Kinder aus dem Labor sind gefragt

Ein russischer Wissenschaftler plant, genveränderte Babys in die Welt zu setzen. Interessierte Eltern gibt es angeblich schon.

Vielerorts herrscht Uneinigkeit darüber, ob Eingriffe in das menschliche Erbgut erlaubt sein sollen. <nobr>Foto: Rafe Swan (Cultura Creative)</nobr>

Vielerorts herrscht Uneinigkeit darüber, ob Eingriffe in das menschliche Erbgut erlaubt sein sollen. Foto: Rafe Swan (Cultura Creative)

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Am 5. Dezember 2018 bekam ­He Jiankui eine E-Mail aus Dubai. Herzlichen Glückwunsch, stand da in etwas holprigem Englisch, zur Geburt der beiden ersten Babys, deren Erbgut He im Labor gentechnisch verändert hatte. Absender der E-Mail war eine Reproduktionsklinik in Dubai, die anfragte, ob der chinesische Biophysiker auch Kurse ­anbiete. Der Embryologe aus dem Emirat wolle lernen, wie man die Erbanlagen des Menschen manipulieren könne.

Damals war es kaum eine Woche her, dass He die Welt in Aufruhr versetzt hatte mit der Nachricht von der Geburt jener Zwillinge, deren Erbgut er so ­verändert haben will, dass sie immun waren gegen das Immunschwächevirus HIV. Ein ­riskanter Menschenversuch, den Expertinnen und Experten aus dem Gebiet unisono scharf verurteilten.

He verkündet im November 2018 die Geburt von genveränderten Babys. Video: Tamedia/Youtube/The He Lab

He soll trotzdem seither weitere Anfragen wie jene aus Dubai bekommen haben. Das berichtete der amerikanische Bioethiker William Hurlbut von der Stanford University vor ein paar Wochen. Der Chinese hatte ihn um Rat in der Angelegenheit gebeten. Hurlbuts Empfehlung für He: «Ich habe ihm gesagt: nicht antworten.»

Doch He ist nicht mehr allein mit seinem Plan, Menschen mit reparierten Genen zu erschaffen. Anfang Juni verkündete der russische Genetiker Denis Rebrikow, auch er wolle genetisch veränderte Kinder erschaffen. In der vergangenen Woche konkretisierte er sein Vorhaben gegenüber dem Magazin «New Scientist»: Er habe fünf Paare gefunden, die bereit wären, sich auf seine Experimente einzulassen. Sobald die russischen Behörden zustimmen, wolle er mit der Arbeit beginnen.

Der russische Genetiker dürfte die Technik beherrschen.

Während Bioethiker und Gentechnik-Experten weltweit noch die Köpfe schütteln über das ­Vorgehen des Chinesen He, stehen offenbar Mediziner und Patienten bereit, um fortzusetzen, was er begann. Die Nachfrage nach Kindern mit modifiziertem Erbgut ist offenbar da, ebenso wie das Angebot.

Rebrikow will Paaren, die genetisch bedingt gehörlos sind, zu hörenden Kindern verhelfen. Die ausgewählten Elternpaare tragen alle eine Mutation im Erbgut, die laut Rebrikow in der Bevölkerung Westsibiriens verbreitet ist. Sind beide Elternteile von diesem Leiden betroffen, besteht praktisch keine Chance, dass ihre Nachkommen hören können.

Mithilfe der Gen-Schere Crispr (siehe Infografik) will der Genetiker, der nach eigenen Angaben in einer der grössten Fruchtbarkeitskliniken Russlands arbeitet, das defekte Gen in Embryonen reparieren, bevor er diese den Frauen einsetzt. Dass er die Technik wirklich beherrscht, dafür spricht ein Aufsatz, den er im Oktober veröffentlichte. Darin beschreibt er genchirurgische Eingriffe in das Erbgut von nicht lebensfähigen menschlichen Embryonen.

«Zu früh, zu riskant»

Für Rebrikow sind die gehörlosen Paare das ideale «klinische Modell», wie er in einem Interview mit dem Journal «Science» sagte. Diese Erbkrankheit wird unweigerlich an das Kind weitergegeben, wenn beide Eltern die genetische Veranlagung dazu haben. Eine Präimplantationsdiagnostik, wie sie bei anderen Erbkrankheiten möglich ist, indem nach der künstlichen Befruchtung Embryonen ohne Defekt ausgewählt und der Mutter eingepflanzt werden, funktioniert in diesem Fall nicht.

