Kiffende Mütter, berauschte Senioren

Ab heute ist Cannabis in Kanada legal. Was macht das mit den Menschen? In der Medizin gibt es noch viele Wissenslücken.

Legales Kiffen: Kanada legalisiert den Cannabiskonsum. Video: AFP

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Kann der Vermieter das Kiffen verbieten? Darf ich nach dem Joint Auto fahren? Wo gibt es Gras zu kaufen? Das sind die einfacheren von all den Fragen, die viele Kanadier derzeit umtreiben. Die Antworten lauten: Wahrscheinlich ja, nein und im Hanfladen. Deutlich schwieriger abzuschätzen ist, wie das landesweite Experiment ausgehen wird, das heute in Kanada beginnt. Das Land legalisiert als erster grosser Industriestaat Cannabis – nicht nur für den medizinischen Gebrauch, sondern für jeden Erwachsenen ab 18 Jahren. Legal ist Cannabis sonst nur noch in Uruguay, dort aber streng kontrolliert, sowie in Teilen Indiens und der USA, aus denen es die meisten Erkenntnisse gibt.

In etwa dreissig US-Bundesstaaten ist Cannabis als Arznei zugelassen, in neun ist es auch als Freizeitdroge freigegeben. Dort können die Amerikaner nicht nur unbehelligt den Joint kreisen lassen, sondern auch Geschäfte mit Produkten aus der Hanfpflanze machen. Cannabis ist in diesen Bundesstaaten der Stoff einer Milliarden-Dollar-Industrie. Allein in Colorado wurden damit im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden Dollar umgesetzt. Der Fiskus nahm fast 250 Millionen Steuern und Gebühren ein. Leuchtreklamen, Schaufensterdekoration, Plakatwände voller selbstbewusster Konsumenten – Graswerbung ist weit verbreitet. In Oregon etwa hatte schon einen Monat nach der Legalisierung mehr als jeder Zweite Werbung für Cannabis gesehen.

Kein steigender Konsum

Was macht das mit den Menschen? Wird nun alles schlimmer, was man grundsätzlich befürchten muss: Abhängigkeit, Psychosen, Verkehrsunfälle, kog­nitive Probleme bei Jugendlichen und jenen, die extrem viel konsumieren? Belastbare Erkenntnisse dazu hat noch niemand. Aber zumindest scheinen nach der Legalisierung nicht wesentlich mehr Jugendliche Cannabis zu konsumieren als vorher. In Colorado, wo es bereits 2012 legal wurde, blieben die Konsumraten weitgehend gleich. Etwa jeder fünfte Heranwachsende erklärte in einer Untersuchung, innerhalb des zurückliegenden Monats Cannabis zu sich genommen zu haben.

Video: Die weltweit ersten Hanf-Zigaretten aus der Schweiz

Wie und wo die Zigaretten mit CDB-Hanf produziert wird.

Gleichzeitig entdecken Experten besorgniserregende Entwicklungen: Die Bedeutungsverschiebung von verbotener Droge zum Medikament oder frei verkäuflichen Lifestyleaccessoire hat bei unerwarteten Gruppen die Hemmschwelle sinken lassen. So beobachten Mediziner, dass Schwangere häufiger Cannabis konsumieren. Die amerikanische Vereinigung der Kinderärzte warnte, dass die Rate binnen zwölf Jahren um sechzig Prozent angestiegen sei. Derzeit liegt sie landesweit bei fünf, unter sehr jungen Schwangeren bei mehr als acht Prozent. «Die Tatsache, dass Marihuana in vielen Staaten legal ist, kann den Eindruck hinterlassen, dass die Droge harmlos ist», sagt Sheryl Ryan, Medizinerin an der Penn State University. Das gelte umso mehr, als Marihuana neuerdings in den sozialen Netzwerken als Kur gegen Morgenübelkeit propagiert werde. Nur kann niemand sagen, wie genau sich der Stoff auf das Ungeborene auswirkt. Studien deuten an, dass die Babys etwas zu leicht auf die Welt kommen. Ryan fürchtet auf der Basis der bisherigen Daten zudem Langzeitfolgen für die Gehirnentwicklung der Kinder.

Gleichzeitig melden Notärzte in Bundesstaaten mit Legalisierung mehr Kinder, die lethargisch, mit Koordinationsstörungen, niedrigem Blutdruck und flacher Atmung zu ihnen gebracht werden – und bei denen sich dann herausstellt, dass sie versehentlich Cannabis geschluckt haben. In Colorado verzeichneten die Giftnotrufzentralen in den fünf Jahren nach der Legalisierung ein Drittel mehr Anrufe, in denen Eltern panisch berichteten, dass ihr Kind sich Haschischbröckchen in den Mund gestopft oder vom Cannabiskeks abgebissen hat.

