Kämpfer für eine offene Wissenschaft

Epidemiologe Matthias Egger will als oberster Forschungsförderer der Schweiz die Macht der Wissenschaftsverlage brechen.

Matthias Egger: Herr über eine Milliarde Franken Forschungsgelder. Foto: Franziska Rothenbühler

Matthias Egger: Herr über eine Milliarde Franken Forschungsgelder. Foto: Franziska Rothenbühler

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Wie kaum ein anderer Wissenschaftler hat Matthias Egger eine Forschungsdisziplin geprägt und in der Schweiz gross gemacht. Die Gesundheitswissenschaf­ten – auf neudeutsch «Public Health» – und auch die Epidemiologie würden ohne den Berner Arzt heute bei weitem nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten. So war es Egger, der über viele Jahre wichtige Erkenntnisse zur Prognose der HIV-Infektion in der Schweiz und in Afrika beisteuerte. Er half auch beim Design der ­erfolgreichen Ebola-Impfstudie 2015 in Guinea entscheidend mit, und seine Forschungsgruppe konnte in einer viel beachteten Übersichtsstudie zeigen, dass homöopathische Heilmittel nicht besser wirken als Scheinmedi­kamente.

Ein erfolgreicher Wissenschaftler ist Egger also allemal, nun ist er seit einem halben Jahr auch Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und damit das Aushängeschild der Forschungsförderungs-Organisation und deren oberster Verkäufer. Und auch in dieser Rolle macht der 60-Jährige eine gute Figur: «Der Nationalfonds ist eine fantastische Organisation, die in der Schweizer Forschungslandschaft eine ganz wichtige Rolle spielt», sagt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs am Sitz des Nationalfonds hinter dem Bahnhof Bern. Man merkt bei den Worten: Da ist einer mit voller Begeisterung und grossem Enthusiasmus am Werk.

Wissenschaftsverlage sind hochprofitabel – ­dank Staatsgeldern.

Egger ist in Bern aufgewachsen, in einem bildungs- und kunstnahen Haushalt, Vater Architekt, die Mutter half als Sozialarbeiterin im IKRK nach dem Zweiten Weltkrieg mit, Flüchtlinge zu repatriieren. Ende 1967 starb sein zwei Jahre älterer Bruder unerwartet, wahrscheinlich an einer Komplikation der Grippe – ein einschneidendes Erlebnis für den damals Zehnjährigen. Der Tod weckte allerdings auch Eggers Interesse an der Medizin. Er studierte in Bern, verdiente sich hier seine ersten klinischen Sporen ab in Chirurgie, Pädiatrie und innerer Medizin, ging dann aber bald nach England, weil ihn vor allem die «bevölkerungsorientierte Medizin» interessierte, und machte an der London School of Hygiene and Tropical Medicine einen Master in Epidemiologie. In England lernte er auch seine Frau Nicola Low kennen, ebenfalls eine Epidemiologin. Zusammen haben die beiden zwei Töchter, 15 und 17 Jahre alt, beide in England geboren. Low arbeitet heute wie ihr Mann als Professorin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

Kulturwandel in der Wissenschaft

Nun ist Egger also Forschungsratspräsident des SNF. Und in dieser Funktion möchte er einiges bewirken. Potenzial sieht er vor allem beim Kern­geschäft des SNF, der Evaluation von Forschungsprojekten und der damit verbundenen Vergabe von Fördergeldern – es sind dies knapp eine Milliarde Franken pro Jahr. Zum Beispiel in der Biomedizin werde immer noch zu viel Wert darauf gelegt, in welchen Zeitschriften die Forschenden publizierten, sagt Egger. Heute wisse man aber, dass der ­sogenannte Impact Factor der Journale – eine Art Ranking der Wissenschaftszeitschriften – als Kriterium für die Beurteilung von Forschungsarbeiten nicht viel tauge. «Ich bin absolut entschlossen, dass wir das beim SNF jetzt ändern und die Arbeiten danach beurteilen, welchen Beitrag sie zur Forschung leisten.»

