Kämpfer gegen bösartige Tumore

Gentests zeigen, wie hoch das Risiko ist, an Brustkrebs zu erkranken. Der Forscher Alan Ashworth sagt, dass auch Männer bei einer Mutation auf einem Brustkrebsgen gefährdet seien.

«Kein System, bei dem nur die Reichen behandelt werden»: Alan Ashworth will Krebsbehandlungen für alle Menschen zugänglich machen. Foto: Frédéric Neema (Laif)

«Kein System, bei dem nur die Reichen behandelt werden»: Alan Ashworth will Krebsbehandlungen für alle Menschen zugänglich machen. Foto: Frédéric Neema (Laif)

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Angelina Jolie wagte den heiklen Schritt, ihre Gene testen zu lassen. Denn ihre Mutter, ihre Grossmutter und ihre Tante starben alle an Krebs. 2013 gab die Hollywoodikone öffentlich bekannt, dass auch sie die Mutation auf dem Brustkrebsgen BRCA-1 geerbt habe. Sie liess sich umgehend prophylaktisch operieren: Zuerst die Brüste entfernen, später die Eierstöcke. «Durch diese radikalen chirurgischen Eingriffe hat sie ihr Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, fast komplett eliminiert», sagt Alan Ashworth.

Seit mehr als 20 Jahren kämpft der britische Molekularbiologe und Mitentdecker des zweiten Hochrisikogens BRCA-2 gegen Brustkrebs. «Es war damals ein weltweites Wettrennen, wer es finden würde», erinnert sich Ashworth, der Ende 1994 von dem Onkologen Michael Stratton angefragt wurde, um bei der Suche mitzuhelfen. Man habe geahnt, dass es neben BRCA-1 noch ein weiteres Gen geben müsse. Nach einem Jahr harter Laborarbeit hatten sie es auf dem Chromosom 13 identifiziert und drei Wochen später die Entdeckung bereits in der Fachzeitschrift «Nature» publiziert. Kurz danach testete man schon die Gene der ersten Patientinnen. Das sei ungewöhnlich schnell gegangen.

Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebsart bei Frauen, knapp 1,7 Millionen neue Fälle wurden im Jahr 2012 diagnostiziert. Allein in der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 6000 Frauen. Im Durchschnitt sind von allen betroffenen Patientinnen aber nur etwa 5 bis 10 Prozent ähnlich erblich vorbelastet wie Angelina Jolie. Ein fehlerhaftes BRCA-Gen könne jedoch auch bei Männern zu Krebs führen und etwa das Risiko für Prostatakrebs auf bis zu 40 Prozent und das für Brustkrebs auf bis zu 10 Prozent erhöhen, warnt Ashworth. Es seien also nicht nur Frauen von den BRCA-Mutationen betroffen. Zudem verursache der Gendefekt ein höheres Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Männern sowie Frauen.

«Yes, you can do it»

Der 57-jährige Brite ist ein Pionier der Krebsforschung. Er amtet seit 2015 als Direktor am Krebszentrum der University of California und leitet zudem seit 2016 gemeinsam mit der Schweizer Medizinerin Pamela Munster das BRCA-Forschungszentrum. Obwohl Ashworth in den USA längst Wurzeln geschlagen hat und sich sehr wohlfühlt, vermisst er gewisse Traditionen seiner Heimat. «Amerikaner bereiten den Tee mit lauwarmem Wasser zu», sagt er bei unserem Treffen in einem Seminarraum der Universität und lacht. Obendrein liessen sie auch noch den Teebeutel ewig in der Tasse hängen. Ein Unding für einen Briten mit Teekultur!

Aufgrund seines astreinen britischen Akzents würde man ihm in den USA oft sofort 20 IQ-Punkte mehr geben, dies amüsiere ihn ebenfalls. Andererseits findet Ashworth, San Francisco sei ein wunderbarer Ort mit vielen inspirierenden Menschen, die den ungebrochenen Willen hätten, die Welt zu verändern. Ganz nach dem Motto «Yes, you can do it».

