neues Verständnis der Ursachen von Magersucht.

Der Bedarf an effektiveren Therapien ist jedoch gross. Gemäss der Schweizer Gesellschaft für Essstörungen (SGES) betrifft die Magersucht 1,3 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben. Dies zeigen Untersuchungen im deutschsprachigen Raum. Frauen sind rund zehnmal häufiger betroffen als Männer. Rund fünf Prozent der Erkrankten sterben daran.

Viele Betroffene verheimlichen ihre Krankheit oder reden sich selbst ein, keine Probleme zu haben. Suchen sie sich doch irgendwann professionelle Hilfe, ist es manchmal zu spät. Dann haben die Organe infolge der lang anhaltenden Mangelernährung bereits irreparable Schäden genommen, weshalb die Patienten auch beispielsweise an Nierenversagen sterben.

Das sind bedrückende Fakten, doch die Prognosen könnten sich angesichts der jüngsten Forschungsergebnisse bald verbessern, hofft Beate Herpertz-Dahlmann. «Die Behandlung der Magersucht befindet sich im Umbruch», sagt sie. Nachdem sich lange Zeit wenig getan hätte, gewinne man im Moment ein grundlegend neues Verständnis von den Ursachen der Anorexia nervosa. So sei etwa die Darmflora von Magersucht­patienten stark verändert. Studien aus jüngster Zeit zeigten jedoch, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien Auswirkungen auf das Gehirn habe. Ein möglicher Therapieansatz für Magersucht könnte folglich sein, die veränderte Darmflora zu behandeln, um die ­psychischen Störfaktoren zu begrenzen, meint Herpertz-Dahlmann.

Hormonsystem vermutlich gestört

Auch Leptin könnte eine Rolle spielen. Das Hormon wird in den Fettzellen gebildet und reguliert das Hunger- und Sättigungsgefühl. Ein niedriger Leptinspiegel kurbelt den Appetit an, eine hohe Konzentration an Leptin vermittelt dem Gehirn, dass der Körper gerade genug zu sich genommen hat und satt ist. Da Anorexie-Patienten gewöhnlich nur ­wenig Körperfett haben und aufgrund fehlender Fettzellen kaum Leptin produzieren, müssten sie besonders viel Appetit verspüren. Da dies nicht der Fall ist, vermuten Wissenschaftler, dass bei Magersucht auch das Leptin-Hormon-System grundlegend gestört ist. «Das könnte als Anhaltspunkt für weitere ­Medikamente dienen», sagt Herpertz-Dahlmann.

Zwar wurden nun erste Ergebnisse ihres Forschungsprojekts publiziert, beendet ist es jedoch nicht. «Die Versuche laufen weiter», sagt die Ärztin. Weltweit untersuchen Forscher das Erbgut von Patienten und vergleichen es mit gesunden Probanden. «Schon bald könnten wir Proben von 20'000 oder 25'000 Patienten zusammentragen», sagt Herpertz-Dahlmann. Könnte damit ein Gentest entwickelt werden, um eine mögliche Gefährdung schon bei Kindern festzustellen? So weit sind die Wissenschaftler noch lange nicht. Magersucht ist und bleibt eine enorm komplexe Krankheit. Zu ihrer Entstehung gehören sicher mehr als die bisher identifizierten acht Genvarianten. Aber immerhin, es ist ein Anfang.

Erstellt: 05.10.2019, 08:27 Uhr

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