Kleiner Wurm, verheerende Wirkung

Die Zahl der Fuchsbandwurm-Erkrankungen hat sich in der Schweiz vervielfacht. Unbehandelt führt der Befall beim Menschen meist zum Tod.

Gelangen die Eier des Fuchsbandwurms in die Umwelt, können sie Menschen infizieren. Foto: Frank Geisler

Gelangen die Eier des Fuchsbandwurms in die Umwelt, können sie Menschen infizieren. Foto: Frank Geisler

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Einige Patienten verspüren über Monate ein unspezifisches Druckgefühl im rechten Oberbauch, bei anderen ist es ein Zufallsbefund etwa aufgrund einer Ultraschalluntersuchung nach einem Unfall. Eine Infektion mit dem Fuchsbandwurm bleibt oft lange unentdeckt. Denn erst im späteren Verlauf treten Schmerzen, Gelbsucht, Übelkeit und Fieber auf. Unbehandelt führt der Parasitenbefall meist innerhalb von zehn Jahren zum Tod.

Die Erkrankung hat in der Schweiz im Vergleich zu den Zeiten vor der Jahrtausendwende um mehr als das Zweieinhalb­fache zugenommen. Dies fanden Forscher der Universität Zürich heraus, die Daten von 1956 bis 2005 auswerteten und im Fachjournal «Emerging Infectious ­Diseases» publizierten. Da die sogenannte alveoläre Echinokokkose hierzulande aber im Gegensatz zu Deutschland nicht meldepflichtig ist, gibt es kein nationales Register.

Schweizweit kommen nach Schätzungen von Experten jedes Jahr zwischen 50 und 100 Patienten neu dazu. «Es ist viel häufiger als früher», sagt Guido Beldi von der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital Bern. Inzwischen würden sie in Bern jährlich etwa acht- bis vierzehnmal die parasitäre Wurmkrankheit diagnostizieren, während es Ende der 90er-Jahre höchstens ein- oder zweimal gewesen sei.

Ähnlich sieht die Situation auch im Universitätsspital Zürich aus. «Jedes Jahr haben wir zehn bis zwanzig neue Fälle», sagt Beat Müllhaupt von der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie. Die deutliche Zunahme könne zum einen daran liegen, dass die Diagnostik generell besser geworden sei – oder daran, dass es viel mehr Füchse in der Stadt gebe. Vor kurzem habe er sogar einen im Innenhof des Universitätsspitals gesehen.

Mehr infizierte Füchse leben in Siedlungsnähe

In Zürich leben momentan rund tausend Füchse. «Sie sind in der ganzen Stadt verbreitet», sagt Lukas Handschin von Grün Stadt Zürich. «Sie schlafen etwa auf einem Baugerüst mitten in der Stadt, ziehen durch die Strassen, und einer von ihnen musste sogar schon aus einem Bankgebäude herausgeholt werden.» Jetzt im Frühling kommen die Jungen auf die Welt, sodass die Population vorübergehend nochmals ansteigt. Doch nur etwa jeder Zehnte der Welpen überlebt: Sie sind oft unvorsichtig und sterben im Strassenverkehr.

Der Fuchs selbst erkrankt nicht am Parasiten, sondern dient ihm nur zur Vermehrung. Die geschlechtsreifen, drei bis vier Millimeter langen Würmer leben im Darm des Fuchses. Mit dem Kot scheiden die Tiere die reifen Wurmeier aus, die bei günstigen klimatischen Bedingungen sogar über Monate ansteckungsfähig bleiben. Der Fuchsbandwurm kommt vor allem im Mittelland und im Jura vor, wo 30 bis 40 Prozent der Füchse infiziert sind.

Die drei bis vier Millimeter langen Würmer leben im Darm des Fuchses. Foto: Keystone

«Wir haben die Eier des Fuchsbandwurms auch in besiedelten Gebieten nachgewiesen», sagt Peter Deplazes von der Universität Zürich. Dies sei nicht verwunderlich, da es inzwischen zehnmal mehr Füchse in Siedlungsgebieten habe als auf dem Land. In mehreren Studien wies der Zürcher Forscher vor ein paar Jahren nach, dass man mithilfe von Entwurmungsködern die Tiere effizient behandeln und dadurch das Infektionsrisiko in dem Gebiet drastisch senken könne.

