Zahl ausländischer Ärzte steigt – und Schweizer Kollegen steigen aus

Jeder siebte Mediziner in der Schweiz gibt seinen Beruf auf. Überraschend ist der Befund bei den Geschlechtern.

Fast 14 Prozent der ausgebildeten Mediziner und Medizinerinnen hören früher oder später auf, Patienten zu behandeln. Foto: Keystone

Fast 14 Prozent der ausgebildeten Mediziner und Medizinerinnen hören früher oder später auf, Patienten zu behandeln. Foto: Keystone

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Die Ausbildung zum Arzt oder zur Ärztin ist teuer: Je nach Schätzung zahlt die Allgemeinheit zwischen mehreren Hunderttausend und einer halben Million Franken bis zum Staatsexamen pro Studienplatz. Gleichzeitig sorgen sich viele wegen der zunehmenden Zahl von Ärzten, die in die Schweiz kommen. In Zürich hat sich gemäss «Tages-Anzeiger» von gestern der Anteil ausländischer Fachärzte in acht Jahren auf 23 Prozent verdreifacht. Bei Neuanerkennungen sind ausländische Abschlüsse schon länger in der Überzahl.

Vor diesem Hintergrund lässt eine unlängst veröffentlichte Studie im Fachblatt «Swiss Medical Weekly» aufhorchen. Demnach steigt in der Schweiz jeder siebte Arzt und jede siebte Ärztin früher oder später aus dem Beruf aus. Das entspricht fast 14 Prozent der ausgebildeten Mediziner, die aufhören, Patienten zu behandeln. Zu diesem Resultat kamen Forscher um Sven Streit vom Berner Institut für Hausarztmedizin (Biham) der Universität Bern, nachdem sie 23'000 Berufsregistereinträge beim Bund für die Jahre 1980 bis 2009 analysiert hatten. Bei einer Stichprobe von 500 Personen recherchierten sie zusätzliche Informationen zur Berufstätigkeit nach.

«Besonders in Zeiten des Mangels an gewissen Fachärzten – Hausärzten, Kinderärzten, Psychiatern und anderen – ist jede Person, die den Beruf verlässt, eine zu viel», sagt Streit. Das vielleicht bemerkenswerteste Resultat der Studie ist, dass Frauen nicht häufiger aussteigen als Männer. Dies widerlegt die vorherrschende Ansicht, dass Ärztinnen öfter Beruf und Familie nicht unter einen Hut bringen und deshalb aufhören. Auch zwischen den Sprachregionen finden die Berner keine Unterschiede. Markant ist hingegen die Zunahme der Aussteiger über die Jahre. Ärzte, die das Studium 1980 beendeten, hörten bis zu viermal seltener auf als solche mit Abschlussjahrgang 2005.

Die Gründe für den Ausstieg wurden bei der Studie nicht erfragt. Aufgrund von anderen Untersuchungen nennt Streit als häufigste Ursachen: familiäre und persönliche Probleme, lange Arbeitszeiten, veränderte Anforderungen – beispielsweise eine Verlagerung zu mehr administrativen Aufgaben statt klinischer Tätigkeit. Das ergab eine Befragung der Schweizerischen Ärzteverbindung FMH und des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte (VSAO) im Jahr 2016. Sie kam mit rund 10 Prozent zu einer etwas tieferen Ausstiegsrate. Allerdings lag der Rücklauf bei der Befragung nur bei rund 35 Prozent, was die Resultate verzerrt haben dürfte im Vergleich zur aktuellen Studie.

