Jeder Dritte würde den iDoktor fragen

Keine Wartezeiten, keine Ansteckungsgefahr, keine Anfahrt: Online-Sprechstunden erobern das Gesundheitswesen.

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Es ist schnell passiert, gerade in den Ferien. Ein falscher Tritt beim Stadtrundgang oder ein übermütiger Sprung ins Meer und schon ist der Knöchel hin, die Stirn geschürft. Rasch muss also medizinischer Rat her. Doch je nach Weltregion ist dieser nicht immer um die Ecke verfügbar.

Dem geschundenen Urlauber blieb bis vor kurzem nicht viel anderes übrig, als eine Selbstdiagnose mithilfe von Google oder heimzutelefonieren - dem Hausarzt direkt oder einer Hotline für Telemedizin. Dabei zeigt das neue «E-Health-Barometer» 2018 des Forschungsinstituts GFS Bern: Eine grosse Zahl der Patienten wünscht, über digitale Kanäle mit einem Arzt in Kontakt zu treten, und zwar nicht nur während eines Auslandsaufenthalts.

So möchte jeder zweite Befragte per E-Mail oder Messenger-Dienst kommunizieren. Fast jeder Dritte zieht sogar eine Videosprechstunde, beispielsweise via Skype, einer analogen Konsultation vor. Telemedizin 2.0 ist insbesondere bei den jüngeren Patienten auch ausschlaggebend bei der Arztwahl. Martin D. Denz erstaunt dies nicht. «Wir organisieren das Leben übers Smartphone, zahlen Rechnungen, bestellen Kleider und Lebensmittel, stehen in Kontakt mit Freunden, warum nicht auch mit dem Arzt?», sagt Denz. Er arbeitet selber bei Medbase, ist Pionier auf dem Gebiet der Telemedizin und setzt sich seit Jahren für deren Weiterentwicklung ein.

«Zwei Drittel via Telefon klären»

Sechsmal pro Jahr gehen Schweizer im Schnitt zum Doktor. Dabei wäre aus medizinischer Sicht längst nicht jeder Besuch nötig. «Zwei Drittel der Fälle liessen sich allein durch ein Gespräch via Telefon oder Videoschaltung klären», ist Denz überzeugt. «Denn eine Diagnose besteht zu 80 Prozent aus dem Erfragen des Zustandes.»

Trotzdem haben sich viele Mediziner gegen die Digitalisierung gewehrt und dagegen lobbyiert. Die Folge davon: Im Kanton Zürich besteht noch immer ein Gesetz, welches ausschliesslich elektronischen Kontakt zwischen Arzt und Patient verbietet. Fragt sich, wie lange noch. Denn die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH schätzt, dass schweizweit bereits jeder dritte Arzt im Patientenkontakt digitale Angebote wie E-Mail oder SMS nutzt.

Yvonne Gilli vom FMH-Zentralvorstand sagt: «Telemedizinische Dienstleistungen werden in Zukunft Teil des Praxisalltags sein, und zwar unabhängig von den Fachgebieten.» Beispielsweise für Online-Terminbuchungen, die Bilddiagnose bei dermatologischen Krankheiten oder für das Monitoring von chronischen Krankheiten.

Skype-Sprechstunden als Chance

Es gibt verschiedene Gründe für eine Online-Behandlung: keine Wartezeiten, keine Ansteckungsgefahr, keine Anfahrt. Das Potenzial erkannt hat Jennie Gertun Olsson. Mit ihrem Mann hat sie die Arzthaus-Praxen in Zürich, St. Gallen, Zug und Aarau gegründet. Termine bei Hausärzten oder Spezialisten können direkt via Website vereinbart werden, und mit Dermatologen sind seit März Skype-Sprechstunden möglich.

«Die Testphase läuft noch, doch die Patienten zeigen grosses Interesse», sagt Olsson. «Daher wollen wir das Angebot auf die Bereiche Psychiatrie, Psychotherapie sowie die Allgemeinmedizin ausweiten.» Gerade für einen Hausarzt sei die Telemedizin 2.0 eine grosse Chance. «Dieser kennt die Krankengeschichte des Patienten und kann noch besser allein durch ein Gespräch oder auch mal per Mail eine Diagnose stellen.»

Sparpotenzial: 1000 Franken pro Person

Die Ärzte von Hotlines haben es schwieriger. An Spitzentagen suchen bei Medgate in Basel bis zu 5000 Kranke Rat. Patient und Arzt hören einander meist nur einmal. 50 Prozent der Fälle können die Telefondoktoren abschliessend behandeln. Immer häufiger kommt es vor, dass Patienten Fotos ihrer Verletzung einreichen, doch insbesondere Videochats sollen die Behandlungsrate steigern. «Hat ein Arzt für die Anamnese, die Erfragung von medizinischen Informationen, nicht nur die Stimme und Schilderungen des Kranken zur Verfügung, ist die Situation vergleichbar wie beim Hausarzt», sagt Medgate-Sprecher Cédric Berset.

Gesundheitsökonomen sind sich einig: Telemedizin 2.0 ist sinnvoll und kostensparend. 10 Prozent beträgt der Spareffekt. Das bedeutet 1000 Franken pro Person und Jahr, wobei die iDoktoren ihre Leistungen nicht einheitlich verrechnen. Wer bei Partnerkrankenkassen von Medgate versichert ist, zahlt nichts. Bei den Eedoctors kostet eine Konsultation per Video-App 3.80 Franken pro Minute.

Grenzen der digitalen Behandlung

Christian Schuster verlangt 55 Franken pro Rat. Täglich erhält der Dermatologe mit Praxis in St. Gallen Fotos von Sonnenallergien, Insektenstichen oder Ekzemen. «Die Bildqualität ist heute gut. Daher kann ich 80 Prozent der Patienten innerhalb von 24 Stunden eine abschliessende Rückmeldung geben.» Es sei aber wichtig, die Grenzen der digitalen Behandlung zu kennen. «Und lieber einen Patienten zu viel als einen zu wenig zu einem Arzt zu schicken.»

Kritisch betrachtet die Digitalisierung der Anamnese auch die Sprecherin des Datenschutzbeauftragten des Bundes, Silvia Böhlen. Sie fände Richtlinien oder Qualitätslabels für die iDoktoren sinnvoll. Bei weltweit 1,2 Millionen Health-Apps nicht ganz einfach. Die FMH erarbeitet aber derzeit Kriterien, die als Basis für eine Bewertung dienen können.

Erstellt: 22.07.2018, 18:06 Uhr

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