Eine Frau wird gegen Grippe geimpft. Foto: Getty

Nichts weniger als einen Kulturwandel in der Wissenschaft strebt Egger also an. Gelingt ihm das auch nur ansatzweise, wäre dies ein grosser Erfolg. Denn heute entscheidet vor allem die Publikationsliste darüber, ob ein talentierter junger Forscher Karriere macht oder nicht. Es gilt: Wer seine Arbeiten nicht in sogenannten Luxusjournalen wie «Nature», «Science», «Cell» oder «New England Journal of Medicine» veröffentlicht, hat in der Regel wenig Aussichten auf ein Förderstipendium oder einen Job an einer Hochschule. Das würden die Wissenschaftsverlage auch gnadenlos ausnutzen, sagt Egger. «Die Macht, die sie über die Wissenschaft haben, ist unglaublich. Und das ist schlecht.»

Wenn das Gespräch auf das Thema Wissenschaftsverlage und Wissenschaftspublizistik kommt, kann sich Egger sichtlich in Rage reden. Elsevier, Springer, Wiley und Co. würden einfach Geld aus staatlichen Finanzierungen absaugen. «Das ist schädlich», sagt Egger. Und zwar doppelt, denn das System schaffe auch falsche Anreize und korrumpiere die Evaluationskultur.

Seine Kritik ist verständlich, denn das Geschäft des «Science Publishing» dient heute vor allem den grossen Verlagen. Diese erhalten die Manuskripte der Forscher gratis, sie lassen sie von anderen Wissenschaftlern ebenfalls gratis beurteilen (reviewen) und verkaufen dann die Publikation zu horrenden Preisen an Bibliotheken und private Nutzer. Das Geschäft ist hochprofitabel, Elsevier macht eine Umsatzrendite von 40 Prozent, der CEO kassiert laut Egger ein Salär von etwa 15 Millionen Franken. «Das macht mich grantig», sagt Egger. Die Autoren der Papers hingegen, die Wissenschaftler also, gehen leer aus, mehr noch, sie treten sogar das Recht an ihrem geistigen Eigentum ab. Viele Journale verbieten es nämlich den Forschern, die eigenen Arbeiten zum Beispiel auf der Website des Labors frei zugänglich zu publizieren.

Leidenschaftlicher Lehrer

Wenn man dieses System brechen wolle, sagt Egger, dann müssten in erster Linie die Geldgeber ihre Verantwortung wahrnehmen. Die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung oder der Wellcome Trust (UK) seien da sehr fortschrittlich. Wer von diesen Organisationen Forschungsgelder erhält, kann nur noch in Journalen publizieren, deren Artikel öffentlich und gratis zugänglich sind. Open Access (OA) heisst dieses System. Bei staatlichen Förderinstitutionen wie dem SNF sei das schwieriger, weil da auch noch die Politik und die Gesetzeslage eine Rolle spielten.

Trotzdem hat der SNF schon vor rund zehn Jahren die Devise herausgegeben, dass mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung auch öffentlich zugänglich sein sollte. Nur: In der Praxis funktioniert diese Idee mehr schlecht als recht. Immer noch sind nur etwa die Hälfte aller vom SNF finanzierten Studien öffentlich zugänglich, also OA. Egger wird nun den Druck auf die Forscher sanft erhöhen. «Unser Ziel ist es, dass bis 2020 hundert Prozent der vom SNF finanzierten Forschung OA ­publiziert wird.» Er selber geht dabei mit gutem Beispiel voran. Er achte sehr darauf, alle Studien aus seiner Forschungsgruppe OA zu publizieren.

Wie seine Vorgänger als SNF-Forschungsrats­präsidenten behält auch Egger ein Bein in der Forschung und Lehre. «Ich unterrichte sehr gerne», sagt er. Die Leitung des Instituts, dem er 15 Jahre vorstand, will er hingegen abgeben, die Stelle ist ausgeschrieben. Man solle sich nicht zu viel aufbürden, sagt Egger. Als Leiter einer 20-köpfigen Forschungsgruppe wird er also weiterhin fleissig zwischen Institut und SNF pendeln. Gut, dass die beiden Arbeitsstätten nicht mal fünf Gehminuten voneinander entfernt sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 18:05 Uhr

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