«Problematisch wird es erst», wenn die Leute aufhören, obwohl sie eigentlich gerne im Beruf bleiben würden.»Laila Burla, Schweize­risches Gesundheitsobservatorium Obsan

Laila Burla, wissenschaftliche Projektleiterin beim Schweize­rischen Gesundheitsobservatorium Obsan, findet die Berner Studie gut gemacht und überzeugend. Interessant sei der Befund, dass Frauen nicht häufiger aussteigen als Männer. «Wahrscheinlich wissen Frauen bereits sehr gut, was auf sie zukommt, wenn sie sich für den Arztberuf entscheiden», vermutet Burla. Die Fachfrau war 2016 bei einer Obsan-Analyse beteiligt, gemäss der jeder dritte Mediziner ganz aussteigt, den Beruf oder die Branche wechselt. Inwieweit die hohe Zahl der Realität entspricht, ist allerdings fraglich. «Es gibt leider bis jetzt im Gesundheitsbereich keine guten Zahlen zum Berufsausstieg», so Burla.

Unabhängig davon, wie viele Ärzte und Ärztinnen genau aussteigen: Kritikern sind sie ein Dorn im Auge. Das Geld sei falsch investiert, und die Aussteiger hätten anderen, willigen Interessenten einen der begehrten Studienplätze weggenommen, die durch den Numerus clausus limitiert seien. Obsan-Expertin Burla betont jedoch, dass die Aussteiger nicht verloren seien für die Gesellschaft: «Mediziner, die in die Forschung oder zur Pharma gehen, braucht es ebenfalls.» Es sei in der Regel ja nicht so, dass man vom Arzt zum Künstler werde. Zudem gebe es in allen Berufen Fluktuationen, vielerorts höhere als bei den Medizinern. «Problematisch wird es meiner Ansicht nach erst», so Burla, «wenn die Leute aufgrund der Arbeits­bedingungen aufhören, obwohl sie eigentlich gerne im Beruf bleiben würden.»

Auch Studienautor Streit bedauert, dass Ausstiege bei Gesundheitsberufen nicht besser nachverfolgt werden können. «Hätten wir diese Möglichkeit, könnten Interventionen zur Reduktion der Ausstiegsraten getestet werden», sagt der Hausarztmedizin-Professor. Mögliche Massnahmen seien: Mentoring, Career Coaching, Burn-out-Prophylaxe, Verbesserung der Vereinbarkeit Beruf und Familie.

«Aus einer praktischen Per­spektive betrachtet, müssen wir schauen, dass es schon gar nicht zu einem Austritt kommt», sagt Streit, der auch als Hausarzt tätig ist. «Wiedereinsteiger und Wiedereinsteigerinnen haben es zusätzlich schwer, den Weg zurück in die Klinik zu schaffen», sagt er. Deswegen appelliert er vor allem dafür, familienverträgliche Arbeitsmodelle zu fördern.

Erstellt: 05.11.2019, 19:45 Uhr

1,5 Milliarden Franken pro Jahr

Die Schweiz holt sich viel medizi­nisches Know-how aus dem Ausland. So entspricht derzeit die Zahl der ausländischen Mediziner-Diplome, die hierzulande jedes Jahr anerkannt werden, dem Dreifachen der eidgenössischen Diplome. 2018 waren es laut der Statistik des Bundesamts für Gesundheit 3300 eingewanderte Mediziner. Salopp gerechnet, würde diese Zahl rund anderthalb Milliarden Franken Ausbildungskosten entsprechen, die die Schweiz jedes Jahr spart. Allerdings muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass die ausländischen Ärzte das Land auch wieder verlassen. 2018 dürften es wie bereits in den Vorjahren über 1000 gewesen sein.

Das Durchschnittsalter ist bei den ausländischen Diplomen mit 37 Jahren viel höher als bei den eidgenössischen (26 Jahre). Das liegt daran, dass der Studien­abschluss meist erst später anerkannt wird, wenn ein Arzt in die Schweiz kommt und als Assistenzarzt oder Facharzt arbeitet. Oft geschieht dies zusammen mit dem Facharzttitel. Auch hier sind die Ärzte mit ausländischem Diplom in der Überzahl. Insgesamt stammen aber die Facharzttitel mehrheitlich aus der Schweiz, da viele ausländische Ärzte ihre Weiterbildung hier abschliessen. 2018 waren es 1570 eidgenössische und 1384 anerkannte Facharzttitel. Bei Letzteren sind die Zahlen seit ein paar Jahren rückläufig. (fes)

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