Diese positive Einstellung behagt ihm ganz besonders, da er selbst alles gibt, um kranken Patienten zu helfen. Sein Ziel ist, verschiedene Wege zu finden, Krebs zu heilen. «Meine Arbeit ist mein Hobby», sagt Ashworth. «Ich kann mir nichts Besseres vorstellen.» Zehn Jahre nach der Entdeckung von BRCA-2 entwickelte er in Grossbritannien einen neuen Therapieansatz für Patientinnen mit Mutationen auf den Genen BRCA-1 und BRCA-2. Der verabreichte Wirkstoff, ein «Parp»-Blocker, den die Pharmaindustrie ursprünglich für etwas anderes entwickelt hatte, setzt bei Krebszellen ein DNA-Reparaturprotein ausser Gefecht: Es kommt zum Wachstumsstopp der Krebserkrankung.

Am Anfang hielt jeder seine Idee für verrückt, erinnert sich Ashworth. Doch er liess nicht locker und überredete einen Postdoc, das Experiment durchzuführen. Als Ashworth dann das Ergebnis sah, war sein erster Gedanke, dass dies nicht sein könne, viel zu perfekt, vermutlich ein Fehler. Doch sogar tausendmal mehr Krebszellen starben ab als bei den gesunden Zellen aus der Vergleichsprobe.

Wie schwer es für Patienten ist, wenn es keine Aussicht auf Heilung mehr gibt, hat Ashworth auch privat miterlebt.

Hat der Versuch später noch mal geklappt? «Ja, und wie», antwortet er. Der Parp-Blocker war für die Krebszellen tatsächlich pures Gift. Inzwischen wird er längst ausserhalb des Labors eingesetzt und heisst Olaparib. Dieser Wirkstoff von Astra-Zeneca ist für die Behandlung von BRCA-positivem Eierstockkrebs zugelassen. Zudem war er vor kurzem auch in klinischen Studien der Phase 3 bei Brustkrebs mit denselben genetischen Auslösern wirksam. Das sei fantastisch und ein Durchbruch, freut sich Ashworth. Allerdings könne man sich keineswegs zurücklehnen, da die Therapie nicht bei allen gleich gut funktioniere.

Wie schwer es für Patienten ist, wenn es keine Aussicht auf Heilung mehr gibt, hat Ashworth auch privat miterlebt. Vor zwei Jahren verlor er einen guten Freund und Forscherkollegen wegen Darmkrebs. Und ein paar Jahre zuvor starb sein Vater an Lungenkrebs. Er habe ihn damals zu den Ärzten begleitet und sich machtlos gefühlt, erzählt er. Denn er habe genau gewusst, was die Diagnose zum damaligen Zeitpunkt bedeutet habe. Sein Vater begann im Zweiten Weltkrieg zu rauchen, als man den Soldaten Zigaretten schenkte. Obwohl er 40 Jahre vor seinem Tod nicht mehr rauchte, fiel er der Krankheit zum Opfer.

Kein Zweiklassensystem

«Zurzeit tut sich in der Krebsforschung insgesamt sehr viel», sagt er. So wurde in den USA im August erstmals eine Gentherapie gegen Krebs zugelassen. Mit der Kymriah genannten Therapie von Novartis wird eine Form der akuten lymphatischen Leukämie bei jungen Menschen unter 25 Jahren behandelt. «Es ist die bisher teuerste Krebsbehandlung», sagt der Brite. Sie koste 475'000 US-Dollar. Dabei seien die immensen Kosten für die Behandlung im Spital noch nicht mitgerechnet.

Die Therapie mit veränderten Immunzellen sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, doch könne sie auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben. Vor einem Monat kam nun die zweite massgeschneiderte Zelltherapie auf den Markt. Das Präparat Yescarta von Kite Pharma ist zur Behandlung von bestimmten Formen von Lymphdrüsenkrebs gedacht. Es kostet 373'000 US-Dollar.

Ist dies nicht viel zu teuer? «Das ist die grosse Frage», sagt er. «Wir wollen kein System, bei dem nur die Reichen behandelt werden», sagt er. Als Universitätsklinik seien sie für alle da. Deshalb solle man irgendwie versuchen, vor allem bei den Produktionskosten massiv zu sparen. Denn die Patienten müssten weiterhin nach bestem Wissen und Gewissen therapiert werden. Er selbst setzt alles dran, die tückische Krankheit zu besiegen. Freizeit hat der engagierte Krebsforscher dabei kaum noch. Doch das stört ihn auch nicht gross. «Ich liebe das, was ich mache», sagt er. Und kann dabei Neues entdecken und gleichzeitig Menschen helfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2017, 10:41 Uhr

Eine Krebszelle. Foto: CIPhotos, iStock

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