Die Gene stattdessen zurechtzuschneiden, sei technisch möglich, sagte der Gentechnikexperte Gaetan Burgio von der Australian National University im «New Scientist». Doch der Einsatz beim Menschen sei «zu früh, zu riskant». Es besteht unter anderem die Gefahr, dass die Gen-Schere nicht nur an der defekten Stelle ins Erbgut eingreift, sondern ungewollt auch andere Bereiche des Genoms durcheinanderbringt. Solche «Off-Target-Effekte» können unvorhersehbare Folgen für die Kinder haben.

«Die geplanten Versuche sind klar unverantwortlich», sagt auch die Medizinethikerin Alena Buyx von der Technischen Universität München. Sie ist Mitglied des Komitees der Weltgesundheitsorganisation zu Genome Editing beim Menschen und leitet auch die Arbeitsgruppe zu Keimbahnexperimenten des Deutschen Ethikrats. Sie hofft, dass die russischen Behörden Rebrikows Versuche unterbinden. Stammzellforscher Dusko Ilic vom King’s College in London hält die Versuche ebenfalls für verfrüht. Da wolle noch ein Forscher Erster sein, ignoriere wichtige Sicherheitsaspekte und benutze «verzweifelte Menschen als Versuchskaninchen».

Die Transparenz wird gelobt

In der Schweiz konnte sich die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK) 2016 in einer Stellungnahme nicht darauf einigen, ob Eingriffe in das Erbgut menschlicher Embryonen grundsätzlich verboten sein sollten, so wie dies heute der Fall ist. Obwohl sich die Ereignisse seither überstürzt haben, gab es von der NEK noch keine weiteren Äusserungen zum Thema.

Der Deutsche Ethikrat hat hingegen vor einigen Wochen ein weltweites Moratorium für klinische Versuche gefordert. Die Ratsmitglieder halten Eingriffe in die Keimbahn, bei denen das Erbgut eines Menschen so verändert wird, dass er die Veränderung auch an seine Nachkommen vererbt, zwar nicht grundsätzlich für tabu. Doch müsste zunächst sichergestellt werden, dass die Eingriffe unbedenklich sind für den Nachwuchs.

«Selbst wenn Keimbahneingriffe einmal sicher sein sollten, so wären aus ethischer Perspektive klinische Erstversuche nur für schwere erbliche Erkrankungen zu erwägen», sagt Buyx. «Erste Versuche sollten nicht an zukünftigen Kindern erfolgen, die auch mit der unerwünschten Mutation ein relativ normales Leben führen können und für die es etablierte Behandlungsmöglichkeiten gibt.» Im Falle der gehörlosen Kinder wären das zum Beispiel Cochlea-Implantate.

So funktioniert ein Cochlea-Implantat. Video: Cochlear (Youtube)

Auch der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, hält gegenwärtig die Risiken eines genchirurgischen Eingriffs in die Keimbahn des Menschen für so unkalkulierbar, «dass jegliche Versuche schon unter Risikogesichtspunkten unverantwortlich erscheinen». Dabrock lobt in einer Stellungnahme immerhin die Initiative des Russen, mit seinen Plänen an die Öffentlichkeit zu gehen, und nicht, wie der Chinese He, im Verborgenen zu operieren. Der Ethiker glaubt auch, dass die von Rebrikow geplanten Versuche zur Gruppe der am ehesten als ethisch zu rechtfertigenden gehören.

«Fortschritt nicht mit Worten aufhalten»

Rebrikow hält Russland für einen guten Standort für solche Experimente. Politisch sei das Land nicht sehr frei, ganz anders jedoch in der Forschung. Diese Einschätzung dürfte den Genetiker und Ethiker Sergei Kutsew vom russischen Gesundheitsministerium überraschen. Der hatte kürzlich dem amerikanischen Radiosender NPR gesagt: «Ich bin mir sicher, dass Denis Rebrikow keine Chance hat, vom Ministerium eine Genehmigung zu bekommen.» Sicherheit und Nutzen des Eingriffs müssten erst abgewogen werden.

Der Nutzen ist angesichts einer nicht lebensbedrohlichen Erkrankung beim derzeitigen Entwicklungsstand der Technik allerdings eher fragwürdig. Wahrscheinlicher ist, dass Ethikkommissionen Experimenten zustimmen, wenn Embryonen ohne den genetischen Eingriff unweigerlich dem Tode geweiht sind. Solche Einwände oder Moratorien wischt Rebrikow ­beiseite. Im Interview mit «Science» ­sagte er: «Wir können den Fortschritt nicht mit Worten auf Papier aufhalten.»

Erstellt: 15.07.2019, 14:11 Uhr

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