Jetzt kann jeder seine Darmbakterien zu Hause auswerten

Ein Stuhltest soll zeigen, wie es um die eigene Gesundheit steht. Die Erkentnisse wären auch für weniger Geld zu haben.

­Die Vorgehensweise eines von Atlas Biomed angebotenen genetischen Tests ähnelt derjenigen einer DNA-Analyse. Foto: Thomas Kienzle (Keystone)

­Die Vorgehensweise eines von Atlas Biomed angebotenen genetischen Tests ähnelt derjenigen einer DNA-Analyse. Foto: Thomas Kienzle (Keystone)

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Wer mit Gesundheitsthemen Geld verdienen will, sollte eigentlich wirken wie das blühende Leben. Ausgeschlafen, vital, mit etwas Farbe im Gesicht. Sergey Musienko indes, obwohl erst 33 Jahre alt, sieht mehr aus wie die Menschen, von denen er an diesem frühsommerlichen Tag in Berlin berichten will: Menschen, die in westlichem Wohlstand leben, eine hohe Lebenserwartung haben, aber zu wenig Schlaf bekommen, unter Stress leiden und sich ungesund ernähren. Sie werden aufgrund ihres Lebensstils nicht als Gesunde älter, sondern bekommen irgendwann vermeidbare Krankheiten. Bis zu vier solcher Leiden hätten sich bis zur Lebensmitte bei jedem Zweiten eingestellt, sagt Musienko, und die könne man zwar mit wachsendem Aufwand behandeln – aber wäre es nicht besser, all das zu verhindern?

Ja, nickt man innerlich, doch die Frage ist: wie? Musienko hat an diesem Tag seine Antwort mitgebracht. Bei schönstem Wetter werden die Fenster verdunkelt, und der Gründer von Atlas Biomed stellt «Listen to Your Gut» vor. Der Test kommt aus Grossbritannien, er ist neuerdings auch in Deutschland oder Österreich online zu bestellen – in der Schweiz noch nicht. 160 Euro kostet das Set, dafür kann jeder Konsument damit auf einer neuen Ebene des Unsichtbaren in die persönliche Krankheitsprävention einsteigen. Der Test überprüft, welche Bakterien im Darm leben. Wer auf diese sogenannte Mikrobiota hört, das ist Musi­enkos Message, kann ganz gezielt und individuell Krankheiten verhindern.

In Grossbritannien bietet ­Atlas Biomed nicht nur diesen einen, sondern auch einen zweiten, einen genetischen Test an. Er ähnelt den bereits in grosser Vielfalt erhältlichen DNA-Analysen, die zahlungsfreudigen Kunden etwas über ihre Herkunft verraten sollen. Auch der Gentest soll bei der Selbstoptimierung helfen, indem er besondere, erblich bedingte Krankheitsrisiken identifiziert. Und am besten ist nach Auffassung der Forscher natürlich, man bestellt beide Kits gemeinsam: Das erste Set enthält ein Röhrchen mit breiter Öffnung zum Reinspucken. Das zweite Set fürs Mikrobiom kommt mit einem kleinen Spatel, einem weiteren Spezialröhrchen und einem zusätzlichen Hilfsmittel für die Probennahme.

Über die Tipps, die man mit einem Mikrobiomtest erhält, wird kein Mediziner, ja nicht einmal die WHO streiten.

Musienko und sein Kollege Dmitry Alexeev machen hier Scherze, irgendwie muss man dem Publikum ja über die Ver­legenheit hinweghelfen, gedanklich in den eigenen Exkrementen herumzustochern. Wer das allerdings einmal hinter sich gebracht hat, löst das Kackepröbchen berührungslos im mitgelieferten «Luxusröhrchen» auf. Es enthält bereits den nötigen Puffer für die Extraktion des Bakterienerbguts und eine kleine Kugel zum Mixen. Gut schütteln reicht. Danach muss man die Probe nur noch im Gefahrenbeutel versiegeln und ganz normal in die Post geben.

Wenig erstaunlich

Fast alle Direct-to-Consumer-Tests funktionieren so oder so ähnlich, man spuckt oder spachtelt ein wenig Körpersubstrat in ein Röhrchen, verschickt es – und wartet auf Resultate. Mehrere Wochen dauert es in der Regel, bis Rückmeldungen kommen. Auch bei Atlas Biomed ist das der Fall: Bis zu zwei Monate muss sich der am Mikrobiom orien­tierte Selbstoptimierer gedulden. Aber weil man seinen ganz privaten Test schon in der App auf dem eigenen Telefon registriert hat, verpasst man den Postboten wenigstens nicht. Die Ergebnisse der persönlichen Darmbakterienauswertung fliessen direkt aufs Smartphone.

