Ist man ab 70'000 Dollar pro Jahr glücklich?

Geld hilft, ist aber nicht der einzige Weg zum Glück. Unser Autor jedenfalls befindet: Ruhe ist wichtiger – und Liebe.

Laut Studien haben Menschen das höchste Wohlbefinden, wenn sie mindestens 70'000 Dollar pro Jahr verdienen. Foto: Getty Images

Laut Studien haben Menschen das höchste Wohlbefinden, wenn sie mindestens 70'000 Dollar pro Jahr verdienen. Foto: Getty Images

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In einer 2018 veröffentlichten Studie über menschliches Verhalten wurden Einkommen und Zufriedenheit von 1,7 Millionen Menschen weltweit miteinander in Korrelation gebracht. Demnach liegt ein zufriedenstellendes Einkommen bei 95'000 Dollar im Jahr, das höchste Wohlbefinden hat man aber bereits bei einem Einkommen von rund 70'000 Dollar pro Jahr. Dieser monetäre Wert des Glücks ist in Westeuropa, Skandinavien, Nordamerika, Australien, Ostasien und dem Nahen Osten gleich und unabhängig vom Geschlecht. Interessanterweise geht das Glücksgefühl bei Einkommenswerten darüber allgemein zurück. Das eine Prozent der Weltbevölkerung, das die Hälfte des globalen Reichtums besitzt, könnte also glücklicher sein, würde es einen Grossteil seines Geldes weggeben – so wie es etwa Bill Gates tut.

Laut dem «World Happiness Report» der Vereinten Nationen für 2018 sind Finnland, Norwegen, Dänemark, Island und die Schweiz die fünf glücklichsten Länder, und sie haben einige der höchsten Durchschnittseinkommen der Welt. Aber ist Geld der Schlüssel zum Glück? 1972 erklärte der König von Bhutan, dass «das Bruttonationalglück wichtiger ist als das Bruttoinlandsprodukt». Die Bhutaner haben einen detaillierten Glücksindex entwickelt, um regelmässig das kollektive Wohlergehen des Landes zu messen. Die Aufrechterhaltung eines hohen Wertes ist von zentraler Bedeutung für die Regierung. Dennoch liegt Bhutan nur auf Platz 97 von 156 Ländern.

Vielleicht können wir uns ja etwas von unseren vierbeinigen Freunden abschauen.

Glücksforscher sind sich nicht einig darüber, was genau uns glücklich macht. Einige sagen, dass Erlebnisse Glück stiften, andere behaupten, dass die Anhäufung von Gütern glücklich machen kann, so wie ich es in meiner letzten Kolumne beschrieb. Glück ist eine abstrakte Grösse, die sich nicht durch eine Gleichung definieren lässt. Emotionen setzen Substanzen in unserem Gehirn frei, die neuronale Bahnen öffnen – aber wir sind noch weit davon entfernt zu verstehen, wie unser Bewusstsein funktioniert. Emotionen sind die Folge von Erfahrungen, die jeder Einzelne von Geburt an hat. Das könnte erklären, warum sich das Glück für jeden ein wenig anders anfühlt. Wie bereits Aristoteles sagte: «Glück hängt von uns selbst ab.»

Vielleicht können wir uns ja etwas von unseren vierbeinigen Freunden abschauen. Bertie, der Labradoodle, scheint mir ziemlich glücklich, weil er nur im Hier und Jetzt lebt. Er scheint sich nicht mit der Vergangenheit zu beschäftigen oder um die Zukunft zu sorgen. Das könnte eine wertvolle Lektion sein. In einer kürzlich durchgeführten Studie mit 2000 Teilnehmern stellten Psychologen fest, dass sich die glücklichsten Menschen auf die Gegenwart konzentrierten, wie unangenehm diese auch sein mochte. In «Eroberung des Glücks» schrieb der britische Philosoph Bertrand Russell (nach dem Bertie übrigens benannt ist): «Ein glückliches Leben muss zu einem grossen Teil ein ruhiges Leben sein, denn nur in einer ruhigen Umgebung kann wahre Freude leben.» Und: «Von allen Formen der Vorsicht ist Vorsicht in der Liebe für das wahre Glück möglicherweise am verheerendsten.» Viele Studien haben Russells Aussagen seither bestätigt, und auch ich stimme ihm zu. Was mich zutiefst glücklich macht, ist die Ruhe eines Bergpanoramas. Wenn ich das dann auch noch mit einem geliebten Menschen geniessen darf, könnte ich nicht glücklicher sein.

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

Erstellt: 19.02.2019, 19:55 Uhr

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