Forscher, die sich im «Journal of Pediatrics» mit dieser Entwicklung beschäftigt haben, führen den Anstieg auf die leichtere Verfügbarkeit von Cannabis zurück. Denn mit der Kommerzialisierung der Droge sind Produkte erhältlich, die für Kinder attraktiv wirken. Auf dem Markt sind mit Cannabis versetzte Gummibärchen, Kekse oder Riegel, die noch dazu gerne in bunten Verpackungen daherkommen und teils bekannte Marken imitieren. «Keef Kat» steht auf Riegeln, die wie Kitkat aussehen, «Pot Tarts» haben die gleiche Aufmachung wie süsse Back­waren namens Pop Tarts. Am Geschmack lässt sich der gefährliche Inhaltsstoff nicht unbedingt erkennen, warnen Mediziner. Dass alle Eltern die Freizeitdroge kindersicher aufbewahren, ist illusorisch. Allein für Colorado schätzen die Behörden, dass in 14'000 Haushalten Kinder mehr oder weniger freien Zugang zu Cannabisprodukten haben.

Noch eine Gruppe gerät in den Fokus der Forscher: Besonders steil schiesst der Konsum bei Senioren nach oben. Untersuchungen der New York University ergaben, dass landesweit drei Prozent der Menschen, die 65 oder älter sind, im zurückliegenden Jahr Marihuana konsumiert haben. Das ist siebenmal mehr als etwa ein Jahrzehnt zuvor.

Nostalgie im Spiel

Der Konsum geht teils auf Gesundheitsbeschwerden zurück, die diese Generation mit Marihuana zu lindern sucht. Aber es scheint auch Nostalgie im Spiel zu sein. Benjamin Han, Geriater an der New Yorker Universität, verweist darauf, dass die heutige ältere Generation in einer Ära jung war, als Marihuana plötzlich populär wurde. «Wir erleben nun erneut eine Zeit, in der sich die Haltung zu Marihuana wandelt. Das Stigma nimmt ab, und der Zugang wird einfacher.»

Offenbar animiert dies viele Ältere, die Erlebnisse ihrer Jugend zu wiederholen. Doch genau dies bereitet Han und Kol­legen Sorgen. Denn seit den 60er- und 70er-Jahren hat der Gehalt des Hauptinhaltsstoffes Tetrahydrocannabinol im Cannabis zugenommen, die Konstitution der Wiedereinsteiger aber eher nachgelassen.

Und während man beim Alkohol mittlerweile recht gut wisse, welche Dosen im Alter ratsam und welche Wechselwirkungen mit Medikamenten möglich sind, fehlten solche Erkenntnisse beim Cannabis. Es ist nicht die einzige Wissenslücke, die die Kanadier haben, wenn die Hanfshops öffnen. Die Medizinervereinigung des Landes nannte die Entwicklung ein «unkontrolliertes Experiment», in dem wirtschaftliche und gesundheitliche Interessen einander entgegenlaufen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.10.2018, 09:52 Uhr

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Vier Hanfplanzen pro Haushalt erlaubt

Was den Umgang mit Cannabis betrifft, variieren die Gesetze der einzelnen Länder:

Schweiz: Produkte aus Hanfpflanzen, die sehr wenig Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten (weniger als ein Prozent), können legal verkauft und erworben werden. Der private Anbau von Hanf ist nur zulässig, wenn es sich um eine Sorte ohne berauschende Wirkung handelt. Ansonsten ist Cannabis als
verbotenes Betäubungsmittel eingestuft. Erwachsene werden beim Konsum mit einer Ordnungsbusse von 100 Franken bestraft. Der Besitz bis zehn Gramm ist nicht strafbar.

Kanada: Erwachsene dürfen künftig bis zu dreissig Gramm Marihuana oder eine entsprechende Menge eines anderen Cannabisproduktes auf sich tragen und mit anderen teilen. Essbare Produkte werden wegen des komplizierten Lebensmittelrechts nicht sofort auf den Markt kommen. Verkauft wird Cannabis – je nach Bundesstaat – in privat oder staatlich betriebenen Läden, in Alkoholhandlungen oder über das Internet. Werbung ist begrenzt, das Gesetz bietet aber Schlupflöcher, warnen Mediziner. Jeder Haushalt darf bis zu vier Hanfpflanzen anbauen.

Uruguay: Erwachsene dürfen entweder bis zu sechs Hanfpflanzen anbauen oder sich in einer Apotheke oder einem Cannabisclub registrieren, wo sie begrenzte Mengen der Droge erwerben können. Werbung ist
verboten. Der Staat hat die Kontrolle über Anbau, Preis und Qualität des Stoffs. Obwohl das Gesetz bereits 2013 verabschiedet wurde, läuft der Aufbau der Ausgabestellen schleppend.

USA: Auf Bundesebene ist Cannabis verboten und als Droge
der höchsten Gefährdungsklasse eingestuft. Es steht damit auf einer Stufe mit Heroin oder LSD. 2012 legalisierten Colorado und Washington Cannabis dennoch als Freizeitdroge. Seither folgten Alaska, Kalifornien, Maine, Massachusetts, Oregon und Vermont. Die Regelungen unterscheiden sich von Staat zu Staat. 13 weitere Staaten haben den Besitz kleinerer Mengen entkriminalisiert.

Niederlande: Cannabis ist illegal. Allerdings betreibt das Land eine Toleranzpolitik, die den
Betrieb von Coffeeshops ermöglicht. Die Lokale dürfen unter Auflagen bis zu fünf Gramm Cannabis pro Person und Tag verkaufen. Auch ausserhalb dieser Einrichtungen werden Besitzer kleinerer Mengen Cannabis nicht bestraft. (beu, jol)

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