Neuland: Wie das Zusammenspiel von Mikroben und Körper im biochemischen Gesamtkontext aussieht, ist wissenschaftlich nicht einmal im Ansatz verstanden. (Bild: Getty Images)

Begriffe wie «persönlich» und «präzise» sind allerdings ziemlich pompöse Ansagen im Zusammenhang mit solchen frei verkäuflichen, im Internet oder auf dem Handy bestellbaren Tests. Denn der Ratschlag, aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit zum Beispiel wenig Alkohol zu trinken, ist in etwa so erstaunlich wie die Erkenntnis, dass ein hellhäutiger Brite mit blauen Augen zumindest genetisch betrachtet hauptsächlich Europäer ist. Und was folgt daraus schon?

Anpassung des Lebensstils

Was der Kunde mit beiden Tests, aber auch durch den Mikrobiomtest allein erhält, sind mehrheitlich Tipps, über die trotzdem kein Mediziner, ja nicht einmal die Weltgesundheitsorganisation streiten wird. Man möge weniger rotes Fleisch essen? Das ist nie verkehrt. Man sollte ballaststoffreiche und dabei vielfältige Nahrung auswählen? Das ­sagen Ernährungsforscher seit Jahrzehnten. Warum ein Mensch auf Oliven verzichten sollte, erschliesst sich dagegen nicht sofort, immerhin sind da wertvolle Milchsäurebakterien drin und das beste aller Fette, das Olivenöl. Allerdings enthalten die fermentierten Früchte sehr viel Salz – und auch das soll schlecht sein, für den Blutdruck jedenfalls.

Dass die Tipps trotzdem ein wenig persönlich wirken, überrascht indes nicht völlig. Der Fragebogen der App erkundet von Alter, Geschlecht, Ernährungsgewohnheiten, vorhandenen oder durchlittenen Krankheiten und Alkoholkonsum bis hin zu Bauchumfang, Gewicht, Vitaminergänzungen und Bewegungshabitus eigentlich alles, was für eine Anpassung des Lebensstils wissenswert ist.

Was das Zusammenspiel von Mikroben und Körper für Gesundheit und Krankheit bedeutet, ist wissenschaftlich nicht einmal im Ansatz verstanden.

Was die guten Ratschläge dagegen mit den eigenen Darm­bakterien zu tun haben, bleibt offen – und das kann anders auch gar nicht sein: Inzwischen gibt es zwar einige bestätigte und ­viele, sehr viele unbestätigte ­Hinweise darauf, dass die eigene Mikroflora messbare Einflüsse auf die körperliche und womöglich auch auf die psychische Konstitution des Menschen nimmt.

Nicht einmal im Ansatz verstanden

Und auch in Berlin kommen die Vortragenden von Atlas Biomed schliesslich noch auf Giulia Enders zu sprechen, die Autorin von «Darm mit Charme». Der Bestseller hat der Mikrobiomforschung kräftig Schub verliehen, immerhin glauben seither viele dran, dass die mal mehr, mal weniger symbiotischen Bewohner des menschlichen Verdauungstrakts der Schlüssel zum körperlichen Wohlbefinden sind.

Aber wie das Zusammenspiel von Mikroben und Körper im biochemischen Gesamtkontext aussieht und was es für Gesundheit und Krankheit bedeutet, ist wissenschaftlich nicht einmal im Ansatz verstanden, warnen Experten. Dabei hilft auch nicht, dass Atlas Biomed von sich behauptet, mehr als 1200 verschiedene Bakterien identifizieren zu können – zumindest auf Ebene der Gattung, die einzelnen Spezies werden im Rahmen des Tests nicht bestimmt.

Die Vertreter der 80 bis 100 Gattungen, die in einer einzigen Darmflora versammelt sind, tun aber ohnehin gemeinsam etwas anderes, als sie allein tun würden. Im Grund müsste man deshalb jede einzelne dieser Gemeinschaften für jedes Individuum exzessiv erforschen, um sagen zu können, ob sie krank macht oder mit welchen Nährmitteln sie ihren besten Dienst am Wirt leistet.

Hinausgeworfenes Geld

Lohnt sich so ein Test also überhaupt? Atlas Biomed ist schon längst nicht mehr der ­einzige Anbieter von direkt an den Konsumenten gerichteten Testangeboten dieser Art. Und wer ein Fan von Ernährungsmythen ist und sich auch zum Sport nur aufraffen kann, wenn ein Gadget wie das Smartphone dazu ermahnt, kann von dem Gewese um den eigenen Stuhl womöglich profitieren – einfach, weil er oder sie dafür Geld ausgegeben hat, durch die Tipps immerhin weniger Mist isst, womöglich sogar an Gewicht verliert und sich bewusster bewegt.

Langzeitstudien, die eine Wirkung von Test und App belegen, gibt es indes noch keine. Bis dahin gibt man das Geld daher besser für ein Paar neue ­Turnschuhe aus und informiert sich online bei den einschlägigen Gesundheitseinrichtungen über Ernährung. Der Rest ist einfach eine Frage der Selbstüberwindung.

Erstellt: 06.05.2019, 18:28 Uhr

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