Aus der Umwelt werden die infektiösen Eier von kleinen Nagetieren oral aufgenommen. Auch der Mensch kann sich über kontaminierte Böden, Nahrung oder Tierfelle anstecken. «Es ist immer noch unklar, was die grössten Risikofaktoren sind», sagt Müllhaupt. Generell sollte man bodennahes Obst und Gemüse vor dem Verzehr waschen. Und Waldbeeren seien entgegen der weit verbreiteten Meinung keineswegs besonders stark mit Bandwurmeiern belastet.

Der tückische Parasit sorgt immer noch für Überraschungen.

Doch nicht nur die Übertragungswege geben den Wissenschaftlern und Medizinern Rätsel auf. Bisher weiss man auch noch nicht, warum einige Menschen schwer erkranken, während andere auch Jahre nach einer Infektion keine Symptome entwickeln. Haben sie vielleicht zu wenig Erreger abbekommen? Oder besitzen sie ein besseres Immunsystem, sodass die Eindringlinge sofort abgetötet und beseitigt werden?

Der tückische Wurmparasit sorgt immer noch für Überraschungen. So widerlegte Anfang 2019 eine im Fachjournal «Frontiers in Public Health» von der Universität Wien veröffentlichte Untersuchung eine gängige Behauptung. Demnach erkranken Jäger nicht häufiger als die nicht jagende Bevölkerung am Fuchsbandwurm, obwohl sie regelmässig in Kontakt mit Fuchs­kadavern stehen.

Zudem berechneten Forscher des Instituts für Parasitologie der Universität Bern Ende 2015 im Fachblatt «Veterinary Parasi­tology», dass von insgesamt hundert Personen, die nachweislich mit dem Erreger infiziert sind und über spezifische Antikörper im Blut verfügen, nur einer erkrankt. «Die anderen scheinen resistent zu sein», erklärt Sven Baumann vom Universitätsklinikum Ulm, dem deutschen Kompetenzzentrum für Fuchsbandwurm-Erkrankung.

Auffällig ist, fügt Baumann hinzu, dass die Erkrankung erstmals in diesem Jahrhundert nun in Ungarn, Belgien, Slowenien, Litauen, Lettland, den Niederlanden und der Slowakei vermeldet wurde. Auch in Deutschland hat das Robert-Koch-Institut in Berlin steigende Zahlen von Patienten mit einer Fuchsbandwurm-Erkrankung zu verzeichnen und im vergangenen Jahr insgesamt fünfzig neue Fälle registriert.

Selten wandern die Würmer bis ins Gehirn

Die Wurminfektion ist zwar weiterhin selten – doch kann sie verheerende Folgen haben. Über die Darmwand und angrenzende Blutgefässe gelangen die Larvenvorstadien in die Leber, wo sie sich mit der Zeit zu aktiven Larven entwickeln und sich wie ein Tumor mehr und mehr ausbreiten. «In seltenen Fällen können sich auch Ableger in der Lunge oder im Gehirn bilden», sagt Müllhaupt. Deshalb sei es wichtig, einen Befall mit dem Erreger rechtzeitig zu erkennen.

Ist der Befall zu stark fort­geschritten, lässt sich das betroffene Gewebe nicht mehr operativ entfernen und damit auch nicht befristet mit Medikamenten nachbehandeln. In einem solchen Fall muss ein Patient sein ganzes Leben lang die Parasiten medikamentös in Schach halten und jeden Tag zwei Tabletten im Wert von 30 Franken schlucken. Diese ermöglichen aber, dass Betroffene trotz Erkrankung ungefähr die gleiche Lebenserwartung haben wie gesunde Personen.

Für den Fuchsbandwurm ist der Mensch eine biologische Sackgasse. «Denn eigentlich schliesst sich der Kreislauf des Parasiten über ein infiziertes Nagetier, das sich durch die Erkrankung kaum noch bewegen kann», sagt Deplazes. Und für den Fuchs eine leichte Beute sei.

Erstellt: 10.04.2019, 09:05 Uhr

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